
Gemeinsam lernen, besser versorgen
Wenn im Versorgungsalltag etwas schiefläuft, liegt die Ursache selten an fehlendem Fachwissen. Häufiger sind es Brüche in der Kommunikation, unklare Zuständigkeiten oder Missverständnisse zwischen Berufsgruppen. Gerade in einer zunehmend komplexen Gesundheitsversorgung wird deutlich: Gute Medizin entsteht im Team – und Teamarbeit will gelernt sein.
Seit nunmehr 15 Jahren betont die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die zentrale Bedeutung interprofessioneller Ausbildung für medizinische und gesundheitsbezogene Berufe. Lehre gilt dann als interprofessionell, wenn zwei oder mehr Berufsgruppen miteinander, voneinander und übereinander lernen. Ziel interprofessioneller Bildungsansätze (Interprofessional Education, IPE) ist es, die Zusammenarbeit zwischen den Professionen zu fördern und damit langfristig die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern.
Dass diese Forderung nichts an Aktualität verloren hat, zeigt ein Blick in Klinik und Praxis: Patientinnen und Patienten bewegen sich heute durch hochdifferenzierte Versorgungsstrukturen, an denen Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen, Therapeutinnen und Therapeuten sowie weitere Berufsgruppen beteiligt sind. Eine effektive Zusammenarbeit setzt voraus, dass die jeweiligen Rollen, Aufgaben und Perspektiven bekannt und verstanden sind.
In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Konzept des Shared Decision-Making (SDM) an Bedeutung. Als Ansatz der gemeinsamen Entscheidungsfindung stärkt SDM nicht nur die aktive Einbindung von Patientinnen und Patienten, sondern erfordert zugleich eine enge Abstimmung zwischen den beteiligten Professionen. Interprofessionalität und SDM verfolgen damit ein gemeinsames Ziel: eine personenzentrierte Versorgung, die medizinische Qualität, Patientensicherheit und individuelle Bedürfnisse zusammenführt.
Warum Interprofessionalität heute unverzichtbar ist
Zahlreiche Studien zeigen, dass eine funktionierende interprofessionelle Zusammenarbeit die Patientensicherheit erhöhen und die Versorgungsqualität verbessern kann. In einigen Bereichen – etwa in der Palliativversorgung, Geriatrie und Psychiatrie – ist diese Zusammenarbeit bereits gelebte Praxis und kann als Blaupause für weitere Bereiche dienen. Dort wird deutlich, welches Potenzial entsteht, wenn Berufsgruppen ihre Expertise nicht nebeneinander, sondern miteinander einbringen.
Gleichzeitig steht das Gesundheitswesen vor großen Herausforderungen: demografischer Wandel, Fachkräftemangel, steigende Fallzahlen und immer komplexere Behandlungsverläufe. Diese Entwicklungen lassen sich nicht durch Einzelprofessionen bewältigen. Dieses zeigt beispielsweise der Bereich der Onkologie. Um die Versorgung der Patientinnen und Patienten mit komplexen Therapien und begleitenden Symptomen bedarfsgerecht zu gestalten, benötigt es der Expertise der unterschiedlichen Disziplinen und Gesundheitsberufe. Interprofessionelles Lernen wird damit weniger zu einem „Zusatzangebot“ als zu einer grundlegenden Voraussetzung für eine zukunftsfähige Versorgung.
Lernen, bevor Routinen verhärten
Kompetenzen der interprofessionellen Zusammenarbeit sollten möglichst früh erworben werden. Bereits in der Ausbildung der Gesundheitsberufe sollten entsprechende Lehrinhalte und -formate integriert werden. Internationale Studien zeigen, dass IPE-Angebote sowohl die Einstellungen zur Zusammenarbeit als auch das Wissen über Rollen und Aufgaben anderer Professionen positiv beeinflussen können.
Besonders aufschlussreich ist dabei der Blick auf Medizinstudierende. Studien und zentrale Rahmenwerke für IPE empfehlen, Studierende der Medizin und der Gesundheitsfachberufe früh zusammenzubringen. Eine Untersuchung zu Einstellungen gegenüber interprofessioneller Ausbildung zeigt, dass die Offenheit gerade zu Beginn des Studiums besonders hoch ist. In dieser Phase befindet sich die professionelle Identität noch im Aufbau – Hierarchien und Abgrenzungen sind weniger stark ausgeprägt, die Bereitschaft zu Kooperation entsprechend größer.
