
Gesundheitsberufe: engere Zusammenarbeit erwünscht
Verordnung von Therapien, Rückfragen zu Diagnosen, interdisziplinäre Fallbesprechungen: Themen und Anlässe für eine Abstimmung zwischen den ärztlichen und therapeutischen Berufen gibt es im Alltag reichlich. So wichtig der Austausch vielen Akteuren auf beiden Seiten ist – Luft nach oben sehen fast alle. Das bestätigen nicht nur Ärztin Dr. Christine Schwill, sondern auch Therapeutinnen wie Tanja Weskamp-Nimmergut. Die Logopädin vermisst eine engere Abstimmung bei komplexen Störungsbildern, etwa in der neurologischen oder pädiatrischen Versorgung. Auch bei unklaren Diagnosen oder Therapieverläufen könne ein direkter Austausch die Versorgungsqualität deutlich verbessern.
Zusammenarbeit ist strukturierter und distanzierter geworden
Weskamp-Nimmergut nimmt wahr, dass die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren tendenziell strukturierter, zugleich aber auch distanzierter geworden ist. „Während formale Abläufe klarer geregelt sind, fehlt im Alltag häufig der direkte fachliche Austausch. Zeitdruck aufseiten der Ärzte und der Therapeutinnen und organisatorische Hürden scheinen eine größere Rolle zu spielen als früher“, vermutet die Therapeutin aus Quickborn.
Den Grund dafür vermutet sie in der zunehmenden Arbeitsverdichtung im medizinischen Bereich. Sowohl in ärztlichen Praxen als auch in therapeutischen Einrichtungen bleibe oft zu wenig Zeit für interdisziplinären Austausch. Zudem fehlten häufig klare Strukturen und Vergütungsmodelle für diese Zusammenarbeit – was dazu führt, dass die Zusammenarbeit im Alltag nicht priorisiert wird. Neben Zeitmangel spielen nach ihrer Einschätzung auch strukturelle und systemische Faktoren eine Rolle. „Es gibt zu wenig etablierte Kommunikationswege und oft fehlen klare Zuständigkeiten für den interprofessionellen Austausch. Hinzu kommt, dass therapeutische Berufe nicht immer gleichwertig in Entscheidungsprozesse eingebunden werden“, sagte Weskamp-Nimmergut dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. Hier erhofft sie sich eine Verbesserung durch die Einführung der Telematikinfrastruktur.
„Während formale Abläufe klarer geregelt sind, fehlt im Alltag häufig der direkte fachliche Austausch.“
Ein konkretes Problem im Alltag ist für die Therapeuten die Ausstellung von Verordnungen: Nach Erfahrungen Weskamp-Nimmerguts werden Verordnungen häufig fehlerhaft ausgestellt. Sie gibt zu bedenken, dass die Therapeuten und Therapeutinnen letztlich die Verantwortung dafür tragen, dass die Verordnungen formal korrekt sind: „Andernfalls drohen uns Absetzungen durch die Kostenträger für unsere erbrachten Leistungen. Das führt sowohl aufseiten der Ärzte als auch bei den Therapeutinnen zu einem erheblichen Verwaltungs-Mehraufwand durch notwendige Korrekturen und Rücksprachen mit den Arztpraxen, aber auch zu Unmut auf beiden Seiten – Zeit und Energie, die uns dann am Patienten fehlt.“
Interdisziplinären Austausch strukturell verankern
Die für die Zusammenarbeit erforderliche Aufgeschlossenheit nehmen Therapeutinnen nicht bei allen wahr. „Es gibt Bereiche, in denen interdisziplinäre Zusammenarbeit noch nicht selbstverständlich ist. Insgesamt nehme ich jedoch eine positive Entwicklung wahr“, sagte Weskamp-Nimmergut. Zur weiteren Verbesserung könne nach ihrer Einschätzung auch die Ärztekammer beitragen – etwa durch gemeinsame Fortbildungen, klar definierte Kommunikationswege und die Unterstützung von Netzwerken zwischen Ärztinnen und Therapeuten. Weskamp-Nimmergut mahnt: „Wichtig wäre auch, den interdisziplinären Austausch als festen Bestandteil der Versorgung anzuerkennen und entsprechend strukturell zu verankern.“
Eng bei dieser Einschätzung der Logopädin liegt jene von Ergotherapeutin Katrin Jalaß aus Bad Oldesloe. Sie betonte im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt: „In den meisten Fällen läuft es gut.“ Dennoch gebe es Potenzial für einige Verbesserungen, u.a. durch engere Abstimmung. Sie berichtet, dass es zwar zum Beispiel Runde Tische mit Therapeutinnen, Erzieherinnen und manchmal auch Ärztinnen gebe. Der Wunsch nach Austausch gehe aber in aller Regel von den Therapeutinnen und Therapeuten aus, nicht von der Ärzteschaft. Dabei würden nach ihrer Überzeugung nicht nur Patienten und Therapeuten, sondern auch Ärzte davon profitieren.

