Eine junge Ärztin spricht mit einer Patienten
© AdobeStock Wavebreak Media Micro
© AdobeStock Wavebreak Media Micro

Ein intaktes Verhältnis als Fundament

Selbstbewusste Patienten sind heute eine Selbstverständlichkeit, das paternalistische Modell ist einem partnerschaftlichen Bewusstsein gewichen. Das hat überwiegend positive Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten. Nur: Nicht jeder Patient trifft den richtigen Ton in der Kommunikation und manche werden aggressiv. Für die Ärztinnen und Ärzte steigen damit die Herausforderungen.

Dirk Schnack

Sie sind selten geworden, die passiven Patienten, die ärztliche Anweisungen ohne Nachfragen umsetzen, die Medizinern ein nicht zu erschütterndes Vertrauen entgegenbringen und keinen Zweifel daran lassen, dass sie den Arzt auf einer anderen, höheren Hierarchiestufe sehen. Das paternalistische Modell hat ausgedient.
Heute wird viel von Augenhöhe gesprochen, auf der sich Ärzte und Patienten begegnen sollen, die Patienten sollen in die Entscheidungen einbezogen werden, sich als mündig begreifen und danach handeln. Shared Decision Making ist seit Jahren in der Umsetzung, das Kieler Share-to-Care-Modell ein Exportschlager.

Viele Faktoren spielen eine Rolle
Die Realität bilden wahrscheinlich beide Ansätze, weder das paternalistische noch das partnerschaftliche, nicht komplett ab. Viele Faktoren spielen im Behandlungsalltag eine Rolle und beeinflussen das Verhältnis: Zeitdruck, Digitalisierung, Bürokratie, steigende Anspruchshaltung, fehlende Kompetenz, fehlende Kinderstube etc.

Prof. Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, hat in seinem Berufsleben das geänderte Verhältnis zwischen Patienten und Ärzten in Praxen und Kliniken erlebt. Für ihn ist wichtig: „Das intakte Verhältnis zu den Patienten ist für uns Ärztinnen und Ärzte das Fundament unserer Profession. Das Vertrauen der Patienten müssen wir unbedingt bewahren.“

Ein Mann mit Vollbart im dunklen Blazer lächelt frontal in die Kamera (Kopfportrait).
Dr. Heiner Garg © FDP-Landtagsfraktion

„Das menschliche Miteinander bleibt dabei immer mehr auf der Strecke.“

Dr. rer. pol.Heiner Garg

Für den Vorsitzenden des Patientenombudsvereins, Dr. rer.pol. Heiner Garg, steht fest, dass das Arzt-Patientenverhältnis komplizierter geworden ist. „Viele Patientinnen und Patienten suchen heute deutlich besser informiert eine Praxis auf. ‚Dr. Google‘ macht es möglich, aber zunehmend auch KI, die ganze Medikamentenpläne oder Therapievorschläge erarbeitet. Das führt dann mitunter schon dazu, dass Ärztinnen und Ärzte deutlich mehr Überzeugungskraft aufbringen müssen, dass am Anfang eines Genesungsprozesses eine solide ärztliche Diagnose steht“, sagte der FDP-Politiker und frühere Landesgesundheitsminister dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. 

Umgangston ist rauer geworden
Er gab zu bedenken, dass die Welt nicht vor der Praxistür stehen bleibe. Der Umgang untereinander sei rauer geworden. „Pöbeleien und Beschimpfungen des Praxispersonals sind heute schon beinahe eher die Regel als die absolute Ausnahme. Das menschliche Miteinander bleibt dabei immer mehr auf der Strecke“, lautet seine Wahrnehmung. Garg vermutet, dass auch Probleme, Arzttermine zu bekommen, zur Situation beigetragen haben.

Verändert hat sich nach dem Eindruck vieler Ärztinnen und Ärzte, dass die Patienten heute selbstbewusster auftreten – was keinesfalls als negativ eingestuft wird, sondern von vielen – dies zeigen Stellungnahmen von Ärztinnen und Ärzten auf den folgenden Seiten – begrüßt wird. Doch Selbstbewusstsein hat nichts mit forderndem Verhalten oder aggressivem Auftreten zu tun. 

Der Schleswiger Diabetologe Dr. Carsten Petersen sieht das Gesundheitswesen als Teil der Gesellschaft, in der er seit Jahrzehnten „eine gewisse Verrohung“ registriert. „Trash-TV im Fernsehen und Hatespeech oder Shitstorms in (A-)Social Media sind allgegenwärtig. Es macht nicht nur mir große Sorgen, wie sich psychische, körperliche und sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft ausbreitet. Der respekt- und würdevolle Umgang miteinander ist auf dem Rückzug. Eine bedauerliche Entwicklung, die auch für zukünftige Generationen nichts Gutes verheißt“, sagte Petersen.  

