Dr. Katharina Kolbe
©Jörg Wohlfromm
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„Es erfordert Mut, sich dem Thema Gewalt zu widmen“

Dr. Katharina Kolbe entwickelt am WKK Heide ein Schutzkonzept gegen Gewalt. Was das bedeutet, wer daran mitwirkt und auf welchem Stand das Konzept derzeit ist, erläuterte sie im Anschluss an den Runden Tisch zur Gewaltprävention im Gespräch mit Dirk Schnack.

Sie entwickeln derzeit am WKK ein Schutzkonzept gegen Gewalt. Was war der Anlass?

Dr. Katharina Kolbe: Tatsächlich werden wir das relativ oft gefragt, weil leider häufig erst ein konkreter Auslöser dazu anregt, ein Schutzkonzept zu entwickeln. Das war bei uns nicht der Fall, dennoch gibt es natürlich auch bei uns herausfordernde Situationen.  
Seit 2020 gibt es einen Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses, der Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche versorgen, verpflichtet, sich mit Prävention und Intervention bei (sexualisierter) Gewalt zu befassen bzw. ein Schutzkonzept zu entwickeln. In diesem Beschluss wird zudem erwähnt, dass alle vulnerablen Patientengruppen besonders vor Gewalt geschützt werden müssen. Die Kinderklinik des WKK hat ihr Schutzkonzept bei uns in der Frührehabilitation und Geriatrie vorgestellt. Dabei ist deutlich geworden, dass unsere Patientinnen und Patienten ähnlich hilfs- und schutzbedürftig wie Kinder und Jugendliche sind. Daher entschieden wir uns auch in Anbetracht der extrem hohen Prävalenzen zu Gewalt für die Entwicklung eines Gewaltschutzkonzeptes.

Welche Erfahrungen mit Gewalt gibt es im WKK?

Kolbe: Ich kann nur für die Frührehabilitation und Geriatrie sprechen. Wir erleben viele Menschen mit kognitiven Defiziten, schweren Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit, die teilweise plötzlich auftreten oder schon länger bestehen. Das stellt sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch für das Personal und die Angehörigen eine große Herausforderung dar.
Immer dort, wo viele verschiedene Menschen in emotional belastenden Situationen aufeinander treffen, kommt es zu herausfordernden Situationen, welche als Risikofaktoren für die Entstehung von Gewalt gelten. Im Krankenhaus kommt zudem eine starke physische und psychische Nähe sowie ein mögliches Machtgefälle durch die Abhängigkeit in der Hilfsbedürftigkeit hinzu.
In unseren Köpfen tauchen bei dem Stichwort „Gewalt“ direkt körperliche Übergriffe auf, die wir – zum Glück sehr selten – auch schon erlebt haben. Viel häufiger sind aber die vermeintlich kleinen Alltagssituationen: Das ungefragte Hereinplatzen ins Bad beim Toilettengang, die Körperpflege oder Untersuchung bei offener Tür oder der anzügliche, übergriffige Kommentar.

Auf welchem Stand sind Sie?

Kolbe: Wir arbeiten seit ungefähr einem Jahr in unserem Projektteam zusammen, begonnen haben wir mit einer umfangreichen Literaturrecherche, Fortbildungen und dem Aufbau von Kooperationen zu unterstützenden Organisationen und Arbeitsgruppen. Daraus entwickelten wir einen Projektstrukturplan und konnten mit diesem eine Förderung der Techniker Krankenkasse im Rahmen des Projektes „Starke Pflege“ erhalten. Als Arbeitsgrundlage einigten wir uns auf einem gemeinsamen Gewaltbegriff sowie ein Leitbild und begannen mit einer Risiko- und Ressourcenanalyse, zu der auch eine freiwillige anonyme Befragung aller Mitarbeitenden gehörte. Aufgrund dieser Ergebnisse werden wir demnächst beginnen, konkrete Maßnahmen zur Prävention und zum Umgang mit Vorfällen zu entwickeln. Parallel dazu haben wir viele engagierte Dozierende und Organisationen gewinnen können, die unser Team, aber auch alle interessierten Mitarbeitenden zu verschiedenen relevanten Themen unserer Abteilung weiterbilden. 

Wer sind Mitglieder des Projektteams?