Universität zu Lübeck: Gesundheitswissenschaften unter einem Dach
An der Universität zu Lübeck treffen diese Erkenntnisse auf besondere strukturelle Voraussetzungen. Neben der seit 1964 etablierten Humanmedizin wurde das Studienangebot in den vergangenen Jahren gezielt erweitert: Pflege, Physiotherapie, Hebammenwissenschaft, Ergotherapie/Logopädie, Gesundheits- und Versorgungswissenschaften sowie Angewandte Pflegewissenschaft bilden heute ein breites Spektrum gesundheitsbezogener Studiengänge.
Alle Studiengänge sind in der Sektion Medizin gebündelt und profitieren von kurzen Wegen, moderner Infrastruktur und einer engen Verzahnung von Lehre, Forschung und Praxis. Diese deutschlandweit einzigartige Konstellation ermöglicht ein Lernen miteinander, voneinander und übereinander – ohne die jeweiligen Fachidentitäten aufzulösen. Im Gegenteil: Gerade im Vergleich wird die eigene Rolle im Versorgungsteam klarer. Gleichzeitig entstehen durch die räumliche Nähe zum Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) vielfältige Möglichkeiten für das Lernen in der Praxis. Auch campusübergreifende Konzepte sind möglich, z. B. im Bereich der Onkologie durch das 2021 gegründete Universitäre Cancer Center Schleswig-Holstein (UCCSH) als campusübergreifendes Zentrum. Das Land Schleswig-Holstein unterstützt das UCCSH nachhaltig, beispielsweise mit Mitteln für eine Koordinationsstelle für ‚Interprofessionelle Zusammenarbeit, Forschung und Weiterbildung‘.
Ein anschauliches Beispiel für IPE ist die 2022 eingeführte Lübecker interprofessionelle Ausbildungsstation (LIPSTA) in der Klinik für Hämatologie und Onkologie am UKSH, Campus Lübeck. Hier versorgen Lernende der Pflege, Physiotherapie und Medizin über vier Wochen hinweg gemeinsam Patientinnen und Patienten – eigenständig, aber unter interprofessioneller Supervision. Planung, Kommunikation und Entscheidungsfindung werden so zu Lerngegenständen im realen klinischen Alltag. Ergänzend wird an niedrigschwelligen Praxisformaten gearbeitet, um interprofessionelles Lernen einer größeren Zahl von Studierenden zugänglich zu machen.
„Jede Berufsgruppe neigt dazu, in ihrer eigenen Bubble zu verbleiben – bei Studierenden fällt mir das besonders auf. Die Tatsache, dass man hier mit unterschiedlichen Fachbereichen zusammenarbeitet, macht aber nicht nur die Arbeit, sondern auch die Pausen deutlich interessanter.“
Was bedeutet das konkret für Medizinstudierende?
Für Medizinstudierende eröffnet interprofessionelles Lernen die Möglichkeit, andere Gesundheitsprofessionen frühzeitig kennenzulernen – nicht nur theoretisch, sondern im gemeinsamen Handeln. Sie reflektieren ihre zukünftige Rolle im Team, üben kooperative Entscheidungsfindung und stärken kommunikative sowie soziale Kompetenzen, die im ärztlichen Alltag zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Bereits zu Beginn des Studiums erleben Medizinstudierende Interprofessionalität ganz konkret: Im zweiten Semester nehmen alle Studierenden der Sektion Medizin am Interprofessionellen Tag teil, an dem sie in gemischten Teams gemeinsam arbeiten, diskutieren und Perspektiven anderer Gesundheitsberufe kennenlernen.
Mit dem im Dezember 2024 eröffneten Lernzentrum „Skills-Lüb“ stehen darüber hinaus realitätsnahe Simulationsräume zur Verfügung, in denen interprofessionelle Szenarien aus ambulanter und stationärer Versorgung gemeinsam trainiert werden können – mit einem klaren Fokus auf Teamarbeit und Patientensicherheit.
Besonders in interprofessioneller Fallarbeit und Simulationen entsteht eine realitätsnahe Lernumgebung: medizinische Entscheidungen müssen begründet, Perspektiven abgestimmt und Verantwortung geteilt werden. Viele Studierende erleben dabei erstmals, dass gute Teamkommunikation nicht mehr Zeit kostet, sondern Prozesse effizienter macht.
Auswirkungen auf Klinik und Praxis
Langfristig zielt interprofessionelles Lernen auf ein zentrales Ziel: mehr Patientensicherheit. Klar strukturierte Übergaben, gemeinsame Visiten und abgestimmte Behandlungspläne reduzieren Fehlerquellen und verbessern die Versorgungsqualität. Gleichzeitig profitieren Ärztinnen und Ärzte und das interprofessionelle Behandlungsteam von klareren Verantwortlichkeiten, effizienteren Teamprozessen und weniger konflikthaften Schnittstellen.
