Dr. Hanna Graßhoff aus der Klinik für Rheumatologie und klinische Immunologie im UKSH, Campus Lübeck
Dr. Hanna Graßhoff ©UKSH Lübeck
Dr. Hanna Graßhoff ©UKSH Lübeck

Fatigue auch bei entzündlichem Rheuma ein Leitsymptom

Eines der zentralen Themen beim jüngsten Deutschen Rheumakongress in Wiesbaden war die chronische Müdigkeit vieler Betroffener.

Dr. Hanna Graßhoff aus der Lübecker UKSH-Klinik für Rheumatologie und klinische Immunologie stellte in Wiesbaden aktuelle Daten ihrer Forschung vor.

Uwe Groenewold

Fatigue gilt als unterschätztes Leitsymptom entzündlich-rheumatischer Erkrankungen. Betroffene beschreiben das Syndrom als anhaltende, lähmende Erschöpfung, die weit über alltägliche Müdigkeit hinausgeht. Sie schränkt Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und soziale Teilhabe massiv ein – oft sogar stärker als die Gelenkbeschwerden. „Schwere Fatigue stellt ein häufiges und belastendes Symptom bei Autoimmunerkrankungen dar und betrifft etwa die Hälfte aller Patientinnen und Patienten. Dabei zeigt sich Fatigue als ein heterogenes Phänomen, das nicht nur individuell unterschiedlich ausgeprägt ist, sondern auch erhebliche sozioökonomische Auswirkungen mit sich bringt“, erklärte Dr. Hanna Graßhoff aus der Klinik für Rheumatologie und klinische Immunologie im UKSH, Campus Lübeck, auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes.

Graßhoff stellte in Wiesbaden aktuelle Daten Ihrer Forschungen vor. Sie wurde zusammen mit ihrer Kollegin Swantje Arndt bereits 2023 von der Deutschen Rheuma-Liga und der Deutschen Rhemuastiftung für ihr Forschungsprojekt „Fatigue im Alltag messbar machen – Eignung nicht-invasiver Technologien zur Erhebung von Fatigue bei Systemischer Sklerose“ ausgezeichnet. „Die zugrundeliegenden pathophysiologischen Mechanismen, die zur Entstehung von Fatigue im Alltag führen, variieren je nach Art der Autoimmunerkrankung. Eine wirksame Behandlung setzt daher voraus, dass diese Ursachen präzise identifiziert werden“, so Graßhoff. Nur durch ein tiefes Verständnis der krankheitsspezifischen Prozesse lasse sich eine gezielte und individualisierte Therapie entwickeln, die den Betroffenen nachhaltig Entlastung verschaffen könne.

Autoantikörper können neuroinflammatorische Prozesse auslösen

Auch Kongresspräsident Prof. Andreas Schwarting von der Uniklinik Mainz befasst sich intensiv mit dem Thema. Seinen Ausführungen zufolge wurden bei Betroffenen entzündliche Prozesse im zentralen Nervensystem nachgewiesen. Es hätten sich Aktivierungen von Immunzellen des Gehirns gezeigt, die Signalwege beeinflussen, die für Wachheit, Energiehaushalt und Motivation zuständig sind. Zudem gebe es Hinweise, dass Autoantikörper bei einigen Betroffenen die Blut-Hirn-Schranke überwinden und dort neuroinflammatorische Prozesse auslösen. Sein Credo: „Fatigue ist kein psychosomatisches Randthema, sondern ein zentrales Symptom rheumatischer Erkrankungen – das intensiver systematisch erforscht und behandelt werden muss.“

