
„In einer Krise sind alle Kliniken schnell am Limit“
Es brennt in der Klinik Husum. Ein nicht mobiler Patient schafft es nicht allein und muss aus dem Bettentrakt gerettet werden. Ein Helfer packt seine Matratze an einer Schlaufe, zieht diese mit dem Patienten vom Bettgestell herunter, anschließend durch den Flur und über die Treppe ins Freie.
Spezielle Fortbildung für den Brandfall
Ein Krisenszenario, das noch nicht eingetreten ist - auf das die Klinik Husum aber durch die speziellen Rettungsmatratzen in jedem Klinikbett besser vorbereitet ist als ohne dieses Detail. Die Matratzen sind nur ein Beispiel aus der umfangreichen Krisenvorsorge des Klinikums Nordfriesland. Ein anderes ist die spezielle Fortbildung für Mitarbeitende, wie sie sich in einem Brandfall verhalten sollten. Die Schulung unter Realbedingungen geht deutlich über die üblichen Pflichtschulungen hinaus., zum Beispiel akute Rettung aus Gefahrenzonen, Bewegung in verdunkelten Bereichen unter Stess und Löschen von echten Bränden. Die Beispiele zeigen, dass die Klinikleitung seit Jahren dabei ist, sich auf Vorfälle vorzubereiten, die sich außerhab des Normalbetriebs ereignen könnten - ohne diese zu vernachlässigen.
Krankenhauseinsatzleitung muss etabliert sein
Das betrifft Brände und Wasserschäden genauso wie die umfangreiche Versorgung von Verwundeten - auch im Fall einer militärischen Auseinandersetzung. Für solche Fälle gibt es die Krankenhauseinsatzleitung, die für viele Szenarien standardisierte Abläufe und die Zusammenarbeit etwa mit Landkreis, Feuerwehr, THW, Polizei und Bundeswehr vorbereitet hat.

„Allein kann eine Klinik eine Krise größeren Ausmaßes nicht bewältigen“
Partnerschaften sind wichtig
In Nordfriesland legt man Wert darauf, seine Partner in einer Krise zu kennen. „Allein kann eine Klinik eine Krise größeren Ausmaßes nicht bewältigen“, steht für Klinik-Geschäftsführer Stephan W. Unger fest. Bewährt hat sich die intensive Beschäftigung mit möglichen Krisen in der Pandemie, als die Klinik in Husum früher als andere Krankenhäuser eine Schleuse außerhalb des Krankenhauses aufgebaut und die Abläufe im Haus etabliert hatte. Zu den zahlreichen Themen, die besprochenund vorbereitet werden müssen, zählt auch der Umgang mit den Beschäftigten in der Krise. Unger ist sicher, dass die Klinik-Angestellten in einer Krise alles dafür tun würden, ihre Patienten zu schützen. Was aber, wenn gleichzeitig Angehörige der Angestellten bei der Bundeswehr sind und in eine militärische Auseinandersetzung geraten? Auch über diese Möglichkeit macht man sich in Husum Gedanken - eine im Klinikum initiierte PSNV-Gruppe spielt die psychosoziale Notfallvorsorge in Szenarien durch.
„Nicht im Dornröschenschlaf bleiben"
Stephan Marschall ist als eigens eingerichtete Stabsstelle der Geschäftsführung am Klinik tätig und einer von denen, auf die es in einer Krise und in der Vorbereitung ankommt. Die Haltung des Brand- und Katastrophen-Experten: „Kliniken dürfen nicht im Dornröschenschlaf bleiben. Wir müssen uns mit einer geänderten Weltlage beschäftigen - auch als Klinik der Grund- und Notfallversorgung.“ Das bedeutet auch, dass sich die Klinikverantwortlichen viel mit der Bundeswehr austauschen. In Husum gibt es das Spezialpionierregiment 164, das im Krisenfall Infrastruktur für die Klinik bereitstellt.

„Wir müssen uns mit einer geänderten Weltlage beschäftigen - auch als Klinik der Grund- und Notfallversorgung.“
Rat aus Nordfriesland: Austausch mit der Bundeswehr
Nicht immer bestehen, wie in Husum, keine Berührungsängste zwischen dem zivilen Gesundheitswesen und der Bundeswehr. Unger rät, dennoch den Austausch zu suchen, wenn dies vor Ort möglich ist. Wichtig ist den Klinikverantwortlichen in Husum: Sich zu vernetzen, vor die Lage zu kommen, für Krisen zu sensibilisieren, zu üben und Strukturen zu schaffen. Zu diesen Strukturen gehört auch, sich mit den anderen Klinikträgern in der Region über die zur Verfügung stehenden Kapazitäten auszutauschen.
Geht die Klinikreform an die Reserven?
Kritisch sieht Klinikmanager Unger in Zusammenhang mit den erforderlichen Krisenvorbereitungen einzelne Regelungen der Krankenhausreform. Die sieht eine Konzentration von Leistungen vor und könnte zu einem Abbau von Standorten führen. Unger ist bewusst, dass dies im Regelbetrieb eventuell kostengünstiger sein könnte. Er und Marschall geben aber zu bedenken: „In einer Krise sind alle bestehenden Krankenhäuser schnell am Limit.“ Sie verweisen darauf, dass in der Zeitspanne des „kalten Krieges“ stets Reserven vorgehalten wurden, auch in der stationären Versorgung. Ein Abbau von stationären Kapazitäten, befürchten sie, könnte in einer Krise fatale Auswirkungen haben.






