
Haut wirkt auf Psyche - und umgekehrt
Nicht nur in der Dermatologie sind psychosomatische Zusammenhängebei chronischen Erkrankungen inzwischen gut belegt. So zeigen sich bei etwa 25 % aller Patienten mit Hauterkrankungen auch Depressionen, Ängste oder somatoforme Reaktionen. Auch die individuell wahrgenommene Stigmatisierung bei Patienten mit sichtbaren Dermatosen (v.a. Neurodermitis, Psoriasis, Akne, Rosazea) hat oft erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität. Entgegen der Annahme, dass Hauterkrankungen psychosoziale Belastungen hervorrufen, zeigen neuere Erkenntnisse, dass sich umgekehrt auch psychosoziale Einflüsse auf das Hautgeschehen auswirken können.
Um die komplexen Wechselwirkungen besser zu verstehen und diese für die Diagnostik und Therapie unserer Patienten integrierend nutzen zu können, kann auf das „biopsychosoziale Krankheitsmodell“ zurückgegriffen werden. Ergebnisse aus der Psychoneuroimmunologie verbinden und unterstützen den Ansatz der modernen Psychodermatologie. Leider finden diese psychosomatischen Aspekte trotz der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der derzeitigen universitären dermatologischen Lehre meist zu wenig Beachtung. Mit dem Ziel, die Medizinerausbildung neuen Herausforderungen anzupassen, wurde der „Masterplan Medizinstudium 2020“ verabschiedet. Da eine Berücksichtigung psychosozialer Aspekte einen positiven Einfluss auf die Behandlung von Patienten hat und auch im Sinne des Masterplans frühzeitig in der medizinischen Lehre verankert werden sollte war es unser Ziel, den Medizinstudierenden der CAU Kiel dieses wichtige Thema bereits frühzeitig anzubieten. So wurden schon ab 2019 in Kooperation mit Dr. Regina von Spreckelsen (FÄ für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie) und der Einbindung studentischer Tutorinnen und Tutoren Psychodermatologie-Seminare auf freiwilliger Basis in Kleingruppen im Rahmen von zwei BMBF-geförderten Lehrprojekten entwickelt und mit sehr positiver Resonanz durchgeführt. Um diese Inhalte allen Studierenden im Fachsemester Dermatologie zugänglich machen zu können, wurde das Lehrmodul in den letzten Jahren weiterentwickelt. Nach erfolgreicher Durchführung in zwei Folgesemestern mit anschließender Evaluation an über 200 Studierenden konnte das Konzept mittlerweile in das Pflichtcurriculum integriert werden und soll nun als „Psychosomatisches Leuchtturmprojekt in der Lehre“ für andere Fachbereiche und Standorte dienen.
Psychosomatisch fokussiertes Seminar
Die Studierenden der Dermatologie (i.a. 7. Fachsemester) erhielten dazu im Rahmen der verpflichtenden dermatologischen Lehre im Wintersemester 2023/24 und Sommersemester 2024 ein psychosomatisch fokussiertes praxisorientiertes und interaktives Seminar von jeweils 60 Minuten, welches anschließend mittels online- Evaluation bestehend aus 10 Fragen (Likert-Skala 1-5 und zusätzliche Freitexte) evaluiert wurde. Der Fokus lag auf der Vorstellung der Psychosomatischen Dermatologie in Bezug auf wichtige Krankheitsbilder, der Vermittlung des „biopsychosozialen Krankheitsmodells“ und der Präsentation möglicher psychometrischer Methoden und Behandlungsoptionen unter Einbindung konkreter Fallbeispiele.
