
Entzündungsmedizin: landesweites Referenzzentrum als Vision
Die Zahl chronisch entzündlicher Erkrankungen steigt – und mit ihr eine medizinische Herausforderung, für die es noch keine vollständigen Antworten gibt. Fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung in industrialisierten Ländern leiden an Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, rheumatoider Arthritis, Psoriasis oder atopischer Dermatitis, Tendenz steigend. Lebenslange Erkrankungen mit negativer Wirkung auf die Lebensqualität und in vielen Fällen auch auf die Lebenserwartung. Mit dem Fortschritt in der Entwicklung von Pharmazeutika, die den größten Kostenblock in der GKV ausmachen, lautet die zentrale Frage nicht mehr: Welche Therapie gibt es? Sondern: Wie personalisieren wir die Therapie?
Am UKSH Kiel wurde Grundstein gelegt
Ende der 1990er Jahre legte das BMBF-Kompetenznetz Chronisch entzündliche Darmerkrankungen aus dem Universitätsklinikum Kiel den Grundstein – es vernetzte erstmals klinische Forschung, Grundlagenwissenschaft und Patientenversorgung systematisch und schuf große Kohorten und Studienplattformen. Zugleich begann in Kiel und Lübeck ein systematischer Aufbau, der in einer der wissenschaftlich produktivsten Infrastrukturen für Entzündungsmedizin in Europa mündete. Initiiert und geprägt wurde diese Entwicklung durch den Gastroenterologen Prof. Stefan Schreiber. Unter Leitung des Spezialisten für chronisch entzündliche Darmerkrankungen etablierte sich Kiel als Zentrum für klinische und genetische Forschung. Was in den vergangenen 25 Jahren gelernt wurde, veränderte die Art, wie wir diese Erkrankungen verstehen und behandeln.
Komplexes Zusammenspiel von Erbanlage, Mikrobiom und Immunsystem
Morbus Crohn ist nicht gleich Morbus Crohn. Was lange wie eine Vereinfachung klang, ist heute wissenschaftlich belegt: Hinter scheinbar einheitlichen Diagnosen verbergen sich biologisch unterschiedliche Krankheitsprozesse – mit verschiedenen genetischen Risikoprofilen, unterschiedlichen Immunmechanismen und damit potenziell verschiedenen Therapieantworten. Große genomweite Assoziationsstudien aus Kiel, maßgeblich vorangetrieben von André Franke, haben zahlreiche genetische Risikofaktoren identifiziert und gezeigt, wie komplex das Zusammenspiel von Erbanlage, Mikrobiom und Immunsystem ist. Philip Rosenstiel hat dazu beigetragen, die molekularen Mechanismen dieser Wechselwirkungen – insbesondere an der intestinalen Barriere – zu entschlüsseln. Möglich wurde das durch eine früh aufgebaute Infrastruktur: die PopGen-Biobank, das Kompetenzzentrum für Genomanalyse (CCGA) und ein Broad-Consent-Modell, entwickelt von Alena Buyx und Michael Krawczak, das die langfristige Nutzung klinischer Daten ermöglicht.
Exzellenzcluster: Schub für strukturierte Forschung
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse brauchten einen institutionellen Rahmen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. 2007 schuf der Exzellenzcluster Inflammation at Interfaces genau das: Erstmals arbeiteten Dermatologie, Gastroenterologie, Rheumatologie und Pneumologie gemeinsam mit Grundlagenforschung wie Immunologie, Genetik und Mikrobiologie in einem strukturierten Verbund – mit dem Ziel, klinische Beobachtungen und molekulare Fragestellungen systematisch zu verbinden. Spätestens hier bildete sich eine starke klinisch-wissenschaftliche Achse zwischen Kiel und Lübeck, um Detlef Zillikens (blasenbildende Hauterkrankungen), Diamant Thaci (Psoriasis) und Gabriela Riemekasten (Sklerodermie) sowie mit dem Leibniz Zentrum Borstel mit dem Thema chronische Entzündung nach Tuberkulose (Stefan Ehlers).
Präzisionsmedizin am Beispiel Morbus Crohn
Ein gutes Beispiel dafür, was Präzisionsmedizin in der Praxis bedeutet, liefern neue Arbeiten aus Kiel zur klinischen Immunologie: Bei Morbus-Crohn-Patientinnen und -Patienten reagieren bestimmte T-Zellen fehlgeleitet und überschießend auf Hefepilze – sowohl auf kommensale Hefen im Darm als auch auf Nahrungshefen wie Bäckerhefe. Diese kreuzreaktive Immunantwort wird durch wiederholten Kontakt immer wieder neu ausgelöst und trägt so vermutlich zur Chronifizierung der Entzündung bei. Für diese Patientengruppe eröffnen sich neue therapeutische Ansätze – etwa eine Hefen-arme Ernährung oder eine gezielte antifungale Therapie, die in klinischen Studien untersucht werden müssen. Petra Bacher hat mit ihrer Arbeit zu T-Zell-Immunantworten den Grundstein für diese Erkenntnisse gelegt.
Evolutionsbiologie ermöglicht neue Ansätze
Einen unerwarteten Blickwinkel liefert die Evolutionsbiologie, mit der die Kieler Entzündungsforschung eng kooperiert. Aus dieser Zusammenarbeit ist ein Verständnis erwachsen, wo und warum in der menschlichen Entwicklung Genvarianten entstanden sind, die heute zu entzündlichen Krankheiten veranlagen. Daraus ergeben sich neue therapeutische Perspektiven, etwa Eingriffe in den Aminosäurestoffwechsel durch molekulare Ernährungsinterventionen. Neue Sensortechnologien der Technischen Fakultät messen Entzündungsmediatoren schneller und präziser; innovative Imaging-Verfahren aus Kiel und Lübeck machen Immunprozesse im Gewebe direkt sichtbar. Der 2006 eingerichtete Masterstudiengang Molecular Life Sciences an der CAU verankert diese Interdisziplinarität auch in der Ausbildung.
