
„Herzkompass": Herz- und Gefäßmediziner im vernetzten Verbund
„Unser Symposium bot erneut eine Plattform für den intensiven fachlichen Austausch und die Diskussion aktueller Entwicklungen in der kardiovaskulären Medizin“, betonte PD Dr. Ralph Tölg aus Bad Oldesloe, der die wissenschaftliche Leitung gemeinsam mit Prof. Gert Richardt innehatte. Tölg verwies im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt insbesondere auf die zahlreichen teilnehmenden Expertinnen und Experten aus dem benachbarten Hamburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. An vielen Stellen des Symposiums wurde deutlich, so der Kardiologe, dass sich die Herz- und Gefäßmediziner nicht als Experten einer einzelnen Klinik verstehen, sondern vielmehr als vernetzter Verbund, in dem Herz-Teams und Gefäß-Boards klinik- und praxisübergreifend gemeinsam für eine optimale Patientenversorgung einstehen.
Vier thematische Schwerpunkte
Wissenschaftlich war das Symposium in vier thematische Schwerpunkte unterteilt, beleuchtete moderne Ansätze der medikamentösen Therapie und gefäßchirurgische Möglichkeiten bei Aortenerkrankungen, verschiedenen Facetten der kathetergestützten Herzklappentherapie und die Therapie der pulmonalen Hypertonie. Die Oldesloer Oberärztin Eva-Maria Jungclaus ging auf den chronischen Beinarterienverschluss im Rahmen der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) ein. Sie präsentierte aktuelle endovaskuläre Strategien, Studienergebnisse und leitliniengerechte Therapieansätze, die zu einer differenzierten Entscheidungsfindung zwischen konservativer Behandlung und Revaskularisation führen sollten.
Zentrale Grundlage jeder Therapie bleibe das konsequente „Best Medical Treatment“ mit Plättchenhemmung beziehungsweise Antikoagulation, Risikofaktorkontrolle und Lifestyle-Management, so Jungclaus. Eine strukturierte ambulante Betreuung und ausführliche Patientenaufklärung sei hierfür essenziell. Neben modernen endovaskulären Verfahren sollte bei geeigneter Venenkonstellation auch die Bypass-Chirurgie weiterhin als bewährte Option berücksichtigt werden. „Unser Ziel ist eine patientenzentrierte, evidenzbasierte Versorgung zur Verbesserung von Prognose und Lebensqualität. Um für jeden Patienten eine individuelle Therapiestrategie festzulegen, sind interdisziplinäre Gefäß-Boards von großer Bedeutung.“

„Unser Ziel ist eine patientenzentrierte, evidenzbasierte Versorgung zur Verbesserung von Prognose und Lebensqualität. Um für jeden Patienten eine individuelle Therapiestrategie festzulegen, sind interdisziplinäre Gefäß-Boards von großer Bedeutung.“
Im Fokus: Therapie mit NOAK
Kardiologe Tölg selbst ging in seinem wissenschaftlichen Vortrag auf die Therapie mit nicht-Vitamin-K-abhängigen oralen Antikoagulanzien (NOAK) ein. Aktuelle Studiendaten und Leitlinien zeigen seinen Ausführungen zufolge, dass eine individualisierte Behandlungsstrategie sowohl die Wirksamkeit als auch die Sicherheit der Antikoagulation deutlich verbessern kann. Bei venösen Thromboembolien (VTE) erleiden bis zu 20 Prozent der Patienten nach Absetzen der Antikoagulation innerhalb von zwei Jahren ein Rezidiv. Insbesondere bei spontanen VTE ohne transienten Auslöser spreche deshalb vieles für eine verlängerte oder dauerhafte Antikoagulation. „Die Leitlinien empfehlen hier eine risikoadaptierte Therapie, wobei sich für die Langzeitbehandlung reduzierte NOAK-Dosierungen bewährt haben“, so Tölg. Zwischen wissenschaftlicher Evidenz und Versorgungsrealität gebe es jedoch eine Diskrepanz: Trotz erhöhten Rezidivrisikos würden viele Patienten keine verlängerte Antikoagulation erhalten. „Hier besteht Optimierungsbedarf in der klinischen Umsetzung leitliniengerechter Therapiekonzepte.“

„Die Leitlinien empfehlen hier eine risikoadaptierte Therapie, wobei sich für die Langzeitbehandlung reduzierte NOAK-Dosierungen bewährt haben“
„Bedrückende Stille"
In der Keynote-Lecture blickten die rund 170 Teilnehmer im gut gefüllten Festsaal über den Tellerrand der alltäglichen medizinischen Versorgung: Der frühere Admiralarzt Dr. Stephan Apel, berichtete über die „Krankenhausplanung im Spagat zwischen Ökonomisierung und staatlicher Risikovorsorge“ und skizzierte dabei die Konsequenzen, die eine militärische Auseinandersetzung für die Gesundheitsversorgung hierzulande hätte – ein Thema, das gerade bei der aktuellen Diskussion des Verteidigungsfalles von großem Interesse sei, so Tölg. „Während des Vortrags herrschte eine bedrückende Stille.“