Es galt den Studierenden die psychosomatische Dermatologie vorzustellen und anhand von typischen dermatologischen Erkrankungen die wichtigen Einflüsse aktueller psychoimmunologischer Erkenntnisse zu vermitteln. Dabei sollten sie zunächst für häufige Hautkrankheiten wie Psoriasis, Neurodermitis, Akne und Rosazea, bei denen psychosoziale Auslöser, Begleitumstände oder Folgen einen wesentlichen und therapeutisch bedeutsamen Einfluss haben können, sensibilisiert werden. Selbstreflexionselemente („Welche der Erkrankungen würde ich am ehesten akzeptieren?“ „Welchen Körperteil mag ich bei mir am ehesten/wenigsten?“) die Nachvollziehbarkeit für begleitende psychosoziale Belastungen fördern. Mögliche Screening-Werkzeuge zum Herausfiltern begleitender Komorbidität und Therapieoptionen wurden präsentiert: der Test zur Messung der subjektiven Lebensqualität bei Erwachsenen mit einer Hauterkrankung (Dermatology Life Quality Index [DLQI]), der Ultrakurz- Fragebogen zur Erfassung der Major Depression (Patient Health Questionaire, [PHQ-2]) und das Kurzinstrument zur Erfassung der generalisierten Angststörung (Generalized Anxiety Disorder [GAD-2]). Eine Auswahl evaluierter spezifischer Therapieformate in der Dermatologie wurde vorgestellt, auch im Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen (ZeH) Kiel entwickelte Kurzinterventionen. Weiterhin waren Aspekte des „Body Shaming“ (besonders durch soziale Netzwerke zunehmend) sowie des „Compassion Fatigue“ in Heilberufen (auch in der Ausbildung) wichtige Inhalte der Seminare.
Vorstellung der Zusatzqualifikation
Abschließend folgte die Vorstellung der Zusatzqualifikation „Psychosomatische Grundversorgung“ (PsyGV) im Rahmen der fachärttlichen Weiterbildung, die in der Dermatologie bisher nicht verpflichtend, aber für alle Fachbereiche offen ist. Die PsyGV ist Bestandteil der Weiterbildung in den Fachgebieten Allgemeinmedizin sowie Frauenheilkunde und Geburtshilfe, der Kinder- und Jugendmedizin, der speziellen Schmerztherapie und Sexualmedizin. In beiden Fachsemestern befanden sich insgesamt 209 Studierende, die erhaltenden Antworten der Evaluation wurden deskriptiv und inhaltsanalytisch ausgewertet. Im Wintersemester 2023/24 konnten 54% der Rückmeldungen ausgewertet werden, anhand derer das Seminar überarbeitet und im Folgesemester in adaptierter Version abgehalten wurde. Im Sommersemester 2024 wurde von 56% der Teilnehmenden die Evaluation durchgeführt, die eine sehr hohe Akzeptanz der Veranstaltung mit neu erlerntem Verständnis der verschiedenen psychodermatologischen Inhalte bestätigte. Die Gesamtauswertung beider Semester zeigte, dass alle zehn Fragen von 86,9% (80- 100%) der Studierenden mit den Items 1 (voll zutreffend) und 2 (zutreffend) bewertet wurden.
Die Psychosomatische Dermatologie wurde anhand dieser Ergebnisse sowie aufgrund der Wichtigkeit ihrer Inhalte für die Patientenversorgung in Klinik und Praxis in der curricularen Lehre der Hautklinik Kiel fest verankert. Die vor Ort entwickelten Seminar-Inhalte und -Folien können wir interessierten Lehrenden anderer Fachbereiche und Standorte zugänglich machen, um sie in die jeweiligen Lehrprogramme zu integrieren.
Diese Studie in der dermatologischen Lehre zeigt auf, dass großes Interesse seitens der Studierenden für eine psychosomatische Betrachtungsweise vorhanden ist. Die angehenden Ärztinnen und Ärzte erkennen die Wichtigkeit der ärztlichen Beziehungsgestaltung und können insbesondere die Polykausalität bei den chronischen Entzündungserkrankungen mit Hilfe psychopathologischer und psychoneuroimmunologischer Zusammenhänge besser nachvollziehen. Aber auch später in der Weiterbildung oder Tätigkeit als Facharzt/- ärztin ist es nicht zu spät, sich den psychosomatischen Aspekten des gewählten Medizinbereiches zu widmen.




