Dr. Ralf van Heek wies auf die Bedeutung des medizinischen Personals bei der Förderung der Impfbereitschaft hin.
Dr. Ralf van Heek ©Martin Geist
Dr. Ralf van Heek ©Martin Geist

HPV-Impfung: Mehr Aufklärung erwünscht

Die HPV-Impfung schützt vor Krebs – dennoch sind die Impfquoten ausbaufähig. Eine Fachtagung der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein und des Landesgesundheitsministeriums zeigte, woran das liegen und wie man das ändern könnte.

Martin Geist

Im Grunde ist es unverständlich: Wenn es um HPV-Viren geht, ist der Traum von der Impfung gegen Krebs Realität. Und doch nutzen viel zu wenige die Chance, sich vor Gebärmutterhalskrebs und vielen anderen bösartigen Erkrankungen zu schützen. Auf der Impffachtagung der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung Schleswig-Holstein (LVGFSH) berieten Expertinnen und Experten über Wege, die Impfbereitschaft zu erhöhen.

Humane Papillomviren (HPV) sind für etwa 70 % aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich. Sie können aber auch Analkrebs oder die Entstehung von Karzinomen an Vulva, Penis sowie im Mund- und Rachenraum auslösen. Die landesweite Impffachtagung befasste sich am 21. Mai unter dem Motto „HPV im Fokus“ genau mit diesem Erreger und mit den Möglichkeiten, die sich durch eine seit Jahren bewährte Impfung bieten.

Olaf Tauras (CDU), neuer Staatssekretär im Landesgesundheitsministerium und Nachfolger des aus familiären Gründen zurückgetretenen Dr. jur. Oliver Grundei, vermittelte in seinem Grußwort einen klaren Appell: „Wir dürfen bei der Aufklärung nicht nachlassen.“ Schließlich seien andere Länder den Deutschen in Sachen HPV-Impfung „ein gutes Stück voraus“.

HPV ist nach Angaben der aus Köln zugeschalteten Expertin Prof. Ulrike Wieland an 4–5 % aller Krebserkrankungen schuld. Wie viel Leid damit verbunden sein kann, verdeutlichte bei der Tagung eine Ausstellung, die eindringlich Schicksale von Betroffenen schilderte. Das Fazit war eine Werbung fürs Impfen: „Pikst kurz, schützt lang!“
Dr. Sylvia Hakimpour-Zern, stellvertretende Vorsitzende der LVGFSH, nannte die Impfquoten auch in Schleswig-Holstein „sehr, sehr ausbaufähig.“ Knapp 60 % der 15-jährigen Mädchen und weniger als 40 % der Jungen sind nach ihren Angaben vollständig geimpft. Vollständig bedeutet dabei in der Regel zwei Pikse, deren Wirkung nach bisherigen Erkenntnissen über Jahrzehnte anhält.

Dr. Sylvia Hakimpour-Zern, stellvertretende Vorsitzende der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung, begrüßte die Gäste.
Sylvia-Hakimpour-Zern ©Martin Geist
Dr. Sylvia Hakimpour-Zern, stellvertretende Vorsitzende der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung, begrüßte die Gäste.

Dr. Sylvia Hakimpour-Zern, stellvertretende Vorsitzende der LVGFSH, nannte die Impfquoten auch in Schleswig-Holstein „sehr, sehr ausbaufähig.“ Knapp 60 % der 15-jährigen Mädchen und weniger als 40 % der Jungen sind nach ihren Angaben vollständig geimpft.

Ziel der WHO: Bis 2030 Gebärmutterhalskrebs eliminieren

Wieland verwies auf die enormen Chancen, die eine Impfung bietet. Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), bis zum Jahr 2030 den Gebärmutterhalskrebs komplett zu eliminieren, ist aus ihrer Sicht durchaus realistisch. Für jüngere Frauen könne dies sogar deutlich früher erreicht werden. Wieland zitierte zahlreiche Studien, die durchweg dieselben Erkenntnisse liefern. Eine der wichtigsten lautet nach ihren Worten: „Alle sexuell aktiven Frauen werden HPV erwerben.“ Andersherum bedeutet das aber: Werden Mädchen vor ihren ersten sexuellen Kontakten geimpft, bleiben sie von dem Virus verschont.

Bei Männern sieht die Statistik etwas freundlicher aus, am Sinn einer HPV-Impfung besteht für Wieland und die Fachwelt allgemein aber ebenfalls kein Zweifel. Immerhin jeder Dritte zieht sich nach Angaben der Expertin aus Köln einen genitalen HPV-Typus zu, jeder Fünfte eine Hochrisikovariante mit gesteigerter Krebsgefahr.
Die Schutzwirkung der Impfung ist nach den von Wieland angeführten Studien überwältigend. Bei Gebärmutterhalskrebs beträgt der Immunisierungswert 95 bis nahezu 100 %, auch andere durch HP-Viren ausgelöste Krebsarten lassen sich um mehr als 90 % reduzieren.

In vielen Einzelfällen können damit auf einfache Weise Tragödien vermieden werden. Gebärmutterhalskrebs, auch Zervixkarzinom genannt, ist, nach Darstellung der Referentin, bei Frauen die vierthäufigste Krebsart, betroffen sind nicht selten auch ausgesprochen junge Frauen. Zumindest ein schöner Nebeneffekt der Impfung ist obendrein die Tatsache, dass sie zu 99 % Kondylome verhindert. Dabei handelt es sich um Genitalwarzen, die nicht unbedingt gefährlich sind, aber allemal unschön. Wieland verdeutlichte auch, dass der Kampf gegen HPV ein Wettlauf mit der Zeit ist. Alle Untersuchungen zeigen demnach: Die Impfung funktioniert am besten, wenn sie zwischen dem neunten und dem 14. Lebensjahr stattfindet. Bei etwas älteren Jugendlichen kann eine dritte Impfung wirken, schon zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr zeigen die Vakzine aber absolut keinen Effekt mehr.

