
Forderungskatalog für eine bessere Suchtmedizin
Auf den Status Quo und Defizite in der Suchtpolitik hatten vor der Diskussion Prof. Hendrik Streeck (Beauftragter der Bundesregierung für Sucht und Drogenfragen), Prof. Norbert Scherbaum aus Essen und Chefärztin Dr. Katharina Schoett aus Mühlhausen in Vorträgen verwiesen. Enttäuscht zeigten sich die Delegierten, dass sich Streeck für die Diskussion nach seinem Vortrag keine Zeit mehr nahm. In einem Antrag zum Thema wurde kritisiert, dass verhältnispräventive Maßnahmen im Bereich der legalen Suchtmittel und des Glücksspiels nicht konsequent umgesetzt werden. Versorgungsstrukturen des Suchthilfesystems seien unzureichend aufeinander abgestimmt und nicht ausreichend finanziert, hieß es. Stigmatisierung führe weiterhin dazu, dass Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen weniger Behandlungen oder Hilfe in Anspruch nehmen.
Die Forderungen des Ärztetages
Eine konsequente Weiterentwicklung von Suchtpolitik und Suchtmedizin erfordert nach Überzeugung des Ärztetages eine Priorisierung gesundheitlicher Ziele, den Abbau von Stigmatisierung sowie eine Stärkung der Suchthilfe und suchtmedizinischer Kompetenzen. Folgende Forderungen stellte der Ärztetag nach intensiver Diskussion auf:
- Bund und Länder wurden aufgefordert, verhältnispräventive Maßnahmen im Bereich der legalen Suchtmittel zu Verfügbarkeit, Preisgestaltung, Werbung und Produktgestaltung konsequent umzusetzen.
- Bund und Länder sollen suchtpolitische Maßnahmen einheitlich an wissenschaftlicher Evidenz und gesundheitlichen Zielsetzungen ausrichten; dabei dürfen wirtschaftliche Interessen nicht über gesundheitliche Ziele gestellt werden.
- Bund, Länder und Kommunen wurden aufgefordert, die Suchthilfe strukturell zu stärken, niedrigschwellige Angebote auszubauen und die Verzahnung mit der medizinischen Versorgung zu verbessern.
- Der Bund soll unter Beteiligung aller relevanten Akteure die im Jahr 2012 beschlossene Nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik aktualisieren.
- Gesetzgeber und Akteure des Gesundheitswesens wurden aufgefordert, wirksame Regelungen zum Abbau von Stigmatisierung zu erlassen, um den Zugang zur Versorgung zu verbessern und suchtmedizinische Tätigkeit gezielt zu fördern.
- Die (Landes-)Ärztekammern und der Medizinischen Fakultätentag wurden aufgefordert sicherzustellen, dass die existierenden suchtmedizinischen Inhalte im erforderlichen Umfang im Rahmen von Aus-, Weiter- und Fortbildung vermittelt bzw. berücksichtigt werden.
Dr. Victoria Witt: Abhängigkeit sorgt für breite Betroffenheit
Der Beschluss wurde nach einer langen Diskussion gefasst, in die u.a. auch die schleswig-holsteinische Delegierte Dr. Victoria Witt eingriff. Sie gab zu bedenken, dass Abhängigkeitserkrankungen nicht nur einzelne Menschen, sondern Familien, soziale Strukturen und die gesamte Gesellschaft betreffen. „Umso wichtiger ist es, dass eine Weiterentwicklung von Suchtmedizin und Suchtpolitik erfolgt, die dem dringenden Bedarf gerecht wird", sagte Witt, die als Psychiaterin mit Tätigkeit im Sozialpsychiatrischen Dienst sowie im Bereich psychiatrischer Justizgutachten zwei Aspekte besonders hervorhob.
ÖGD sollte nachhaltig gestärkt werden
„Gerade im Sozialpsychiatrischen Dienst erleben wir täglich, wie essenziell kommunale und niedrigschwellige Unterstützungsangebote sind. Für viele Betroffene sind diese Hilfen oftmals die letzten erreichbaren Anlaufstellen, insbesondere dann, wenn Menschen durch die Kombination von Suchterkrankungen mit psychischen Erkrankungen und sozialen Krisenlagen bereits aus anderen Versorgungssystemen herauszufallen drohen. Gleichzeitig geraten die niedrigschwelligen Hilfen zunehmend unter Druck. Mit dem drohenden Auslaufen des Pakts für den Öffentlichen Gesundheitsdienst wird aus meiner Sicht an der falschen Stelle gespart. Gerade Prävention, aufsuchende Hilfen und sozialpsychiatrische Unterstützung benötigen verlässliche personelle und finanzielle Strukturen", sagte Witt.
Das Vorstandsmitglied der Ärztekammer Schleswig-Holstein verwies zudem auf die kriminalpräventive Bedeutung einer gut ausgebauten, niedrigschwelligen Suchtmedizin. „Im Positionspapier der DGPPN zur Prävention von Gewalttaten wird darauf verwiesen, dass sich Delinquenz bei komorbiden Suchterkrankungen deutlich erhöhen kann. Niedrigschwellige Suchthilfe und frühe Interventionen sind daher nicht nur gesundheitspolitisch relevant, sondern auch gesellschaftlich bedeutsam", sagt Witt, die Ich mit dem Antrag zugleich die Forderung nach einer nachhaltigen Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes verband.






