
Ideen jenseits ausgetretener Pfade
In der Praxis fällt Licht durch hohe Fenster, dahinter liegt eine grüne Landschaft. Auf einem Sofa schnurrt eine graue Katze vor sich hin, gechillte Klaviermusik perlt durch den Raum, im Kaminofen knistert ein Feuer. Nichts davon ist Zufall, verrät Dr. Jochen Leifeld: „Patienten kommen mit gequält-griesgrämigen Schmerzgesichtern rein, entspannen aber meist schon, wenn sie die Katze streicheln oder die Musik wahrnehmen.“
Kaum Schmerzpraxen im ländlichen Raum
Was Schmerzbetroffenen hilft, damit befasst sich der Neurochirurg Leifeld seit Jahrzehnten. Früher befand sich seine Praxis in Rendsburg, inzwischen arbeitet er in einem Dorf im nördlichen Dithmarschen. Sein Umzug aus der Kreisstadt in die ländliche Eider-Treene-Sorge-Region sei beim Zulassungsausschuss der KV anfangs auf Skepsis gestoßen, berichtet er: „Es hieß, so eine Spezialpraxis gehöre in eine größere Stadt mit besserer Verkehrsanbindung. Aber ich konnte die Performance sogar steigern, und jetzt betreibe ich hier im ländlichen Raum eine der größten Schmerzpraxen im Norden.“
Das liegt auch daran, dass Schmerzpraxen im nördlichen Schleswig-Holstein dünn gesät sind – obwohl die KVSH, anders als andere KVen, die Schmerztherapeuten der verschiedenen Fachgruppen in die Bedarfsplanung des Landes eigens aufgenommen hat. Doch es fehlen Ärzte für diese Sitze.
„Schmerzmedizin ist auch und zum größten Teil sprechende Medizin.“
Leifeld macht sich Gedanken darüber, wie Schmerzpatienten künftig versorgt werden können. Während die Zahl der Praxen sinkt, steigt die Zahl der Betroffenen. In dieser Lage sieht er drei Möglichkeiten: „Wenn man nicht weniger Zeit pro Patient hinnehmen will, braucht man mehr Ärzte im System, nur die ,richtigen‘ Patienten und zwar rechtzeitig – oder: neue Formate.“ Denn Schmerztherapie ist aufwändig: „Schmerzmedizin ist auch und zum größten Teil sprechende Medizin“, sagt der Arzt. „Das kostet Zeit. Etwa Fibromyalgie-Kranke benötigen immer aufs Neue viel Zuwendung, um Vertrauen aufzubauen. Da wird Neurochirurgie zur Begegnungsmedizin, mit langen Gesprächen, um sich in Ruhe alles von der Seele zu reden.“
Erfolgsfaktor Kleingruppen
Einige dieser neuen Formate wurden in Schleswig-Holstein bereits getestet. Im Rahmen des Projektes „Schmerz-STRANG“, initiiert von der Ärztegenossenschaft Nord, über den Versorgungssicherungsfonds des Landes gefördert, probierten mehrere Praxen unter anderem telemedizinische Angebote aus. „Schmerztherapie ist multimodal und braucht ein Netz von Kooperationspartnern in der Physio-, Psycho- und Ergotherapie, auch in der interventionellen Radiologie, zu Operateuren, dort geht es Leifeld allerdings eher um die Vermeidung als um die Initiierung operativer Lösungen.
Als Erfolgsfaktor hat Leifeld die Arbeit mit Kleingruppen aus Patienten mit ähnlichen Beschwerden ausgemacht. „Es geht um Ablenkung und Stärkung. Wir treffen uns daher gern draußen am Fluss“, berichtet Leifeld. Er lässt Patienten oft anstelle von Schmerzstärke-Kalendern ein „Beutebuch“ führen, in das sie schöne Erinnerungen eintragen. „Kleingruppen bedeuten Vervielfachung der Arztzeit, weil ich in einer Stunde vier oder fünf Personen statt nur einer betreuen kann. Die Patienten profitieren durch die Interaktion und Tipps der anderen sogar doppelt“, so Leifeld. Es gibt also viele Gründe für dieses Verfahren, das anfangs in einer Masterarbeit wissenschaftlich ausgelotet wurde. Aber das Projekt endete 2022 nach drei Jahren. Bedauerlich, findet Leifeld: „Das Land hat immerhin Geld ins Projekt gesteckt. Wir haben evaluierte Erkenntnisse, dass es funktioniert, können aber nicht weitermachen.“
Leifeld kritisiert unflexibles System
Das Kieler Gesundheitsministerium kann daran zurzeit nichts ändern. Ein Sprecher verwies auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes auf die Rolle der Selbstverwaltung und den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA): „Das Land hat keine aktive Rolle dabei, geförderte Projekte in die Regelversorgung zu überführen, es kann lediglich vermittelnd beitragen.“ Leifeld ärgert sich über das oft unflexible System, das es schwer mache, neue gute Ideen einzuführen: „Wir haben mit Politik, KV und Kassen geredet, aber sind zu keinem Ergebnis gekommen.“
Die Suche nach anderen Formaten gibt er aber nicht auf. So kann er sich den Einsatz von KI in der Patientenverwaltung vorstellen, etwa für die Daten- und Diagnoseauswertung. Auch neue Berufsgruppen könnten entlasten, etwa Physician Assistants.
„Schmerz-Clubs" als Zukunftsvision
Darüber hinaus glaubt Leifeld weiter an die Idee, Schmerzpatienten in Gruppen zu behandeln. Er arbeitet am Konzept eines „Schmerz-Clubs“, der eines Tages neben der Schmerzpraxis entstehen könnte, angedacht ist die Trägerschaft einer Stiftung. „Es dauert seine Zeit, so etwas aufzubauen, aber ich habe im Lauf meiner langen Tätigkeit gelernt, dass Schmerztherapie auch hoffen und Geduld haben bedeutet“, sagt Leifeld. Er deutet auf die Musikanlage, aus der immer noch leise Musik quillt. Ein Patient, im Hauptberuf Pianist, hat die Stücke aufgenommen, gerade läuft eines von Leifelds Lieblingsstücken: Frank Sinatras „My way“.





