
Fortbildung aus Leidenschaft
Die Fortbildungspflicht gefällt nicht jedem Arzt und nicht jeder Ärztin. Dr. Abdullah Mury dagegen hält sie nicht nur für richtig, sondern kommt ihr auch im hohen Alter noch nach. Mury ist 84 Jahre alt und hat inzwischen 7 Fortbildungszertifikate erlangt – fünf davon freiwillig. „Die Fortbildungspflicht ist richtig, sonst würden viele Kolleginnen und Kollegen sich seltener fortbilden“, ist Mury überzeugt. Gewissenhaft studiert er bis heute das Deutsche Ärzteblatt und sammelt Fortbildungspunkte, außerdem besucht der Chirurg und Unfallchirurg aus Heide auch im hohen Alter noch Fortbildungen in Präsenz – aufgrund seines Alters allerdings zunehmend seltener. Auch das Lesen, räumt er ein, dauert doch länger als früher. Aufgeben aber mag er die Fortbildung nicht.
Warum macht er das, obwohl er doch seit rund zehn Jahren nicht mehr ärztlich tätig ist? „Es macht mir Spaß, ich bleibe gerne auf dem Laufenden“, lautet seine Antwort. Sein Interesse gilt nicht nur seinem Fachgebiet, sondern erstreckt sich auf die ganze Medizin. Kardiologische Veranstaltungen verfolgt er genauso gerne wie dermatologische oder chirurgische.
Medizin bestimmt sein Leben
Mit seinem Faible für Fortbildungen unterscheidet er sich von vielen Kollegen, für die Ruhestand auch Abstand zum früheren Beruf bedeutet. „Ich kenne viele, die das Zertifikat nicht freiwillig erwerben würden und die auch das Deutsche Ärzteblatt nicht mehr beziehen“, sagt Mury. Für ihn persönlich käme das nicht infrage – Medizin hat sein Leben bestimmt, seit er 1958 als 18-Jähriger aus seiner Heimat im irakischen Mossul nach Wien kam. Geschickt hatte ihn sein Vater. Mury selbst wollte wegen seiner englischen Sprachkenntnisse viel lieber in Großbritannien oder in den USA studieren. Obwohl er kein Wort Deutsch konnte, bestand sein Vater auf einer Ausbildung im deutschsprachigen Raum. Mury lernte die Sprache schnell und wechselte nach zwei Semestern nach Marburg, dann nach Erlangen. Dort Staatsexamen mit „sehr gut“, die Promotion mit „summa cum laude“ – Medizin war nicht nur sein Fach, sondern seine Leidenschaft. Aber er war auch neugierig auf Land und Leute. Besonders auf den Norden mit seinen Küsten. Um die kennenzulernen, schaltete er eine Anzeige im Deutschen Ärzteblatt, mit der er sich für eine befristete ärztliche Stelle im Norden anbot. Er erhielt einen Brief aus dem damaligen Kreiskrankenhaus in Heide und reiste mit dem Ziel an die Nordseeküste, dort für ein paar Wochen zu arbeiten und in dieser Zeit den Landstrich als Tourist kennenzulernen. Dass er den Rest seines Lebens hier verbringen würde, damit hatte er nicht gerechnet.
„Die Region hier hat mich sofort fasziniert“, sagt Mury. Das weite, ebene Land erinnerte ihn an seine Heimat. Die von vielen als stur beschriebenen Menschen waren ihm sympathisch. Und weil er in Heide darüber hinaus viel operieren durfte, fühlte er sich so wohl, dass er seine Zelte in Erlangen abbrach. Statt nach Heide, fährt er seit 1965 nach Franken nur noch als Tourist. Auch nach seiner Hochzeit mit Frau Nanna und Familiengründung blieb die Medizin seine Leidenschaft, der Mury Jahrzehnte lang in einer 60-Stunden-Woche nachging. Seine drei Töchter, berichtet Ehefrau Nanna, hätten immer lange aufbleiben müssen, um ihren Vater zu sehen. Eine von ihnen ist heute Frauenärztin.
Bis zum 75. Geburtstag im Arbeitsleben
Mury wurde 1973 Leitender erster Oberarzt im Heider Krankenhaus. 1986 entschied er sich für die Niederlassung, baute eine Praxis auf und entwickelte sie zu einer der größten chirurgischen Praxen an der Westküste. In seinem Berufsleben hatte er so viele Dithmarscher unter dem Messer, dass Mury in der Region ein bekannter Arzt wurde. Auch viele Soldaten aus den umliegenden Kasernen zählten zu seinen Patienten. Als Mury 2004 seine Praxistätigkeit aufgab, kam die Bundeswehr auf ihn zu und fragte ihn für eine vertragsärztliche Tätigkeit in der Kaserne in Heide an. Was nur als Übergangszeit gedacht war, entwickelte sich zu einer Langzeitlösung: Mury arbeitete bis 2015, hörte erst kurz vor seinem 75. Geburtstag auf. Neben Klinik und Praxis war er stets berufspolitisch engagiert: 16 Jahre lang als Vorsitzender des Marburger Bundes in Dithmarschen, vier Jahre lang als Mitglied der Kammerversammlung und acht Jahre als stellvertretender Abgeordneter in der KV – ein prall gefülltes Berufsleben.





