
Ein Jahr KPJSH: Vernetzung wächst, Nachfrage nimmt zu
Wir haben viel erreicht, aber es gibt noch mehr zu tun“, resümiert KPJSH-Leiterin Dr. Victoria Witt. „Eines unserer wichtigsten Ziele war es, das Thema Begutachtung wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Ich habe den Eindruck, dass uns das gelungen ist.“ Sie erlebe zunehmend Interesse an der Sachverständigentätigkeit, erfreulicherweise aus unterschiedlichen Fachgebieten und für vielfältige Rechtsgebiete, sagte Witt. Forensisch-psychiatrische Fragestellungen stünden zwar weiterhin im Fokus, aber der Bedarf bestehe auch auf anderen Gebieten.
Brückenbauer zwischen Klinik, Recht und Ethik
Rückblick: Am 1. Juli 2025 hatten das Kieler Ministerium für Justiz und Gesundheit und die Ärztekammer Schleswig-Holstein das Kompetenzzentrum als neuartige, gemeinsame Einrichtung aus der Taufe gehoben. Anlass war der gravierende und weiter steigende Mangel an Gutachterinnen und Gutachtern. Als Brückenbauer zwischen Klinik, Recht und Ethik sollte das KPJSH das Thema sichtbarer machen, Gutachter und Gerichte oder Behörden besser miteinander vernetzen und gutachterlichen Nachwuchs fördern.
Gravierender Mangel an Sachverständigen
Konkrete Zahlen verdeutlichen den Mangel. Schätzungen zufolge wurden und werden pro Jahr allein in Schleswig-Holstein Gutachten im fünfstelligen Bereich beauftragt. Dem gegenüber gebe es nach Angaben von Witt weniger als 1000 fachärztlich spezifisch qualifizierte Ärztinnen und Ärzte im Land, die als potenzielle Gutachter infrage kämen. Von diesen bringe wiederum nur ein Teil sein Fachwissen ein und auch das eher sporadisch, „da sie in Klinik und Praxis stark eingebunden oder bereits im Ruhestand“ seien, sagte Witt in einem Interview zum Start des KPJSH. Wie klein der Kreis der damals verfügbaren Sachverständigen war, verdeutlichte der Kieler Oberstaatsanwalt Achim Hackethal gegenüber dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. Es seien „immer dieselben fünf bis zehn“, auf die sein Haus zurückgreife.
Diese Basis zu verbreitern, stand für KPJSH-Leiterin Witt folglich ganz oben auf der Agenda: „Zu den wichtigsten Projekten des ersten Jahres zählt der Aufbau einer elektronischen Datenvermittlungsbank“, sagt Witt. Aus anfänglichen Listen und Fragebögen entwickelte sich eine Plattform mit mittlerweile knapp 120 registrierten Sachverständigen aus Psychiatrie, Psychotherapie, Psychologie und Psychosomatik.
Psychiatrische Gutachter haben eine wichtige Funktion für die Justiz und das Gesundheitswesen. Wie herausfordernd und zugleich sinnstiftend die Aufgabe ist und warum wir mehr Gutachter brauchen, erläutert die Leiterin des neu geschaffenen Kompetenzzentrums „Psychiatrische und Psychologische Justizgutachten Schleswig-Holstein“, Dr. Victoria Witt, im Podcast.
Das gewachsene und besser strukturierte Angebot kommt auf der Nachfrageseite an. Mehr als 80 Richterinnen, Staatsanwälte und Mitarbeitende des Justizvollzugs könnten bereits auf die Datenbank direkt zugreifen. „Besonders geschätzt wird die Ampelfunktion, die aktuelle Verfügbarkeiten sichtbar macht“, erläutert Witt. Wie gut die neu geschaffenen Strukturen im Alltag bereits genutzt werden, belegt eine weitere Zahl: Annähernd 150 Gutachten wurden in den ersten zwölf Monaten über das KPJSH vermittelt.