Forschung, die nicht in der Klinik ankommt, bleibt Theorie. Das Comprehensive Center for Inflammation Medicine (CCIM) am UKSH mit Standorten in Kiel und Lübeck ist die strukturelle Antwort auf diese Herausforderung: ein Ort, an dem molekulare Erkenntnisse direkt in die Patientenversorgung einfließen.
CCIM zur interdisziplinären Versorgung
Das CCIM des UKSH ist keine klassische Fachambulanz. Patienten mit komplexen, häufig organübergreifenden Entzündungserkrankungen werden hier von Spezialisten aus Gastroenterologie, Dermatologie, Rheumatologie, Pneumologie und Immunologie gemeinsam betreut – unter einem Dach, in wöchentlichen interdisziplinären Fallkonferenzen. Am Standort Kiel tragen Stephan Weidinger (Dermatologie), Stefan Schreiber (Gastroenterologie), Jan Heyckendorf (Pneumologie) und Jan Leipe (Rheumatologie) das Zentrum; in Lübeck Evelyn Gaffal und Diamant Thaci (Dermatologie), Jan Marquardt (Gastroenterologie) und Gabriela Riemekasten (Rheumatologie). In unklaren Fällen, zum Beispiel bei seltenen Erkrankungen, können Grundlagenforschende des Exzellenzclusters direkt einbezogen und weiterführende genetische Diagnostik veranlasst werden. Das CCIM steht allen Patientinnen offen, die unter chronischen Entzündungen mindestens eines Organs leiden.
Zertifizierung sichert Qualitätsstandards
2025/2026 wurden beide Standorte erfolgreich durch OnkoZert zertifiziert – ein Qualitätsstandard, der bislang vor allem aus der Onkologie bekannt ist und erstmals auf die interdisziplinäre Entzündungsmedizin übertragen wird. Die Zertifizierung umfasst strukturelle Voraussetzungen ebenso wie Qualitätsindikatoren in der klinischen Versorgung. Die Berufung von Konrad Aden, Stefan Schreiber und Jan Leipe in die bundesweite Zertifizierungskommission der beteiligten Fachgesellschaften für Dermatologie, Gastroenterologie und Rheumatologie, die Zertifizierungen für ganz Deutschland vorbereitet, zeigt: Schleswig-Holstein gestaltet diese Entwicklung mit, nicht nach.
KI-basierte Ansätze für komplexe Datensätze
Die Kombination aus großen Patientenregistern, genomischen Daten, Mikrobiomprofilen, Bildgebungsinformationen und klinischen Verlaufsdaten erzeugt Datensätze von einer Komplexität, die ohne moderne Methoden des maschinellen Lernens kaum zu erschließen wäre. KI-basierte Ansätze ermöglichen es, neue Krankheitsuntergruppen zu definieren, Therapieansprechen frühzeitig vorherzusagen und Krankheitsverläufe frühzeitig zu erkennen – und könnten künftig zunehmend direkt in klinische Entscheidungsprozesse integriert werden. Damit ändert sich auch unser Behandlungsverhalten: Nicht mehr behandeln und auf den langfristigen Erfolg warten wird die Zukunft sein, sondern die dynamische und frühzeitige Steuerung in den ersten Wochen nach Beginn einer Therapie.
Längerfristige Vision ist ein CCIM-SH – ein landesweites Referenzzentrum, das beide Standorte unter einem Dach zusammenführt, analog zum UCCSH in der Onkologie. Koordiniertes Studienmanagement, gemeinsame Register, einheitliche Qualitätsstandards: Was heute nebeneinander funktioniert, würde dann als ein System wirken. Nach 25 Jahren steht fest: Die Frage ist nicht mehr, ob eine individualisierte Entzündungsmedizin möglich ist. Sondern wie schnell sie für die Patienten Realität wird.
Beteiligte Disziplinen
- Prof. Stefan Schreiber: Gastroenterologie, Entzündungsforschung, Präzisionsmedizin
- Prof. André Franke: Immunogenetik und Bioinformatik
- Prof. Philip Rosenstiel: Molekulare Immunologie
- Prof. Detlef Zillikens: Dermatologie, blasenbildende Autoimmundermatose
- Prof. Diamant Thaci: Infektions- und Entzündungsforschung, Dermatologie, Immunologie
- Prof. Gabriela Riemekasten: Rheumatologie, Immunologie, Infektiologie, Entzündungsforschung
- Prof. Stefan Ehlers: Molekulare Entzündungsmedizin, Tuberkolose Forschung
- Prof. Petra Bacher: Immunologie, Immungenetik
- Prof. Stephan Weidinger: Dermatologie, Allergologie, Immunologie
- Prof. Jan Heyckendorf: Pneumologie, Innere Medizin, Infektiologie
- Prof. Jan Leipe: Rheumatologie, Innere Medizin
- Prof. Evelyn Gaffal: Dermatologie, Entzündungsforschung
- Prof. Jan Marquardt: Gastroenterologie, Innere Medizin und Medikamentöse Tumortherapie, Ernährungsmedizin und Transplantationsmedizin
- Prof. Konrad Aden: Immunmetabolismus im Darm, Gastroenterologie





