Frau mit grauen Haaren steht in blauer Jacke im Freien und lächelt in die Kamera.
Prof. Angelika Messner © Dirk Schnack
Prof. Angelika Messner © Dirk Schnack

Gesundheit verbessern – gemeinsam mit China

Was können chinesische und europäische Akteure im Gesundheitswesen voneinander lernen? Viel, meint die Direktorin des Chinazentrums der Kieler Universität, Prof. Angelika Messner. Gelegenheit zum Austausch bietet eine Tagung im Oktober in Kiel.

Dirk Schnack

China kümmert sich nicht um den Klimawandel. In der Wirtschaft setzt es auf Plagiate, statt auf Innovationen. In der Medizin hat es zwar die TCM, ist in der Versorgung aber rückständig. Dies sind nur drei von zahlreichen Vorurteilen, die sich hierzulande hartnäckig halten. Wer sich ein seriöseres Bild machen möchte, hat dazu auf der 38. Deutsch-Chinesischen Jahrestagung der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Medizin (DCGM) im Oktober in Kiel Gelegenheit. Die Veranstaltung versteht sich als Plattform für eine tiefergehende Diskussion zur Gestaltung der Gesundheitssysteme, möglichst durch dauerhafte deutsch-chinesische Partnerschaft.

„Getrübter Blick” auf China
Die Themen, um die es geht, finden sich auf vielen Kongressen: Finanzierung des Gesundheitswesens, Fallpauschalen, Pflege. Antworten auf Fragen wie „Welche Innovationen sparen Geld?“, „Sind wir bereit für die nächste Pandemie?“, „Sind Fortschritte in der Onkologie künftig noch für jeden bezahlbar?“ und „100 Jahre – why not?“ werden gesucht, gemeinsam mit Vertretern aus Deutschland und Fernost. Diese gemeinsame Lösungssuche ist nicht selbstverständlich. Die Direktorin des Chinazentrums an der Kieler Christian-Albrechts-Universität, Prof. Angelika Messner, diagnostiziert in Teilen der hiesigen Bevölkerung einen „etwas getrübten Blick“ auf China. Die Kieler Medizinhistorikerin und -anthropologin nimmt vermehrt wahr, dass ein „China-Bashing“ und der Begriff der „gelben Gefahr“ wieder in Mode kommen. 

Forschung und Innovation stehen im Fokus
Ein Abwenden oder Ignorieren wäre nach ihrer Ansicht nicht nur falsch, sondern vor allem nachteilig für uns. Die chinesische Welt habe „eigenständig ohne uns funktioniert“, gibt Messner zu bedenken. Für sie steht fest, dass die großen Herausforderungen wie Klimawandel und medizinische Versorgung global nicht ohne China zu lösen sind. Sie stellt klar: „China ist längst ein fortschrittliches Land. Forschung und Innovation sind vorbildlich – auch in der Medizin.“ 

Große Herausforderungen im Land der Mitte
Mit der hierzulande angestrebten Konzentration von stationären Leistungen und dem Ausbau der Maximal- und Schwerpunktversorger etwa hat China bereits Erfahrungen gesammelt. Zugleich steht das riesige Land vor der Herausforderung, die Versorgung in ländlichen Regionen zu organisieren. „In den Metropolen gibt es riesige, hochmoderne Krankenhäuser mit gut ausgebildeten Medizinern. Sie haben viel früher digitalisiert, verfügen über Diagnostik auf höchstem Niveau. Auf der anderen Seite haben viele Menschen in den Provinzen weite Wege zu einer medizinischen Versorgung zurückzulegen. Das Stadt-Land-Gefälle in der medizinischen Versorgung ist extrem“, sagt Messner. Sie beherrscht Mandarin und brachte viele Jahre in China zu. Die italienisch-deutsche Sinologin lehrt auch als Honorarprofessorin am China Studies Centre der Universität Sydney.

„In den Metropolen gibt es riesige, hochmoderne Krankenhäuser mit gut ausgebildeten Medizinern. Sie haben viel früher digitalisiert, verfügen über Diagnostik auf höchstem Niveau.“

Prof. Angelika Messner

Parallelen zu Deutschland
Sie berichtet, dass der Bau großer stationärer Zentren nicht als Lösung für jeden medizinischen Bedarf gesehen wird und viele Menschen sich eine wohnortnähere Versorgung wünschen – ein Spannungsfeld, in dem sie Parallelen zu den Herausforderungen im deutschen Gesundheitssystem erkennt. Beide Systeme haben längst Telemedizin als Teil der Lösung entdeckt, China jedoch früher. Der Einsatz von Telemedizin ist in Teilen des Landes inzwischen selbstverständlich. 

Die  Folgen der „Ein-Kind-Politik“
Eine weitere Parallele ist die demografische Entwicklung. Die mittlere Generation in China umfasst heute die Menschen, die in der „Ein-Kind-Politik“ des Staates geboren wurden. Diese offizielle Linie gibt es längst nicht mehr. Dennoch gibt es weiterhin zahlreiche Familien, die nur ein Kind haben. Inzwischen ist die Bevölkerungszahl rückläufig – mit entsprechenden Folgen. 

Das Prinzip der lebenden Fürsorge
Das Prinzip der lebenden Fürsorge gilt in China als wichtige Tugend. Deshalb ist es selbstverständlich, dass sich die Menschen um Eltern und Großeltern kümmern. „Das bedeutet, dass sich in vielen Fällen ein Mensch um zwei Eltern und vier Großeltern kümmern muss“, sagt Messner. Wie die Menschen diese durch die demografische Entwicklung entstandene Herausforderung meistern sollen, ist bislang nicht beantwortet und ebenfalls Thema der Jahrestagung. Messner sagt: „In China experimentiert man stärker, weil der demografische Wandel schneller geht.“

Unterschiedliche Gepflogenheiten
Könnte man in Deutschland etwa von der Verantwortung, die man innerhalb der Familien füreinander übernimmt, lernen? Manche Gepflogenheiten dürften es hierzulande schwer haben. Messner berichtet, dass Familien in den Krankenhäusern stärker in die Pflicht genommen werden. Ein Beispiel: In den chinesischen Krankenhäusern sind in der Regel Angehörige Tag und Nacht im Krankenzimmer zugegen. Es ist Usus, dass die Familienangehörigen einen Großteil der Pflege übernehmen. 

Geringere Arztzentrierung in China
Aufgeschlossener dürften die Akteure aus Deutschland auf die Modelle der interprofessionellen Zusammenarbeit in China schauen. Die Frage, was andere Gesundheitsberufe in der Patientenversorgung leisten können und sollten, wird nach Wahrnehmung Messners mit viel Offenheit diskutiert. „Das Gesundheitssystem ist deutlich weniger arztzentriert als bei uns“, berichtet sie.  Welche Lösungen wo passen, lässt sich nach ihrer Überzeugung am besten im Austausch herausfinden. „Das Miteinander ist eine Chance für beide Länder.“

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