
Ein Spinnennetz für alle Bereiche des Lebens
„Wo tut’s denn weh, was fehlt Ihnen?“ Seit Jahrhunderten fragen Ärzte vor allem danach, was nicht in Ordnung ist. Aber wie sinnvoll ist das für chronisch Kranke oder multimorbide Patienten, an deren Gesamtzustand sich so schnell nichts ändern wird? Hier setzt das Modell der „Positiven Gesundheit“ an, das auf alle Lebensbereiche schaut. Auch in Schleswig-Holstein gibt es Befürworter der Theorie.
Dr. Christian Hackbarth sieht sofort, wie es seinem Patienten geht – lange bevor der Mann das Sprechzimmer betritt. Denn der chronisch Kranke, der regelmäßig bei dem Allgemeinmediziner in Behandlung ist, füllt vor jedem Besuch einen Fragebogen aus und mailt ihn in die Praxis. Es geht um Fragen zu körperlichen Funktionen und zum mentalen Befinden, zum Kontakt mit anderen Menschen, zum täglichen Leben: Habe ich Schmerzen? Schmeckt das Essen? Genieße ich mein Leben? Habe ich ein Umfeld, mit dem ich Spaß habe, aber auch um Hilfe bitten kann? Interessiere ich mich für das, was in der Gesellschaft passiert? Habe ich Probleme im Alltag, reicht mein Geld?
Arzt in neuer Rolle
Die Punktwerte der Antworten werden in eine Grafik in Form eines Spinnennetzes eingetragen. Das so entstandene Muster lässt einen Rückschluss auf die aktuelle Lage zu. Und sie helfe, den Blick auf die Aspekte zu lenken, die positiv sind: Auch wenn der körperliche Zustand nicht der beste ist, die Partnerschaft läuft gut und die wöchentliche Skatrunde bringt Spaß.
„Angeregt durch den Fragebogen macht sich der Patient Gedanken über sich selbst“, sagt Hackbarth. „Das bringt mich als Arzt in eine neue Funktion: Ich bin nicht mehr der Therapeut, der Ratschläge gibt, sondern ich bin der Moderator, der mit dem Patienten zusammen auf das Ergebnis schaut und daraus Schlüsse zieht.“
Im Konzept der Positiven Gesundheit heißt diese gemeinsame Beratung das „Andere Gespräch“. Dabei handele es sich um „ein ergebnisoffenes Gespräch, in dem der Patient als Experte des eigenen Lebens wahr- und ernstgenommen“ werde, steht auf der Homepage des Vereins „Positive Gesundheit“. Denn Menschen wüssten meist sehr gut, was sie bräuchten und wie sie ihre Gesundheit verbessern könnten.
Aussteigen aus dem Reparaturreflex
Das erfordert ein Umdenken von den Fachleuten. Auf der Homepage heißt es dazu: „‚Aussteigen aus dem Reparaturreflex‘ d.h. sich um Menschen zu kümmern und ihnen Problemlösungen zu bieten. Stattdessen sorgt man dafür, dass Menschen das finden, was ihnen wichtig ist. Und dann unterstützt und befähigt man sie, selbst Schritte zu unternehmen, die ihnen möglich sind. Es geht um nichts weniger als die (Re-)Humanisierung der Gesundheitsversorgung. Dies ist ein wirklicher Systemwechsel vom krankheitsorientierten Fokus hin zu einer gesundheitsorientierten Versorgung.“
Statt eine Therapie zu bestimmen, könne der Arzt Impulse geben, wünscht sich Hackbarth. „Wenn das Netz sehr eng ist, weil der Mensch in vielen seiner Lebensbereiche kaum Positives findet, dann kann man darüber reden, was sich vielleicht einfach ändern lässt. Und wenn der Betreffende das nächste Mal wiederkommt, kann man fragen: Was hat geklappt? Was haben Sie unternommen?“ Im besten Fall zeigt sich die Verbesserung optisch in den Ausbuchtungen des Spinnennetzes.
„Einige Leute wollen nicht über sich nachdenken, die wollen einfach nur eine Tablette – auch das muss man akzeptieren.“
Das Modell der Positiven Gesundheit stammt aus den Niederlanden. Erfunden hat es Dr. Machteld Huber. Die Allgemeinmedizinerin erkrankte in jungen Jahren selbst und „entdeckte, dass ihre Erfahrung als Patientin weit über das hinausging, was sie jemals als Ärztin gelernt hatte“, heißt es auf der Homepage des Institut for Positive Health. Huber habe in dieser Zeit festgestellt, dass sie ihre Genesung positiv beeinflussen konnte. Später forschte sie am Louis Bolk Institute in Driebergen unter anderem zur Definition von Gesundheit und entwickelte daraus ein Konzept, das Resilienz und Selbstwirksamkeit einbezog. Nach ihrer Promotion im Jahr 2014 verließ sie das Institut und gründete 2015 das Institut für Positive Gesundheit, das sie bis 2019 leitete.
