
Empowerment: Wie den Patienten befähigen?
Nie gab es so viele Informationen über Gesundheit wie heute, doch noch nie waren die Menschen so unsicher: „Dreiviertel der Bevölkerung wissen nicht, wo sie Informationen finden und wie sie damit umgehen sollen“, sagte Gesundheitsministerin Prof. Kerstin von der Decken (CDU) beim Jahresempfang der TK in Kiel. Die Gründe seien vielfältig, die Politik könne nur die Rahmenbedingungen ändern. Wichtig sei, die Menschen daran zu erinnern, „dass es so etwas wie Eigenverantwortung gibt“. Empowerte Patienten, die sowohl ihren eigenen Körper als auch das Gesundheitssystem verstehen, würden profitieren, weil sie gesünder seien und blieben – und das würde auch das System entlasten.
Patienten mal passiv, mal interessiert
Eine „Beziehung auf Augenhöhe“ mit ihren Patienten wünscht sich auch Dr. Lena Roos, die kurz vor ihrer Prüfung zur Allgemeinmedizinerin steht: „Wer die Behandlung versteht, nimmt sie an.“ Bei Jüngeren erlebe sie häufiger ein Interesse an der eigenen Gesundheit, aber es gebe auch viele Menschen, die sich „passiv verhalten – das ist eigentlich schade“. Denn empowerte Patienten, die sich auskennen und mitarbeiten, seien leichter zu behandeln, und „es macht auch mehr Spaß“. Ob sich auch alle Ärztinnen und Ärzte aufgeklärte Patienten wünschten, wisse sie allerdings nicht, sagte Roos auf Nachfrage.
Dass sich Patienten manchmal selbst kümmern müssen, weil das System versagt, zeigte der Bericht von Jana Portukat. Sie leidet an Endometriose – erkannt wurde die Krankheit aber erst nach über einem Jahrzehnt. Immer wieder hätten Ärzte ihre Beschwerden nicht ernst genommen, bis sie am Ende selbst glaubte, sie habe „einfach nur Pech“ mit starken Regelschmerzen, erzählte sie dem Publikum, in dem Fachleute der Gesundheitsbranche des Landes und der Politik saßen. „Ich fühlte mich schlecht, weil ich mich so anstelle.“ Erst als sie mit starken Schmerzen und blutend in eine Klinik eingewiesen wurde, wurde die Krankheit endlich diagnostiziert. „Die Verantwortung liegt auf beiden Seiten“, sagte Portukat. Patienten müssten ihrem Körper vertrauen, aber die Ärzteschaft müsse auch bereit sein, die Patienten ernst zu nehmen.
Digitale Ersteinschätzung vorgestellt
Eigenverantwortung – das sage sich leicht, aber es brauche Knowhow und Motivation, sagte Sören Schmidt-Bodenstein, Leiter der TK-Landesvertretung. Die TK schlägt vor, ein digitales Ersteinschätzungsinstrument einzurichten. Künftig würde ein Patient seine Beschwerden auf einer Plattform schildern und bekäme dann eine Empfehlung für Haus- oder Facharzt oder Klinik. Vor der Frage „ambulant statt stationär“ würde es „digital vor ambulant“ heißen. Das System könne zu einer besseren Steuerung führen und die Wartezeiten verkürzen.
Von den Gesundheitspolitikern der Fraktionen im Landtag gab es Zustimmung, aber auch Bedenken. So ein Instrument sei angesichts der älter werdenden Bevölkerung großartig, fand Heiner Garg (FDP). Auch Christian Dirschauer nannte es ein gutes Mittel, um Patienten an die richtige Stelle zu bringen. Birte Pauls (SPD) gab zu bedenken: „Es braucht auch für eine Ersteinschätzung Menschen, die es machen.“ Digitale Tools würden längst noch nicht die ganze Bevölkerung erreichen, berichtete Jasper Balke (Grüne): „Viele Ältere sind zwar interessiert, haben aber keine Geräte, um so eine Plattform zu benutzen.“
Teures und ineffizientes System
Egal mit welchen Instrumenten, es brauche eine Steuerung und den empowerten Patienten, sagte Dr. Sebastian Gassner vom Hartmannbund: „Unser Gesundheitssystem ist teuer und ineffizient. Wir müssen den Menschen sagen, dass die Ressourcen begrenzt sind. Und dieses Gespräch funktioniert am besten auf Augenhöhe und einer guten Wissensbasis.“