Nicht zu unterschätzen ist auch der Effekt auf die Arbeitszufriedenheit. Ein gestärktes Rollenverständnis und gegenseitige Wertschätzung tragen zu einem besseren Arbeitsklima bei – ein wichtiger Faktor angesichts der hohen Belastungen im Gesundheitswesen.
Zwischen Ideal und Realität
Die Umsetzung interprofessioneller Lehre ist jedoch kein Selbstläufer. Volle Curricula, unterschiedliche Stundenpläne, heterogene Kohortengrößen und variierende Vorerfahrungen der Studierenden stellen organisatorische Herausforderungen dar. Hinzu kommen Skepsis und Vorbehalte: Interprofessionelles Lernen stößt im Versorgungsalltag auch auf strukturelle Grenzen – etwa fehlende zeitliche Ressourcen oder unzureichende Vergütung interprofessioneller Abstimmungen.
Dennoch ist die Resonanz auf bestehende Angebote (zum Beispiel den Interprofessionellen Tag an der Universität zu Lübeck) überwiegend positiv. Interprofessionelle Lehrveranstaltungen werden sehr gut evaluiert. Besonders erfreulich ist auch das Engagement Studierender höherer Semester, die sich aktiv an der Weiterentwicklung interprofessioneller Formate beteiligen, Workshops leiten oder Diskussionsformate mitgestalten.
Lernen durch Begegnung
Beobachtungen aus der Praxis zeigen: Zu Beginn bleiben Lernende oft in ihrer „professionellen Komfortzone“. Doch sobald echte Begegnung stattfindet, überwiegen Neugier und Austausch. Gespräche über Ausbildungswege, Erfahrungen im Gesundheitswesen oder gemeinsame Herausforderungen führen häufig zu überraschenden Aha-Momenten: über die Tiefe des Fachwissens anderer Professionen, über deren Verantwortung – und über die vielen Gemeinsamkeiten. Wie prägend diese Erfahrung sein kann, beschreibt eine Studentin mit Blick auf einen interprofessionellen Kommunikationsworkshop zum Thema Statusverhalten: „Jede Berufsgruppe neigt dazu, in ihrer eigenen Bubble zu verbleiben – bei Studierenden fällt mir das besonders auf. Die Tatsache, dass man hier mit unterschiedlichen Fachbereichen zusammenarbeitet, macht aber nicht nur die Arbeit, sondern auch die Pausen deutlich interessanter.“
Interprofessionelles Lernen macht sichtbar, dass alle Beteiligten am selben Ziel arbeiten, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Ein Prozess mit Zukunft
Interprofessionelles Lernen ist kein einmaliges Projekt, sondern ein langfristiger Entwicklungsprozess. Dabei geht es nicht nur um Haltung, sondern auch um konkrete, nutzbare Lehr- und Lernangebote, die Studierende und Lehrende im Alltag unterstützen. Diese sind bewusst unterschiedlich angelegt: Während der Interprofessionelle Tag früh im Studium Begegnung, Rollenverständnis und Austausch fördert, ermöglichen Simulationen im Skills-Lüb das sichere Trainieren kritischer Situationen und praktischer Skills mit Fokus auf Kommunikation, Teamkoordination und Patientensicherheit. LIPSTA wiederum verankert interprofessionelles Lernen dort, wo Versorgung real stattfindet – im klinischen Alltag mit echten Entscheidungsfindungsprozessen. Für die Zukunft ist geplant, diese bestehenden Formate weiter auszubauen und stärker curricular zu verzahnen. Ziel ist es, Interprofessionalität nicht als Einzelereignis, sondern als durchgängige Lernerfahrung über das gesamte Studium hinweg erlebbar zu machen – angepasst an unterschiedliche Studienphasen und Kompetenzniveaus.
Denn eines zeigt sich immer deutlicher: Eine personenzentrierte Gesundheitsversorgung beginnt nicht erst am Krankenbett - sondern im gemeinsamen Lernen.
In Lübeck lernen Medizinstudierende gemeinsam mit anderen Berufen aus dem Gesundheitswesen. Nach Überzeugung der Initiatoren verbessert das die Patientenversorgung. Wie das interprofessionelle Lernen konkret funktioniert, erläutern Dr. Annemarie Minow von der Uni Lübeck und Frederike Lüth vom UCCSH im Podcast.