„In den meisten Fällen läuft es gut.“
Jalaß beobachtet bei manchen Ärztinnen und Ärzten eine fehlende Aufgeschlossenheit für die Arbeit ihrer Berufsgruppe. „Wir basteln und spielen ja nur“, nennt sie ein zum Teil noch bestehendes Vorurteil. Das ärztliche Wissen über das Leistungsspektrum in der Ergotherapie hält sie für ausbaufähig. Viele in der Ärzteschaft sähen ihren eigenen Berufsstand eher als bestimmenden Faktor, weniger als ein Teil eines funktionierendes Gesamtsystems. Mit mehr Aufgeschlossenheit für den Wert und mehr Kenntnis über das Spektrum der therapeutischen Arbeit würde sich die Abstimmung nach ihren Erfahrungen verbessern und es ließen sich Kosten einsparen.
Was behindert außerdem eine bessere Zusammenarbeit? Aus Sicht von Jalaß sind es die vollen Praxen und der hohe Aufwand für die zunehmend komplexer werdenden Krankheitsbilder – was wiederum eine enge Abstimmung aus ihrer Sicht noch notwendiger macht. Ändern ließe sich das nach ihrer Einschätzung, wenn die zeitliche Beanspruchung für solche Fälle besser abrechenbar wäre.
Logopäden: Interprofessionelle Zusammenarbeit gewinnt an Bedeutung
Neben den beiden Praktikerinnen bestätigte auch der Verband der Logopäden (dbl) die Einschätzung, dass die interprofessionelle Zusammenarbeit an Bedeutung gewinnt. „In vielen Bereichen wird die logopädische Expertise gezielt angefragt und fließt in stärkerem Maße in die ärztliche Behandlung der Patientinnen und Patienten mit ein“, schrieb Stephan Olbrich, Bundesvorstandsmitglied des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes.
„Das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Logopädinnen ist seit jeher meistens durch großen gegenseitigen Respekt und Wertschätzung geprägt.“
Er verwies darauf, dass logopädische Diagnostik und der Bericht an den verordnenden Arzt inzwischen „Selbstverständlichkeiten im System“ seien, viele Ärzte den Austausch mit den Logopädinnen als hilfreich einstuften und diesen auch nutzten. Der Wunsch nach Zusammenarbeit war nach seiner Beobachtung auch in der Vergangenheit vorhanden – allerdings weniger in den Verbänden: „Die Nützlichkeit eines Informationsflusses von der Logopädin an die Ärztin wurde auch früher schon von den meisten niedergelassenen Ärztinnen viel positiver bewertet als anscheinend von ihren Verbandsvertretern.“
Verbesserungspotenzial bei komplexen Störungsbildern
Potenzial für weitere Verbesserungen sieht der dbl bei komplexeren oder unklaren Störungsbildern, bei denen eine genauere Abstimmung zwischen ärztlicher und logopädischer Diagnostik und Therapie sinnvoll wäre. Als Hürde für eine engere Zusammenarbeit vermutet Olbrich die Angst vor möglichen Wirtschaftlichkeitsprüfungen und Heilmittelregressen. Daraus resultiere eine sublime Anspannung. Klar ist für Olbrich aber: „Das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Logopädinnen ist seit jeher meistens durch großen gegenseitigen Respekt und Wertschätzung geprägt.“
Das gilt mit Sicherheit auch für weitere Gesundheitsberufe wie etwa Apotheker oder Physiotherapeuten. Anfragen nach Stellungnahmen oder nach Erfahrungen zur Zusammenarbeit blieben von diesen beiden Berufen allerdings unbeantwortet.





