
Geriatrie-Kongress: Roboter ersetzt Muskelkraft
Neuartige, weiche Roboteranzüge, die ältere Menschen beim Gehen, Treppensteigen oder Aufstehen aus dem Sitzen unterstützen sollen, sind beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in Weimar vorgestellt worden. „Unsere Soft Robotic Shorts sind so konzipiert, dass sie sich wie Kleidung tragen lassen. Sie unterstützen gezielt in Momenten, in denen Kraft fehlt, ohne die natürliche Bewegung zu ersetzen“, erklärte Dr. Enrica Tricomi von der Technischen Universität München. Die Assistenzsysteme sind textilbasiert, leicht und so entworfen, dass sie im Alltag unauffällig integriert werden können. Anders als starre Exoskelette greifen sie nicht mechanisch in den Bewegungsablauf ein, sondern geben nur dort Unterstützung, wo sie gebraucht werden. Dabei kommt ein intelligentes Steuerungssystem zum Einsatz, das auf maschinellem Lernen und Sehen basiert, so Tricomi. So können Bewegungsmuster erkannt und in Echtzeit analysiert werden – das System passt die Unterstützung individuell an den jeweils Nutzenden an.
Bislang nur erste Tests mit guten Resultaten
Mit dem neuen System soll der altersbedingte Verlust an Muskelkraft aufgefangen werden. „Schon geringe Unterstützung kann einen großen Unterschied machen, wenn es um die Erhaltung von Selbstständigkeit und Teilhabe im Alltag geht“, betonte Tricomi. Erste Tests mit älteren Probandinnen und Probanden zeigen ihren Angaben zufolge vielversprechende Resultate: Die körperliche Anstrengung bei Bewegungsabläufen wurde verringert, der Tragekomfort sowie die Kontrolle durch die Nutzenden als hoch bewertet.
Schleswig-Holstein gut vertreten
Auch Wissenschaftler aus Schleswig-Holstein waren beim Kongress in Weimar am Start: So stellte eine Arbeitsgruppe aus der Neurologie des UKSH-Campus Kiel aktuelle Untersuchungsergebnisse bei einer Posterpräsentation vor. Und die Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck (FGL) war unter anderem an einem Symposium zum geriatrischen Assessment beteiligt. „Ein in der Geriatrie weniger fokussiertes Thema stellen Störungen des Handeinsatzes dar“, erläuterte die wissenschaftliche FGL-Leiterin Dr. Sonja Krupp auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes. Dabei seien diese weit verbreitet; von 633 befragten akutstationären Patienten gaben 33 Prozent entsprechende Störungen an. Davon bemängelten 86 Prozent ihre Fingerfertigkeit, 76 Prozent ihre Handkraft und 62 Prozent die Möglichkeit, die Hand an ihren Einsatzort zu bekommen. Die Ergebnisse verschiedener objektivierbarer Tests wurden im Rahmen einer Studie mit dem Patientenurteil in Beziehung gesetzt. Für Krupp und ihr Team ergibt sich daraus eine klare Handlungsempfehlung: „Die Häufigkeit alltagsrelevanter Störungen des Handeinsatzes bei geriatrischen Patienten sollte Anlass geben, diese in der Anamnese und Therapie stärker zu berücksichtigen.“
Kardiologische Versorgung älterer Menschen
Weiteres Kongressthema war die kardiologische Versorgung betagter Patienten mit einem NSTEMI-Myokardinfarkt (ohne charakteristische ST-Hebung im EKG). Ob die Therapie bei älteren Patienten invasiv oder rein medikamentös erfolgen sollte, war Gegenstand der im New England Journal of Medicine veröffentlichten SENIOR-RITA-Studie (DOI: 10.1056/NEJMoa2407791). Nach Auswertung von 1.518 im Durchschnitt 82-jährigen Patienten konnte nach einem mittleren Beobachtungszeitraum von 4,1 Jahren kein signifikanter Unterschied zwischen den verschiedenen Behandlungsoptionen festgestellt werden – eine konservative Therapie bei älteren Menschen mit NSTEMI ist ähnlich sicher und wirksam wie eine invasive Behandlung, weist aber weniger Risiken und Belastungen auf.





