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Kopfportrait einer lächelnden, bebrillten Frau mit brünettem Pagenkopf, weißer Bluse und schwarzem Blazer
Dr. Christine Schwill © AEKSH
Dr. Christine Schwill © AEKSH

„Hier verpufft Arztzeit“

Patientensteuerung, Primärversorgung, intersektorale Zusammenarbeit: Diese Themen sind entscheidend für das künftige Funktionieren unseres Gesundheitswesens. Eine Gruppe der Agilen Kammer setzt sich intensiv damit auseinander. Dr. Christine Schwill aus dem Kammervorstand berichtet im Gespräch mit Dirk Schnack über den aktuellen Stand.

Warum steht die Frage nach der Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen im Fokus?

Gesundheitsministerin Nina Warken hat den Dialogprozess zur Erarbeitung eines Primärversorgungssystems Ende Januar 2026 auf den Weg gebracht. Im Rahmen der agilen Kammer ist Ende 2025 die Idee entstanden, sich proaktiv Gedanken zu machen, wie die ambulante, sektorenübergreifende Versorgung der Zukunft aussehen könnte. Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass der Berufsausschuss der letzten Legislatur, federführend Svante Gehring, Konzepte für Primärversorgungszentren entwickelt hatte. Aktuell ist es uns wichtig, aus Sicht der Ärztekammer Schleswig-Holstein eine Position zu erarbeiten, die für den überwiegenden Teil der im Land Schleswig-Holstein tätigen Ärztinnen und Ärzte passt. Wir sind uns alle bewusst, dass es eine enorme Herausforderung darstellt, die medizinische Versorgung in den kommenden Jahren zu sichern, da auf der einen Seite die Patientenzahl wächst, im Gegenzug die Arztzeit drastisch sinkt. Hier drängt sich die Frage auf, wie Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen koordiniert werden und gelingen kann.

Setzen wir ärztliche Arbeitskraft gezielt genug ein?

Noch findet Patientenversorgung arztzentriert statt. Das ist zeit- und personalintensiv. Als hausärztliche Internistin denke ich sofort an die tägliche Versorgung der Infektpatienten. Es gibt in Schleswig-Holstein mittlerweile Praxen, die erfolgreich „Physician Assistants“ einsetzen. Es ist klar definiert, wann die ärztliche Expertise dazugeholt werden muss. Patienten mit muskuloskelettalen Beschwerden könnten unter Beachtung von Red Flags initial von Physiotherapeuten gesehen werden. Speziell in der Versorgung geriatrischer Patientinnen in der Häuslichkeit wäre der Einsatz von Gemeindeschwestern eine Erleichterung. Der Kompetenzbereich der Pflegenden in Wohneinrichtungen könnte erweitert werden. Hier verpufft derzeit viel Arztzeit. Zudem werden viele Doppeluntersuchungen durchgeführt, ambulant und stationär. Patienten werden trotz ambulanter fachärztlicher Anbindung nach stationärem Aufenthalt in Klinikambulanzen einbestellt. Die fehlende oder mangelhafte digitale Vernetzung führt zu Mehrfachuntersuchungen in den Versorgungsebenen. Im Gegenzug steht außer Frage, dass Spezialsprechstunden benötigt werden. Hier fehlt Arztzeit.

Worauf sollten sich Ärztinnen und Ärzte konzentrieren?

Das Heilberufekammergesetz und die Berufsordnung (Satzung) der Ärztekammer Schleswig-Holstein regeln die Aufgaben der Ärzte. Hier sind die Grenzen festgelegt. Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und der Bevölkerung. In der Präambel ist definiert, dass 
1.    das Vertrauen zwischen Arzt und Patientin oder Patient zu erhalten und zu fördern ist,
2.    die Qualität der ärztlichen Tätigkeit im Interesse der Gesundheit der Bevölkerung sicherzustellen ist,
3.    die Freiheit und das Ansehen des Arztberufes zu wahren ist,
4.    berufswürdiges Verhalten zu fördern und berufsunwürdiges Verhalten zu verhindern ist.
Aus meiner Sicht ist der erste Punkt entscheidend. Es benötigt Zeit und Expertise, das Vertrauen aufzubauen. Hochwertige Diagnostik, Analyse der erhobenen Befunde und das Gespräch mit den Patienten sind zutiefst ärztliche Tätigkeiten. Auf dem Weg dahin wäre Entlastung durch KI, Digitalisierung und andere Berufsgruppen, also Teamarbeit, indiziert und aus meiner Sicht wünschenswert.

Um Aufgaben rund um die Patienten neu zu ordnen, sind andere Rahmenbedingungen erforderlich. Was konkret muss geändert werden? 

Dazu muss ich auf den Unterschied zwischen Delegation (Übertragung) und Substitution (Ersetzung) eingehen. Delegation bedeutet, dass der Arzt Aufgaben weiterreicht, aber die Gesamtverantwortung behält. Bei der Substitution werden medizinische Tätigkeiten durch andere Berufsgruppen übernommen. Die Fachkräfte handeln eigenverantwortlich. Im Rahmen des Rettungsdienstes wird die Substitution schon gelebt. Ziel sollte sein, Aufgaben- und Zuständigkeitsbereiche klar zu definieren, um allen Beteiligten Rechtssicherheit zu geben.

