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Fausthiebe, Tritte und fliegende EKG's

Gewalt nimmt zu – aber Ärztinnen und Ärzte tun sich schwer damit, öffentlich über eigene Erfahrungen zu sprechen. Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt hat in mehreren Kliniken über die Pressestellen nachgefragt. Ein Arzt war zum Gespräch bereit, mit der Bedingung, anonym zu bleiben. Der Oberarzt arbeitet in einer gut frequentierten ZNA in einem Ort außerhalb Kiels. Im persönlichen Gespräch vor Ort mit Dirk Schnack berichtet er als „Dr. ZNA“ über seine Erfahrungen.

Warum möchten Sie nicht, dass Ihr Name und das Krankenhaus, in dem Sie arbeiten, genannt werden?

Dr. ZNA: Ich will vermeiden, dass es heißt: „Na klar, der arbeitet bei dem oder dem Träger. Oder in der Stadt XY. Bei uns ist das anders oder kommt gar nicht vor.“ Damit würden wir denen, die das Problem verharmlosen oder an anderer Stelle verorten möchten, einen Ansatzpunkt bieten. Ich bin in meinem Berufsleben viel rotiert und bin sicher: Gewalt gegenüber Krankenhauspersonal ist ein verbreitetes Problem - unabhängig von Trägern oder Orten.

Auch unabhängig von den Menschen, die Gewalt erfahren?

Dr. ZNA: Grundsätzlich richtet sich die steigende aggressive Grundstimmung an alle Berufsgruppen und Geschlechter. Aber Pflegekräfte sind nach meiner Erfahrung noch stärker Zielscheibe von Gewalt als Ärzte und Ärztinnen und müssen noch mehr Frust von Patienten abfangen. Wenn die Pflegekräfte Drohungen oder Beleidigungen an unsere Berufsgruppe weiterleiten, kommen viele dieser Patienten oder Angehörigenwieder runter und sind weniger aggressiv.

Sie sind eher stärkerer Statur. Hat sich jemals ein Patient körperlich an Ihnen vergriffen?

Dr. ZNA: Nur einmal. Ich wurde geschubst, das war nicht dramatisch, aber absolut unangemessen.

Wie haben Sie reagiert?

Dr. ZNA: Ich weiß, wie man deeskaliert und es ist nichts weiter passiert. Aber ich habe die Polizei gerufen und Anzeige erstattet. Ich lege Wert darauf, dass solche Fälle erfasst werden. Es wird zwar über das Thema gesprochen, aber es gibt keine aktuellen aussagekräftigen Statistiken. Das muss sich unbedingt ändern. Jedes unangemessene Verhalten muss erfasst, jede Drohung muss gemeldet werden.

Warum?

Dr. ZNA: Weil sich sonst nichts ändert. Das Problem wird ohne belastbare Daten nicht ernst genommen und kann weiter trivialisiert werden.

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»Jedes unangemessene Verhalten muss erfasst, jede Drohung muss gemeldet werden.«

Arzt aus einer ZNA

Sie arbeiten schon lange in der Notaufnahme und haben sonst keine Gewalterfahrungen?

Dr. ZNA: Doch, es wird immer schlimmer. Einmal stand ich direkt neben einem Kollegen in der ZNA, der von einem aufgebrachten Angehörigen mit Faustschlägen traktiert wurde. Wir konnten den Angreifer gemeinsam überwältigen. In einem anderen Fall hat ein Patient ein EKG-Gerät durch ein Behandlungszimmer geschmissen. Pflegekräfte bei uns wurden schon getreten und bespuckt und es gibt immer wieder üble Beschimpfungen.  Verbale Gewalt wird von einigen Personen als normales Kommunikationsmittel angesehen.

Was macht das mit Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen?

Dr. ZNA: Das beeinflusst jeden. Man möchte doch in einem Umfeld arbeiten, in dem man einfach seiner Arbeit nachgehen kann und nicht als Prellbock der Politik herhalten muss.

Wie könnte sich die Situation für das Personal in der ZNA entspannen?

Dr. ZNA: Wir brauchen eine Security, und zwar nicht nur für die prekären Stunden in der Nacht, sondern rund um die Uhr. Es muss sichergestellt sein, dass das Personal in der ZNA keine Angst um sein Leben haben muss, wenn es zur Arbeit kommt. Leider ist es so, dass die Krankenhäuser die Sicherheit für ihre Angestellten selbst zahlen müssen. Das ist in einer Situation, in der es kaum noch Kliniken mit schwarzen Zahlen gibt, schwierig.

Auch wenn es noch keine belastbare Statistik gibt: Wie hoch ist der Anteil der Menschen, die sich unangemessen verhalten?

Dr. ZNA: Das ist eine Minderheit, ganz klar. Den Prozentsatz kann ich nicht sagen. Aber die wenigen, die sich unangemessen verhalten, machen es hart für uns und gefährden nicht nur das Personal, sondern auch andere Patienten. Natürlich müssen wir jede Reaktion in die Situation einordnen. Wenn ein Drogenabhängiger mir sagt: „I will kill you“, weil er wegen der Kälte draußen unsere Notaufnahme nicht verlassen will, habe ich nicht gleich Angst um mein Leben. Trotzdem geht so eine Drohung gar nicht. Ich habe auch in diesem Fall die Polizei gerufen, die ihn rausgeschmissen hat.

Worauf führen Sie die zunehmende Verrohung zurück?

Dr. ZNA: Das hat viele Gründe. Einer der wichtigsten ist vielleicht, dass die Menschen zunehmend unangemessene Vorstellungen vom System der Notfallversorgung haben. Sie sehen es als Selbstbedienungsladen und Dienstleistung, die auf den ersten Blick kostenlos ist und nicht als Hilfe bei vitalen Bedrohungen. Es kommen Patienten in die ZNA, die seit neun Monaten Rückenschmerzen haben und meinen, sie brauchen jetzt ein MRT. Ich erwarte von der Politik, dass diese völlig überzogene Anspruchshaltung wieder zurückgeschraubt wird. Wer nachts um eins mit einem juckenden Mückenstich kommt, gehört nicht in die Notaufnahme.

Wie können Sie das in einem solchen Fall den Menschen mit überhöhten Erwartungen erklären?

Dr. ZNA: Das kostet Zeit und Nerven, man muss es immer wieder erklären. Nach meiner Erfahrung darf man einen Anfängerfehler nicht machen und sagen: „Sie sind kein Notfall“. Denn genau als solchen empfinden sich die Leute ja in diesem Augenblick. Dazu stehen sie auch noch unter Stress, weil ihnen nach ihrem Empfinden zu viel Wartezeit zugemutet wird. Besser ist es zu fragen: „Haben Sie einen Herzinfarkt oder ein Messer im Rücken?“ Das macht deutlich, dass es dringendere Fälle gibt – und für die ist eine ZNA da.

Erklärungen helfen nicht immer. Wie sonst ließe sich die überzogene Anspruchshaltung zurückschrauben?

Dr. ZNA: Das geht nur über Geld. Wer das System schamlos ausnutzt, indem er einen RTW als Taxi ansieht oder in die Notaufnahme geht, weil es bequemer ist, sollte 
meiner Meinung nach eine Rechnung erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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