Große Resonanz auf Fortbildungsangebote
Gleichzeitig entstand ein Newsletter, um die mittlerweile mehr als 200 Abonnenten und Abonnentinnen über relevante Themen wie Fortbildungen, Veranstaltungen und rechtliche Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Sechs Ausgaben wurden im ersten Jahr veröffentlicht. Auch auf LinkedIn wächst die Zahl der Follower.
Auf ein ausgesprochen positives Echo stießen die vier Veranstaltungen, bei denen Witt Vertreter aller beteiligten Disziplinen zum fachlichen Austausch zusammenbrachte. Jeweils 20 bis 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer informierten sich und diskutierten über Themen wie Schuldfähigkeit, kinder- und jugendpsychiatrische Begutachtungen, Betreuungsgutachten und Berufsunfähigkeit. „Fortbildung und persönlicher Austausch sind wichtig für eine qualitativ hochwertige Begutachtung, das zeigte sich bei diesen Treffen ebenso wie in den fachlichen Fallbesprechungen der bislang zwei Intervisionstreffen deutlich“, sagt Witt.
Engagierte Netzwerkarbeit
Die engagierte Netzwerkarbeit trägt Früchte. Inzwischen werde das KPJSH selbst in juristischen Diskussionen erwähnt, sagt sie. „In einem Verfahren wurde argumentiert, dass eine Anfrage über das KPJSH hätte erfolgen sollen.“ Witt stellte das Angebot des KPJSH sowohl bei Veranstaltungen alsauch den Vertretern der Familien-, Betreuungs- und Sozialgerichtsbarkeit vor. Zudem bestanden Kontakte zur Psychotherapeutenkammer und zum Berufsverbad Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Auch in einzelnen Kliniken vor Ort und bei Fortbildungsveranstaltungen konnte das KPJSH vorgestellt werden. Wertvoll seien die vielen persönlichen Gespräche mit erfahrenen Sachverständigen sowie jenen Ärztinnen und Ärzten gewesen, die einen Einstieg in die Begutachtungspraxis in Erwägung zögen.
Insgesamt trifft das KPJSH offenbar einen Nerv. „Die Nachfrage nach Gutachten scheint zuzunehmen“, bilanziert Witt. Neben Anfragen aus Schleswig-Holstein gingen auch solche aus anderen Bundesländern in Bad Segeberg ein. Gleichzeitig erreichten zunehmend Anfragen außerhalb der klassischen psychiatrischen und psychologischen Fachgebiete die Einrichtung. Entsprechend seien Interessierte aller Fachrichtungen dem KPJSH willkommen, betont Witt. „Begutachtung wird in vielen Bereichen benötigt. Wer Freude an sorgfältiger Analyse, wissenschaftlichem Arbeiten und interdisziplinärem Austausch hat, ist herzlich eingeladen, tiefer in die Thematik einzusteigen.“
KPJSH-Herbstforum am 26. Oktober
Höhepunkt des Herbstprogramms wird die Fortsetzung des Austausches im Rahmen des KPJSH-Herbstforums „Justiz. Gutachten. Dialog“ am 26. Oktober 2026 in den Räumen des Oberlandesgerichts Schleswig sein. Weitere Intervisionstreffen sind für den 17. September und den 19. November jeweils ab 17.30 Uhr in den Räumen der Ärztekammer Schleswig-Holstein geplant. Darüber hinaus entwickeln Mitarbeitende der Akademie der Ärztekammer und das KPJSH gemeinsam mit Spezialisten zum einen spezielle Fortbildungsangebote auf Basis des Curriculums Medizinische Begutachtung der Bundesärztekammer. Zum anderen ist eine Veranstaltung für Sachverständige aus Kinder- und Jugendpsychiatrie in Planung.
„Wir brauchen engagierte Sachverständige aller Fachrichtungen“, sagt Witt. Das Kompetenzzentrum sei kein abgeschlossenes Projekt, sondern diene als Plattform für ein gemeinsames Netzwerk. Ihr Appell: „Je mehr Menschen sich beteiligen, desto besser können wir Qualität, Nachwuchs und fachlichen Austausch in der Begutachtung fördern.“