Nur wenige Praxen arbeiten mit dem Konzept
Inzwischen gibt es Ableger in mehreren Ländern. In Deutschland vertritt der Verein „Positive Gesundheit Deutschland e.V.“ mit Sitz in Berlin die Idee der niederländischen Ärztin. Auf deren Website sind die – bisher noch spärlichen – Praxen und Personen aufgelistet, die bundesweit mit dem Konzept arbeiten. In Schleswig-Holstein gehören eine Gemeinschaftspraxis in Lübeck und Hackbarth dazu. Bundesweit zählen neben einzelnen Niedergelassenen oder Praxen auch mehrere medizinische Fakultäten zu den „Botschaftern“ der Methode. Darunter sind das Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung an der Universität Witten/Herdecke oder der Sprecher des Dachverbands Salutogenese e.V., Dr. Ottomar Bahrs, der als Medizinsoziologe und freier Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie als Lehrbeauftragter an der Hochschule Fulda tätig ist.
Hackbart war als niedergelassener Allgemeinmediziner mit Zusatzausbildung als Präventologe tätig, inzwischen ist er „Privatier“, wie er es nennt: Seine Praxis in Jevenstedt, die er mit einem Kollegen führte, hat er an Nachfolger übergeben. Im Unruhestand arbeitet Hackbarth stundenweise in einer Rendsburger Praxis und kümmert sich unter anderem um die Bewohnerinnen und Bewohner eines Senioren- und Pflegeheims. Auf die Idee der Positiven Gesundheit stieß er bei einer Fortbildung und war sofort begeistert.
Einsetzbar nicht nur in Arztpraxen
„Das Gesundheitssystem kann nicht als Reparaturbetrieb weitermachen, wir brauchen einen anderen Ansatz“, sagt er. Eigenverantwortung sei wichtig – und Prävention: „Wenn wir als Gesellschaft mehr in die Vorsorge investieren würden, könnten wir richtig Geld sparen.“ Er kann sich vorstellen, dass der Spinnennetz-Fragebogen auch jenseits von Arztpraxen eingesetzt wird, beispielsweise bei Seniorentreffs.
Der Verein „Positive Gesundheit“ schlägt darüber hinaus vor, das Modell auf politischer und gesellschaftlicher Ebene anzuwenden: So nutze es die niederländische Provinz Limburg, um Schwachstellen und gute Beispiele in der Region zu erkennen. Im ärztlichen Kontext sei der Spinnennetz-Fragebogen vor allem für chronisch Kranke, bei wiederkehrenden unerklärlichen Beschwerden oder Anfälligkeit und bei Einsamkeit sinnvoll. Gerade in der letzten Lebensphase ließe sich das Modell in Verbindung mit dem „anderen Gespräch“ einsetzen, um an die Dinge zu erinnern, die trotz aller Einschränkungen den Alltag weiter schön machen.
Allerdings ist das Modell nicht für alle geeignet. Denn es ist nicht einfach, sich mit sich selbst, den eigenen Lebensumständen und Gefühlen auseinanderzusetzen. „Einige Leute wollen nicht über sich nachdenken, die wollen einfach nur eine Tablette – auch das muss man akzeptieren“, sagt Hackbarth. Er stellt neuen Patienten das Verfahren vor und „schaue, was ankommt“. Den einen oder die andere habe er überzeugen können.
Kennt ein Patient das Verfahren, lasse sich mit dem Spinnennetz-Fragebogen sehr schnell ein Ist-Zustand feststellen und daraus eine Entwicklung ableiten. Hackbarth schildert den Fall eines Patienten, der wegen längerer Krankheit nicht zur Arbeit ging und sich sorgte, wie es beruflich weitergeht. „Im Spinnennetz-Fragebogen sah ich die Ausschläge bei den Fragen nach Geld und Job und wusste sofort: Da muss etwas passiert sein.“ Tatsächlich hatte der Mann gerade einen Brief seiner Firma erhalten, in dem es um seine Zukunft ging. Dieses Problem kann der Arzt nicht lösen – aber immerhin mit dem Patienten darüber sprechen.





