
Ein intaktes Verhältnis als Fundament
Sie sind selten geworden, die passiven Patienten, die ärztliche Anweisungen ohne Nachfragen umsetzen, die Medizinern ein nicht zu erschütterndes Vertrauen entgegenbringen und keinen Zweifel daran lassen, dass sie den Arzt auf einer anderen, höheren Hierarchiestufe sehen. Das paternalistische Modell hat ausgedient.
Heute wird viel von Augenhöhe gesprochen, auf der sich Ärzte und Patienten begegnen sollen, die Patienten sollen in die Entscheidungen einbezogen werden, sich als mündig begreifen und danach handeln. Shared Decision Making ist seit Jahren in der Umsetzung, das Kieler Share-to-Care-Modell ein Exportschlager.
Viele Faktoren spielen eine Rolle
Die Realität bilden wahrscheinlich beide Ansätze, weder das paternalistische noch das partnerschaftliche, nicht komplett ab. Viele Faktoren spielen im Behandlungsalltag eine Rolle und beeinflussen das Verhältnis: Zeitdruck, Digitalisierung, Bürokratie, steigende Anspruchshaltung, fehlende Kompetenz, fehlende Kinderstube etc.
Prof. Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, hat in seinem Berufsleben das geänderte Verhältnis zwischen Patienten und Ärzten in Praxen und Kliniken erlebt. Für ihn ist wichtig: „Das intakte Verhältnis zu den Patienten ist für uns Ärztinnen und Ärzte das Fundament unserer Profession. Das Vertrauen der Patienten müssen wir unbedingt bewahren.“

„Das menschliche Miteinander bleibt dabei immer mehr auf der Strecke.“
Für den Vorsitzenden des Patientenombudsvereins, Dr. rer.pol. Heiner Garg, steht fest, dass das Arzt-Patientenverhältnis komplizierter geworden ist. „Viele Patientinnen und Patienten suchen heute deutlich besser informiert eine Praxis auf. ‚Dr. Google‘ macht es möglich, aber zunehmend auch KI, die ganze Medikamentenpläne oder Therapievorschläge erarbeitet. Das führt dann mitunter schon dazu, dass Ärztinnen und Ärzte deutlich mehr Überzeugungskraft aufbringen müssen, dass am Anfang eines Genesungsprozesses eine solide ärztliche Diagnose steht“, sagte der FDP-Politiker und frühere Landesgesundheitsminister dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt.
Umgangston ist rauer geworden
Er gab zu bedenken, dass die Welt nicht vor der Praxistür stehen bleibe. Der Umgang untereinander sei rauer geworden. „Pöbeleien und Beschimpfungen des Praxispersonals sind heute schon beinahe eher die Regel als die absolute Ausnahme. Das menschliche Miteinander bleibt dabei immer mehr auf der Strecke“, lautet seine Wahrnehmung. Garg vermutet, dass auch Probleme, Arzttermine zu bekommen, zur Situation beigetragen haben.
Verändert hat sich nach dem Eindruck vieler Ärztinnen und Ärzte, dass die Patienten heute selbstbewusster auftreten – was keinesfalls als negativ eingestuft wird, sondern von vielen – dies zeigen Stellungnahmen von Ärztinnen und Ärzten auf den folgenden Seiten – begrüßt wird. Doch Selbstbewusstsein hat nichts mit forderndem Verhalten oder aggressivem Auftreten zu tun.
Der Schleswiger Diabetologe Dr. Carsten Petersen sieht das Gesundheitswesen als Teil der Gesellschaft, in der er seit Jahrzehnten „eine gewisse Verrohung“ registriert. „Trash-TV im Fernsehen und Hatespeech oder Shitstorms in (A-)Social Media sind allgegenwärtig. Es macht nicht nur mir große Sorgen, wie sich psychische, körperliche und sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft ausbreitet. Der respekt- und würdevolle Umgang miteinander ist auf dem Rückzug. Eine bedauerliche Entwicklung, die auch für zukünftige Generationen nichts Gutes verheißt“, sagte Petersen.
Gewalt im Gesundheitswesen nicht bagatellisieren
Dass dies auch im Gesundheitswesen so passiere, sei nichts Spezifisches. Er mahnte: „Ärzte und Patienten vereint, dass sie Menschen sind. Ich finde diese Entwicklung nicht nur schade. Sie ist kein gutes Fundament für das gesellschaftliche Miteinander. Leider hat sich vielerorts in der Gesellschaft die Mentalität vieler Menschen geändert. Man möchte möglichst viel, möglichst sofort, am besten direkt ins Haus. Vielleicht ist ‚Pizza-Service-Mentalität‘ ein passender Vergleich.“
Die Unzufriedenen geraten nach seiner Wahrnehmung mit ihrer Haltung oft an vermeintliche politische Heilsbringer, mutierten zu Wutbürgern und Protestwählern – „oder sie werden ihren Frust los, indem sie ihn in Bewertungsportalen in Form unqualifizierter Kommentare ausdrücken“.
Petersen mahnte, Gewalt im Gesundheitswesen nicht zu bagatellisieren. Er berichtete aber auch, dass er selbst in seinem Alltag derartige Probleme nur selten und nie in bedrohlicher Form erlebt habe. Für ihn steht fest: „Durch die Einzelfälle lasse ich mir die Freude am Beruf nicht verderben. Es ist mir regelmäßig eine große Freude, mit Menschen zu arbeiten, bei denen Gespräche und Informationsvermittlung ein solides Empowerment bewirkt haben.“
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Dr. Sylke Würfel ist die erste Ärztin, die als Patientenombudsfrau tätig wird. Die Allgemeinmedizinerin aus Ostholstein, die auch eine Ausbildung zur Mediatorin hat, hat kürzlich ihr Amt angetreten. Sie ist überzeugt, dass Zuhören der wichtigste Schritt für eine erfolgreiche Vermittlung ist. Seit Juni ist sie in den Regionen Neumünster, Dithmarschen, Steinburg, Pinneberg mit Helgoland zuständig.
Transparente Kommunikation
Wie könnte eine Lösung aussehen? Herrmann sieht den besten Weg in einer offenen Kommunikation und in einem transparenten Umgang mit den Belastungen: „Lange Wartezeiten und andere Probleme lassen sich erklären. Das kostet zwar wieder Zeit, ist aber für das Verhältnis zu den Patienten unverzichtbar.“
„Ich erwarte von uns allen, dass wir uns wieder zusammennehmen und die Ellenbogen einklappen. Verständnis und manchmal auch einfach ein bisschen Geduld und gegenseitige Rücksichtnahme sind keine altmodischen Tugenden“, empfiehlt Garg. Auf die Praxis übertragen heißt das für ihn: „Die freundliche Dame an der Rezeption trägt keine Schuld am Facharztmangel auf dem Land. Sie ist vielmehr bemüht, zu helfen und verdient Dankbarkeit und Respekt. Die behandelnde Ärztin oder der Arzt hat viele Jahre studiert und übt ihren bzw. seinen Beruf trotz immer schlechter werdenden politischen Rahmenbedingungen trotzdem immer noch – meist sogar gerne – aus. Wäre es nicht möglich, dass er besser weiß, was mir fehlt und was gut für mich ist als Google oder ChatGPT?“