Weiterer Kongressschwerpunkt waren zelluläre Therapien wie die CAR-T-Zelltherapie. Dabei werden den Patienten T-Zellen entnommen, im Labor gentechnisch verändert und anschließend wieder injiziert. Sie erkennen die krankmachenden B-Zellen im Körper und schalten diese gezielt aus – ein Prinzip, das sich bereits in der Krebsmedizin bewährt hat und nun auf Autoimmunerkrankungen wie Systemische Lupus erythematodes (SLE), Sklerodermie oder Rheumatoide Arthritis (RA) übertragen wird. Die gezielte Beseitigung der B-Zellen kann die krankheitsauslösenden Prozesse offensichtlich an ihrem Ursprung stoppen. Ein anderer Ansatz arbeitet mit bispezifischen Antikörpern. Beide Konzepte unterscheiden sich grundlegend von klassischen Immunsuppressiva, die bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen breit im Organismus wirken, das Immunsystem insgesamt dämpfen und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein können. „Die bisherigen klinischen Studien liefern ermutigende Ergebnisse“, erläuterte Prof. Ulf Wagner aus Leipzig. „Diese deuten darauf hin, dass wir mit zellulären Therapien einen neuen Behandlungsweg eröffnen können, insbesondere für Patientinnen und Patienten, für die bisher kaum noch Optionen bestanden.“

Limitierende Faktoren: Die Herstellung von CAR-T-Zellen ist komplex und kostenintensiv, die Verfahren sind bislang nur in spezialisierten Zentren möglich. Mögliche Langzeitfolgen für das Immunsystem müssen weiter erforscht werden. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGrh) hat zu diesem Zweck eine neue „Kommission zelluläre Therapie“ gegründet.
 

Ähnliche Beiträge
Im Vordergrund sitzen viele Menschen mit dem Rücken zur Kamera. Sie schauen auf einen Mann am Rednerpult im festlichen, dunklen Anzug, der gestikuliert. Neben ihm stehen eine Frau und ein Mann an einem Stehtisch.
Der Ärztliche Direktor Dr. Georg Hillebrand bei seinem Vortrag während des Festaktes. Links im Bild Klinikdirektorin Hannah Maria Werner und Pflegedirektor Niklas Jeurissen
13.02.2026

Festakt im Klinikum Itzehoe: 50 Jahre nach Gründung richteten Vertreter des Klinikums und der…

Frau mit kurzen, grauen Haaren und mit Brille steht an einem Rednerpult und hält eine gelbe Broschüre in die Höhe.
Susanne Bechert © Esther Geisslinger
09.02.2026

Beim 28. Gynäkologentag Schleswig-Holstein in Rendsburg warfen die Teilnehmenden u.a. einen Blick…

Mit Audio-beitrag
Prof. Christian Huchzermeier, ein schlanker Man im dunklen Anzug, steht neben einer Leinwand mit dem Titel seines Vortrags.
Prof. Christian Huchzermeier © Victoria Witt
05.02.2026

Der interdisziplinäre Austausch des Kompetenzzentrums Psychiatrische und Psychologische…

Blick ins Auditorium der Herz-Kompass veranstaltung
Herz-Kompass 2026 ©privat
29.01.2026

Zum zweiten Mal fand am 24. Januar die Fortbildung „Herz-Kompass" in der Asklepios-Klinik Bad…

Blonde Frau in rotem Blazer und weißer Bluse vor grauem Hintergrund ist dem Betrachter zugewandt und lächelt.
Prof. Gabriela Riemekasten © DGRh Lübke
22.01.2026

Warum erleiden junge Menschen ohne klassische Risikofaktoren Schlaganfälle oder Herzinfarkte?…

Der Vorstand der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft e.V. (v.li.n.re.): Jörg Arndt, Prof. em. Dr. Jürgen Dunst, Barbara Dalmer, Prof. Dr. med. Nicolai Maass.
Die Schleswig-Holsteinische Krebsgesellschaft, hier der Vorstand mit Jörg Arndt, Prof. em. Jürgen Dunst, Barbara Dalmer, Prof. Nicolai Maass (v.l.), ist auf dem Deutschen Krebskongress engagiert. © SHKG
21.01.2026

Vom 18. bis 21. Februar findet in Berlin der Deutsche Krebskongress (DKK) statt. Bei dem alle zwei…