
Fachtag mit Fakten zum Impfen
Vor Spritzen haben die Menschen in Schleswig-Holstein offenbar wenig Angst: Bei den Standardimpfungen gegen weit verbreitete Krankheiten liegt das Land im Bundesvergleich meist in der Spitzengruppe, zeigt eine Auswertung der KVSH aus dem Jahr 2025. Aber es gibt regionale Unterschiede und einige Krankheiten wie Pneumokokken oder HPV, bei denen die Impfquote noch nicht optimal ist. Welche Wege es gibt, mehr Menschen zum Piks zu bewegen, darum geht es bei Impffachtag des Landes am 10. Juni in Kiel.
„Wir wollen den Schulterschluss aller Beteiligten, um die Impfquote zu erhöhen“, sagt Dr. Annicka Reuß, Referentin in der Abteilung für Gesundheitsvorsorge des Kieler Gesundheitsministeriums. Das Ministerium organisiert den Fachtag federführend in Zusammenarbeit mit der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung Schleswig-Holstein (LVGFSH).
Bei der Veranstaltung, die von 14 bis 18 Uhr im Wissenschaftszentrum Kiel stattfindet, stehen Fachleute aus ganz unterschiedlichen Bereichen am Rednerpult. Nach einem Grußwort aus dem Gesundheitsministerium gibt ein Vertreter der Ständigen Impfkommission (STIKO) einen Überblick über neue Richtlinien. Neuerungen und veränderte Altersgrenzen betreffen unter anderem Gürtelrose und Meningokokken.
Niedrigschwellige Angebote stoßen auf Resonanz
Wie auch Gesundheitsämter und Apotheken sich beim Impfen einbringen und Zeiten jenseits der Sprechstunden nutzen, berichten Dr. Boris Friege vom Fachdienst Gesundheit im Kreis Pinneberg und Heike Gnekow, Apothekerin aus Hamburg. Im Kreis Pinneberg hat das Gesundheitsamt das sehr erfolgreiche „After Work Impf Event“ etabliert. Solche besonderen Termine und niedrigschwellige Angebote wie Impf-Aktionen in Fußgängerzonen oder anderen öffentlichen Orten würden gern wahrgenommen, berichtet Reuß. Aus Hamburg stammt die Idee der „langen Nacht des Impfens“ in Apotheken. „Man erreicht auf diese Weise Menschen, die nicht in Arztpraxen kommen“, sagt Reuß.
Trotz solcher Angebote bleiben Arztpraxen entscheidend für Impfungen. Wie stark die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte das Thema im Blick haben, ist je nach Fachrichtung unterschiedlich: Bei Pädiatern sind Impfungen gegen Masern, Mumps und Co Routine. In fach- und allgemeinärztlichen Praxen könnte das Thema noch mehr im Blick behalten werden, sagt Reuß: „Die Patienten kommen mit akuten Beschwerden, haben den Impfpass nicht dabei – oft gerät Impfen dann in den Hintergrund.“
„Wir wollen den Schulterschluss aller Beteiligten, um die Impfquote zu erhöhen.“
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Wenn eine Praxis den bestellten Impfstoff nicht im angemessenen Zeitraum spritzen kann, kann sie in Regress genommen werden. „Einerseits heißt es, impft, so viel ihr könnt – andererseits soll die Praxis nur genau das bestellen, was sie verbraucht. Das kann nicht funktionieren“, sagt Reuß.
Über „Erfahrungen, Chancen und Herausforderungen beim Impfen in der ärztlichen Praxis“ sprechen beim Fachtag im Juni Vertreter verschiedener Fachrichtungen. Dr. Andreas Gastreit, Allgemein- und Tropenmediziner aus Lübeck, beleuchtet unter anderem den Bereich der Reisemedizin und Vorsorge.
Doris Scharrel, Frauenärztin und langjährige Landesvorsitzende des gynäkologischen Berufsverbandes, zeigt, wie sich Mädchen und Frauen „von der Pubertät bis ins hohe Alter“ für das Impfen gewinnen lassen. Kinder- und Jugendmediziner Dr. Jens Uwe Meyer aus Bad Oldesloe schaut auf die wichtigen Grundimpfungen im Kindesalter.
Starke regionale Unterschiede bei den Impfquoten
Traditionell sind die Impfquoten im Osten der Republik am höchsten. „Vermutlich, weil es in der DDR eine Impfpflicht gab und das bis heute nachwirkt“, sagt Reuß, die vor ihrer Anstellung im Kieler Ministerium als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Robert-Koch-Institut (RKI) tätig war. Allerdings gerät etwas ins Rutschen, zeigen die Zahlen der KVSH, die im September 2025 im KV-Magazin „Nordlicht“ veröffentlicht wurden. Im Kinder- und Jugendbereich sinken die Zahlen in Bundesländern wie Brandenburg, Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern.
Beispiel Masern: Schleswig-Holstein steht an der Spitze, Sachsen-Anhalt auf Platz acht, dahinter Brandenburg und Thüringen. Ganz am Ende finden sich Bayern und Baden-Württemberg. Gerade in Kreisen, in denen Freikirchen und die Steinersche Waldorf-Bewegung stark seien, fänden Impfgegner Gehör, weiß Reuß. Dabei: „Die Zahl echter Impfgegner liegt bei unter fünf Prozent, das ist eine kleine Gruppe, die sich kaum überzeugen lässt.“
Kommunikation über den „aufklärenden Dialog"
Aber viele Menschen seien skeptisch und hätten Fragen. „Denen können wir mit einfühlsamer Kommunikation begegnen.“ Das RKI hat dazu das Modell des „aufklärenden Dialogs“ entworfen, das in Kiel beim Impffachtag 2025 vorgestellt wurde. Informationen gibt es auf der Website des Justiz- und Gesundheitsministeriums. Dort lassen sich auch weitere Informationen rund um das Impfen finden.
Warum die Lage in Schleswig-Holstein im Bundesvergleich so gut ist, sei schwer zu sagen. „Wahrscheinlich, weil die Norddeutschen so pragmatisch sind“, sagt Reuß. „Ich bin jedenfalls immer froh, wenn ich auf unsere Zahlen schaue.“