Kolbe: Unser interdisziplinäres Projektteam umfasst unsere Chefärztin, unseren leitenden Oberarzt und mich als ärztliche Mitglieder. Hinzu kommen unser Dokumentationsbeauftragter in der Pflege als stellvertretende Projektleitung und unsere Projektmanagerin und kaufmännische Geschäftsführung des WKK Brunsbüttel. Weiterhin dabei sind Vertreterinnen und Vertreter aus der Neuropsychologie, der Ergotherapie, dem Pflegeteam, dem Casemanagement und dem MFA-Team.
Wir arbeiten eng mit unseren Stationsleitungen, der Pflegedienstleitung und dem Qualitätsmanagement zusammen, die Teil unseres Projetteams geworden sind. Zudem laden wir je nach Thema andere interne und externe Expertinnen ein. 

Welche Module soll das Schutzkonzept umfassen?

Kolbe: Als Grundlage der Prävention halten wir regelmäßige Fort- und Weiterbildungen des gesamten Abteilungsteams für essenziell, um durch Sensibilisierung und Kompetenzentwicklung grenzverletzende Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen und Eskalationen von Konflikten zu vermeiden. Zudem sollen diese Schulungen entlasten und zur Enttabuisierung beitragen, da Gewalt oft unabsichtlich oder indirekt durch Strukturen und Prozesse bedingt sein kann und sich nie komplett vermeiden lässt.
Weiterhin soll ein Interventionsplan erarbeitet werden, der bei konkreten Fällen zum Tragen kommt. Dabei ist uns im ersten Schritt ein multidisziplinäres, niederschwelliges Ansprechteam wichtig, das entlasten, unterstützen, beraten, aber auch Konsequenzen bei grenzüberschreitendem Verhalten durchsetzen kann. Dafür werden wir beim Institut ProDeMa kollegiale Erstbetreuende sowie Deeskalationstrainerinnen und -trainer ausbilden. Zudem soll ein umfassendes Nachsorgekonzept entwickelt werden.

Gewalt kann von Patienten und Angehörigen, aber vom Personal ausgehen. Sind beide Seiten berücksichtigt? 

Kolbe: Uns war es von Anfang an wichtig, alle Seiten einer möglichen gewaltvollen Situation zu beleuchten, dazu gehören auch alle Personengruppen, die involviert sein können. Unser Schutzkonzept befasst sich daher mit dem Schutz von Patienten und Angehörigen sowie des Personals. Dafür ist es wichtig, dass alle beteiligten Gruppen ein adäquates Mitspracherecht bei der Entwicklung des Schutzkonzeptes erhalten, damit wir Maßnahmen etablieren können, die auch wirklich gewünscht und benötigt werden. 

Welche Hindernisse müssen bei der Erarbeitung eines solchen Konzeptes überwunden werden? 

Kolbe: Wie wir alle wissen, sind die Ressourcen im medizinischen Bereich knapp. Wir haben alle keine Zeit und wenig Geld, da kann es eine Herausforderung sein, sich dieses Themas anzunehmen. Hinzu kommt die Tabuisierung, es erfordert Mut, sich dem Thema Gewalt zu widmen und genau hinzuschauen, wo die Probleme entstehen können. Außerdem ist es wichtig, Wege zu finden, so viele Menschen wie möglich zu integrieren und mitsprechen zu lassen, um die Motivation und Akzeptanz für Maßnahmen zu steigern.

Was können Sie empfehlen, damit Gewalt im Krankenhaus gar nicht erst entsteht?

Kolbe: Ich denke, wir müssen von dem Wunschdenken, dass es ein gewaltfreies Krankenhaus gibt, Abstand nehmen. Es wird durch viele verschiedene Faktoren, die auch unabsichtlich und indirekt durch Strukturen und Prozesse bedingt sein können, immer wieder zu gewaltvollen Situationen kommen. Zudem wird es immer wieder zu Machtgefällen kommen, die nur schwer vermieden werden können. Daher ist es essenziell zu schulen, zu sensibilisieren, eine reflektierte Fehlerkultur zu implementieren und auch zu entlasten, um ein Umfeld für ein besseres Miteinander zu schaffen.

Wie sollte man sich verhalten, wenn man Gewalt bei der Arbeit im Krankenhaus erfährt?

Kolbe: Leider gibt es keine allgemeingültige gute Antwort, der Gewaltbegriff ist so vielschichtig und individuell und kann eine Menge bedeuten. Eine gute Möglichkeit ist immer, sich Hilfe zu holen und sich an eine andere Person zu wenden. Je nach Situation, kann das eine Kollegin oder vorgesetzte Person sein, aber auch eine interne Ansprechstelle oder (anonyme) externe Fachberatungsstelle. Wenn Gefahr im Verzug ist, kann es gerechtfertigt sein, sich an Sicherheitsdienste, die Polizei oder das Jugendamt zu wenden. 

Vielen Dank für das Gespräch.

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