Gewalt im Gesundheitswesen nicht bagatellisieren
Dass dies auch im Gesundheitswesen so passiere, sei nichts Spezifisches. Er mahnte: „Ärzte und Patienten vereint, dass sie Menschen sind. Ich finde diese Entwicklung nicht nur schade. Sie ist kein gutes Fundament für das gesellschaftliche Miteinander. Leider hat sich vielerorts in der Gesellschaft die Mentalität vieler Menschen geändert. Man möchte möglichst viel, möglichst sofort, am besten direkt ins Haus. Vielleicht ist ‚Pizza-Service-Mentalität‘ ein passender Vergleich.“
Die Unzufriedenen geraten nach seiner Wahrnehmung mit ihrer Haltung oft an vermeintliche politische Heilsbringer, mutierten zu Wutbürgern und Protestwählern – „oder sie werden ihren Frust los, indem sie ihn in Bewertungsportalen in Form unqualifizierter Kommentare ausdrücken“.

Petersen mahnte, Gewalt im Gesundheitswesen nicht zu bagatellisieren. Er berichtete aber auch, dass er selbst in seinem Alltag derartige Probleme nur selten und nie in bedrohlicher Form erlebt habe. Für ihn steht fest: „Durch die Einzelfälle lasse ich mir die Freude am Beruf nicht verderben. Es ist mir regelmäßig eine große Freude, mit Menschen zu arbeiten, bei denen Gespräche und Informationsvermittlung ein solides Empowerment bewirkt haben.“

Lesen Sie auch:
Dr. Sylke Würfel ist die erste Ärztin, die als Patientenombudsfrau tätig wird. Die Allgemeinmedizinerin aus Ostholstein, die auch eine Ausbildung zur Mediatorin hat, hat kürzlich ihr Amt angetreten. Sie ist überzeugt, dass Zuhören der wichtigste Schritt für eine erfolgreiche Vermittlung ist. Seit Juni ist sie in den Regionen Neumünster, Dithmarschen, Steinburg, Pinneberg mit Helgoland zuständig. 

Transparente Kommunikation
Wie könnte eine Lösung aussehen? Herrmann sieht den besten Weg in einer offenen Kommunikation und in einem transparenten Umgang mit den Belastungen: „Lange Wartezeiten und andere Probleme lassen sich erklären. Das kostet zwar wieder Zeit, ist aber für das Verhältnis zu den Patienten unverzichtbar.“ 

„Ich erwarte von uns allen, dass wir uns wieder zusammennehmen und die Ellenbogen einklappen. Verständnis und manchmal auch einfach ein bisschen Geduld und gegenseitige Rücksichtnahme sind keine altmodischen Tugenden“, empfiehlt Garg. Auf die Praxis übertragen heißt das für ihn: „Die freundliche Dame an der Rezeption trägt keine Schuld am Facharztmangel auf dem Land. Sie ist vielmehr bemüht, zu helfen und verdient Dankbarkeit und Respekt. Die behandelnde Ärztin oder der Arzt hat viele Jahre studiert und übt ihren bzw. seinen Beruf trotz immer schlechter werdenden politischen Rahmenbedingungen trotzdem immer noch – meist sogar gerne – aus. Wäre es nicht möglich, dass er besser weiß, was mir fehlt und was gut für mich ist als Google oder ChatGPT?“

Aktuelle Beiträge
Zwei formal gekleidete Frauen und dazwischen ein Mann stehen in einem großen Raum hinter zwei Pulten, die linke spricht in ein Mikrofon, die beiden anderen Personen hören ihr zu.
Ärztin Lena Varnhorn, Staatssekretär Dr. Olaf Tauras und Gesundheitsministerin Prof. Kerstin von der Decken (rechts) bei der ersten der sechs Regionalkonferenzen in Lübeck ©Dirk Schnack
12.10.2026

Wie Gesundheitsministerin Prof. Kerstin von der Decken die künftige Struktur der regionalen…

Mit Audio-beitrag
Mann und Frau stehen an einem Tisch, der Mann spricht in ein Mikrofon.
Prof. Wolfgang Dersch und Ärztin Lena Varnhorn in der Podiumsdiskussion in Eutin. © Astrid Schock
07.10.2026

In der letzten der insgesamt sechs Regionalkonferenzen diskutierten Vertreter aus dem…

Mit Audio-beitrag
Mann im weißen Kittel steht vor einem Schild des Malteser Krankenhauses
PD Dr. Christoph Seidel © Franziska Mumm
07.10.2026

Wie lässt sich eine moderne onkologische Versorgung auch außerhalb großer universitärer Zentren…

Eine kurzhaarige schlanke Frau im mintgrünen Blazer lächelt frontal in die Kamera. Sie steht in einem hellen, holzgetäfelten Foyer.
Dr. Gisa Andresen ©AKS
06.10.2026

Bei der Anhörung zur geplanten Reform des Landeskrankenhausgesetzes unterstrichen Vertreterinnen und…

Mit Audio-beitrag
Ein großer Saal mit Publikum auf der linken und einer Rednerin auf der linken Seite des Bildes
Ministerin Prof. Kerstin von der Decken (rechts am Pult) bei der Regionalkonferenz Mitte in Kiel. © Dirk Schnack
05.10.2026

Die Regionalkonferenz zur Klinikplanung in der Versorgungsregion Mitte zeigte, wo die Bündelung von…

Mit Audio-beitrag
Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Tisch vor einem unruhigen Hintergrund und schauen in die Kamera.
Lena Varnhorn und Dr. Stefan Sudmann bei der Regionalkonferenz in Husum. © Esther Geißlinger
02.10.2026

Inseln, Halligen, dünn besiedelte ländliche Regionen und Urlaubsgäste im Sommer: Die Besonderheiten…