Neben den rechtlichen Bedingungen ist es wichtig, dass die Berufsgruppen die neue Zusammenarbeit auch leben wollen. Wie aufgeschlossen nehmen Sie die Ärzteschaft wahr?

Sehr unterschiedlich. Im Vordergrund steht Verunsicherung – was ist rechtlich erlaubt, wer haftet, wie komme ich wirtschaftlich über die Runden, wie stellt sich die administrative Belastung dar? Ich bin überzeugt, dass die Versorgungsrealität uns einholt. Es gibt viele Patientinnen und Patienten, die den Weg in die Versorgung nicht mehr oder nur mit Mühe finden. Eine alternde Gesellschaft mit mehr chronisch Kranken erfordert zeitintensivere Behandlungen. Auf der anderen Seite bevorzugen mehr Kolleginnen und Kollegen Teilzeitarbeit oder Anstellungen. Der Konkurrenzgedanke ist nicht mehr führend. Die Frage, wie Versorgung gelingen kann, steht im Vordergrund.

Wie werden Ärztinnen und Ärzte, die Bedenken haben, mitgenommen?

So bunt wie die Gesellschaft, so bunt ist auch die Ärzteschaft. Es wird Kolleginnen und Kollegen geben, die am Heilberufekammergesetz nicht rütteln wollen. Bei allen Überlegungen ist eine klare, transparente Kommunikation wichtig. Vertrauensbildung innerhalb der Ärzteschaft und zu anderen Akteuren im Gesundheitswesen ist wichtig. Die Haftungsfrage muss klar geregelt werden. Es muss herausgearbeitet werden, dass mit der Substitution von Aufgaben und Zuständigkeiten ärztliche Entlastung gelingen kann. Anstatt in Routinediagnostik festzuhängen, muss Arztzeit wertvoller genutzt werden. Im hausärztlichen Bereich denke ich neben der Infektsprechstunde an die Chronikerbetreuung im Rahmen von DMP-Programmen. Wundversorgung kann delegiert, wenn nicht substituiert werden. Mir fallen Beispiele aus anderen Bereichen ein: Augenhintergrundkontrollen beim Optiker, Impfen in der Apotheke, Einsatz von Gemeindeschwestern. 

Welche Bedenken spüren Sie bei anderen Gesundheitsberufen?

Um auf Augenhöhe zusammenarbeiten zu können, müssen Zuständigkeiten geregelt sein. Vertrauen und der Wunsch einer guten Patientenversorgung müssen im Mittelpunkt stehen. Es erfordert Mut, sich gegen althergebrachte Strukturen durchzusetzen. Andererseits ist es wichtig, dass allen Gesundheitsberufen die Grenzen ihrer Arbeit bekannt sind. Es darf nicht zur Doppelversorgung kommen. Kritisch beobachten wir, dass im Bereich der Vorsorge Anbieter auf den Markt drängen, deren Angebot Fragen aufwerfen – etwa Labordiagnostik in der Drogerie. Was passiert dort mit auffälligen Befunden? Wer ordnet sie ein? Denkbar wäre für uns eine digitale Plattform, die die Befunde bewerten hilft, ohne Präsenzzeit bei Ärzten in Anspruch zu nehmen.

Wie planen Sie den Austausch mit anderen Berufsgruppen?

Wir Mitglieder der Agilen Kammer und des Kammervorstandes haben uns mit Vertretern der KV und von Krankenkassen online ergebnisoffen ausgetauscht. Genauso stelle ich mir das mit anderen Berufsgruppen vor. Über ein „Brainstorming“ ins Gespräch zu kommen und Ideen zu entwickeln, wie Versorgung der Zukunft gestaltet werden könnte. Wie kann ein sinnvolles Primärversorgungskonzept gelingen? Wie kann Vernetzung gelingen, um Patienten durch das medizinische System zu leiten? Welche Rolle spielt die KVSH? 116117?
 

Warum ist die Ärztekammer die richtige Institution, um diesen Prozess anzuschieben und weiterzuverfolgen?

Weil die Ärztekammer die Anliegen aller Ärztinnen und Ärzte, egal in welchem Bereich sie tätig sind, vertritt. Das Haupt- und das Ehrenamt sind gut vernetzt. Aufgrund fehlender finanzieller Interessen können Vertreter der Ärztekammer Themen frei ansprechen und ergebnisoffen diskutieren. Ein wesentlicher Stellenwert ist dabei auch die Beratung der politischen Instanzen. Patientensteuerung, Primärversorgung, intersektorale Zusammenarbeit sind so wichtig, dass die Ärztekammer diese Themen proaktiv bearbeiten sollte, um mitgestalten zu können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Christine Schwill: Interprofessionelle Zusammenarbeit

Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Physician Assistants die Liste mit Gesundheitsberufen, mit denen Ärztinnen und Ärzte zusammenarbeiten könnten, ist lang. Die Kooperation lässt dennoch an vielen Stellen zu wünschen übrig. Warum ist das so und wie lässt sich das ändern? Wollen Ärztinnen und Ärzte das überhaupt ändern? Dr. Christine Schwill hat das Ziel, dass sich die Zusammenarbeit verbessert. Wie sie das erreichen möchte, erklärt sie im Podcast.

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