Der Traum von einer Ausrottung HPV-bedingter Krebsarten reibt sich indes an der Realität. 40 % der Mädchen und 60 % der Jungen sind in Schleswig-Holstein (das damit immerhin etwas über dem Bundesdurchschnitt liegt) nicht vollständig oder gar nicht geimpft. Die Frage ist: Wie lässt sich das ändern?
Dr. Ralf van Heek, Vorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt:innen, verwies bei der Tagung in Kiel zunächst auf die enormen Möglichkeiten seiner Berufsgruppe. Im ersten Lebensjahr erreiche man eine Impfquote von praktisch 100 %, mit zunehmendem Alter und besonders nach der Grundschulzeit sackt dieser Wert merklich ab. Van Heek und andere sprachen sich dafür aus, bei der U11- beziehungsweise J1-Vorsorge anzusetzen und sie offizieller zu machen. Ein Mittel könnten verbindliche Einladungen ohne regelrechte Pflicht sein. Gute Erfahrungen wurden zudem dort gemacht, wo Eltern freundliche Erinnerungen erhalten, wenn sie oder besser ihre Kinder den betreffenden Termin nicht wahrgenommen haben. 

Gesundheits-Staatssekretär Olaf Tauras

 „Wir dürfen bei der Aufklärung nicht nachlassen.“

Gesundheits-Staatssekretär Olaf Tauras

Das Potenzial der Kommunikation

Nora Schmid-Küpke vom Robert Koch-Institut (RKI) thematisierte eine andere Möglichkeit: die Kommunikation. In aktuellen Projekten erprobt das Institut den Umgang mit Personen, die laut Schmid-Küpke eine gewisse „Impfzögerlichkeit“ an den Tag legen. Gemeint sind damit nicht die 5–6 % hartnäckige Impfgegner, sondern Menschen mit Bedenken unterschiedlicher Art. „Motivational Interviewing“ lautet eine Gesprächsstrategie, die besonders mit Empathie arbeitet: Zweifelnde ernst nehmen, ihren Ängsten so behutsam wie sachlich begegnen.

Erste Ergebnisse sind nach Angaben der Forscherin „sehr vielversprechend“. Ebenso wie die eines weiteren Projekts, das die Ärztinnen und Ärzten sowie die medizinischen Fachangestellten durch die Vermittlung handfester Informationen für den Dialog mit Impfzögerlichen wappnen und sie sozusagen zu wirkmächtigen „Impfluencern“ machen will. 

Einen Blick über die Grenzen vermitteltebDr. Anja Takle, ebenfalls vom RKI. Was die Rangliste der HPV-Impfquoten betrifft, konstatierte sie: „Wir führen souverän das untere Drittel an.“ Tatsächlich erreichen zum Beispiel Irland, Norwegen oder Portugal bei 15-jährigen Mädchen zwischen 91 und 96 %, während Deutschland um die 55 % dümpelt, Frankreich ist sogar noch etwas schlechter.

Einfache Erklärungen gibt es dafür nicht. Zwar bringen Schulimpfungen, die es in vielen Staaten gibt, gewisse Effekte, doch weist etwa Dänemark, das auf dieses Instrument verzichtet, mit 82 % ebenfalls eine sehr gute Quote auf. Gut zu klappen scheint es aus Sicht von Taklas, wenn Einladungen zum Impfen mit Erinnerungen an andere Termine kombiniert werden. Eine Rolle spielt darüber hinaus offenbar, wie ein Volk grundsätzlich eingestellt ist. Während zum Beispiel den Dänen oder Norwegern ein hohes Vertrauen in ihren Staat und seine Institutionen nachgesagt wird, gelten Deutsche und Franzosen als weitaus skeptischer – was sich auch in deren Impfquoten widerspiegelt.

Speziell die Erfahrungen mit Schulimpfungen stellte Dr. Imke Hübotter vom Gesundheitsamt Bremen vor. Der Stadtstaat impft seit dem Jahr 2013 in den achten Klassen gegen HPV und erreicht damit Erfolge, aber keine Wunder. Erfreulich ist für die Ärztin, dass junge Menschen aus sozial benachteiligten Familien vergleichsweise gut erreicht werden. In den Himmel wachsen die Bäume allerdings nicht: In den vergangenen Jahren nahmen zwischen 30 und 37 % der Ungeimpften das Angebot an, die Quote insgesamt erhöhte sich um 12–15 %. Vom Aufwand her sind Schulimpfungen laut Hübotter allerdings „eine Mammutaufgabe“.

Schritte in diese Richtung gibt es neuerdings trotzdem auch in Schleswig-Holstein. Die Hansestadt Lübeck, so berichtete Dr. Anna Bacia vom dortigen Gesundheitsamt, hat ein Projekt für dritte und vierte Klassen an fünf Grundschulen gestartet und erste kleine Erfolge verbucht. 900 junge Menschen in zwölf Schulen haben unterdessen die Gesundheitsdienste der Stadt Flensburg angesprochen. Ziel ist die pure Aufklärung; ob daraufhin die Bereitschaft zum Impfen gegen Krebs wächst, bleibt abzuwarten. Ganz gewiss „sehr gut“ ist nach den Worten von Amtsleiter Dr. Thies Marquardt aber die Resonanz bei den jungen Leuten und den Lehrkräften. 

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