
Hausarzt der Piloten
Sein dienstliches Tête-à-tête mit dem Gipfel des Nanga Parbat wird Mark Weinhonig vermutlich niemals vergessen. „Wir flogen von Usbekistan nach Afghanistan, direkt über der Wolkendecke. Die lag wie eine milchige Badewanne unter uns, und in Flugrichtung links guckte der Nanga Parbat raus. Das war eine sehr schöne Situation.“
Luftbrücke für Ost-Timor
Einsätze als Fliegerarzt für die Bundeswehr führten den heute in Niebüll niedergelassenen Allgemeinmediziner vom Standort des Lufttransportgeschwaders 63 im schleswig-holsteinischen Hohn um die ganze Welt. Als Medical Director der Crew evakuierte er verletzte Kinder aus Palästina, flog 1999 im Konflikt um Ost-Timor die Luftbrücke zwischen Australien und Indonesien, holte 2004 beim Tsunami in Phuket verletzte Zivilisten zurück nach Deutschland. „Insgesamt habe ich 26 Länder in Afrika gesehen, nicht alle im Rahmen von Kriegsereignissen, sondern häufig von Transportflügen“, sagt er. Er war in Kanada, in Südamerika, im Kosovo. „Im Jahr 2000 habe ich den ,Grand Slam’ geschafft, da war ich im Rahmen meiner Einsätze für die Bundeswehr auf jedem Kontinent dieser Erde.“
„Heutzutage finde ich es umso wichtiger zu versuchen, mich mit meinen Fähigkeiten einzubringen, um die Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und Militär zu stärken und zu verbessern.“
Seit 2005 gestaltet sich Weinhonigs beruflicher Alltag deutlich bodengebundener. Damals begann der heute 57-Jährige, als Hausarzt in Niebüll zu praktizieren. Doch der fliegenden Truppe blieb er verbunden: Immer noch tauscht er fast in jedem Jahr einmal den zivilen weißen Arztkittel mit der Uniform eines Oberfeldarztes. Er nimmt sich frei, um an internationalen Stützpunkten der Bundeswehr deutsche Piloten und Personal medizinisch zu versorgen, und zwar in ihrer Muttersprache. Die Einsätze führten ihn unter anderem nach Südfrankreich in die Nähe von Nizza und nach Kreta.
Warum können nicht einfach die französischen Truppenärzte die deutschen Piloten mitversorgen? „Man kann von den deutschen Piloten nicht unbedingt erwarten, dass sie sich mit dem französischen Fliegerarztsystem auskennen“, sagt Weinhonig. Die Strukturen des französischen und deutschen Militärs seien komplex und sehr unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund sei es am unkompliziertesten, wenn die Bundeswehr ihr Personal bei Einsätzen im Ausland durch eigene Ärzte versorgen lasse.
Einsatz in Évreux
Jetzt im Oktober war er in Évreux nahe Paris stationiert, sein erster Einsatz nach 2020, nach einer vor allem durch seine Aufgaben während der Pandemiezeit bedingten Pause. „Ich bin dort quasi der Hausarzt der Piloten“, beschreibt der Niebüller seinen Auftrag. Wer gesundheitliche Beschwerden verspürt, ob Rückenschmerzen oder Nasennebenhöhlenentzündung, kommt in sein Behandlungszimmer. Ebenso sitzt er bei den Briefings mit am Tisch. „Wenn medizinische Fragen rund ums Fliegen zu klären sind, ist der Fliegerarzt die Ansprechposition für den Piloten beziehungsweise für den Commodore“, sagt Weinhonig. Anders als auf einem innerdeutschen Luftwaffenstützpunkt sei der Fliegerarzt im Ausland nicht ausschließlich für die Piloten, sondern für das gesamte, also auch das nicht fliegende Personal zuständig.
Im Vergleich zu den früheren Evakuierungs- und internationalen Transporteinsätzen wirkt das aktuelle medizinische Tätigkeitsfeld als Fliegerarzt eher unspektakulär. Warum engagiert Weinhonig sich dennoch weiterhin, opfert seine freie Zeit? „Fragen Sie einen Piloten nicht, warum er gern fliegt“, antwortet Weinhonig spontan. Neben der Begeisterung fürs Fliegen zählen für ihn vor allem gesellschaftliche Werte und menschliches Miteinander.
Gesellschaftliches Engagement
„Zum einen bleibt da diese Verbundenheit zur fliegenden Truppe, das lässt einen nicht los“, sagt er. Der „Transport“ sei wie eine große Familie. Das zeigte sich erst kürzlich bei seinem jüngsten Aufenthalt in Évreux. Weinhonig liefen zufällig sechs Soldaten über den Weg, die ihn aus seiner Zeit bei der fliegenden Staffel kannten, ihn aber seitdem nie wieder gesehen hatten. „Die haben mich nach 20 Jahren erkannt und mit meinem Vornamen begrüßt, den wussten sie noch. Das hat mich bewegt“, sagt er.
Zum anderen habe er den Job nicht nur damals mit Überzeugung gemacht, sondern tue das bis heute, vielleicht sogar mehr als vor 20 Jahren. „Wir haben heute eine ganz andere Situation“, sagt Weinhonig mit Blick auf die veränderte internationale Sicherheitslage. „Heutzutage finde ich es umso wichtiger zu versuchen, mich mit meinen Fähigkeiten einzubringen, um die Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und Militär zu stärken und zu verbessern.“
Pilot mit Leib und Seele
Nicht zuletzt ist Weinhonig aber auch mit Leib und Seele Pilot. Fliegen ist neben der Medizin seine große Leidenschaft. Seine erste Bewerbung schickte er nach dem Abitur an die Lufthansa. Da war er allerdings erst 17 – und damit zu jung für die Ausbildung zum Piloten. Also bewarb er sich bei der Luftwaffe – und wurde genommen. Auch deshalb investiert er seine freie Zeit in die regelmäßigen beruflichen Aufenthalte auf den Fliegerhorsten.
Eine eigene Maschine hat der Niebüller Arzt nicht. Um gelegentlich über den Wolken zu schweben, nutzt er seine Mitgliedschaft in zwei Flugsportvereinen. „Da kann ich eine Maschine chartern.“
In seiner aktiven Zeit als Medical Director evakuierte Weinhonig nicht nur Menschen aus Krisengebieten. Er war auch an der Entwicklung des modularen Ausrüstungssystems beteiligt, mit denen die Bundeswehr bis heute medizinische Evakuierungsflüge durchführt. „Wir sind mit den Systemen geflogen, haben geschaut, wie man die Gerätschaften anordnen muss“, sagt er. „Das war sehr spannend.“ Aber, sagt Weinhonig, das sei eben auch schon lange her. „Ich bin seit 20 Jahren Hausarzt, das hat nichts mehr mit meinem Alltag zu tun.“
Wenn die Lichter ausgehen
Trotzdem: Die Begegnung mit dem Nanga Parbat wird der Mediziner wohl nie vergessen. Genauso wenig wie die enorme Erschöpfung nach dem letzten großen Einsatz beim Tsunami in Thailand. „Als wir in Köln ankamen, bin ich fast ohnmächtig geworden“, sagt er. Denn die drei fliegenden Crews wechselten sich während des langen Fluges ab. „Aber die medizinische Crew, wir Ärzte, müssen grundsätzlich durchfliegen, immer. Und als wir dann die Patienten übergeben hatten, da merkte ich: Jetzt gehen die Lichter aus.“





