
Digitalisierung: Rote Laterne für Nord-Kliniken
Das Bundesgesundheitsministerium hatte das Konsortium Digitalradar Krankenhaus 2021 beauftragt, ein Messinstrument zur Feststellung der digitalen Reife deutscher Krankenhäuser zu entwickeln. Kürzlich ist der zweite Digitalradar erschienen – mit wenig schmeichelhaften Ergebnissen für die Kliniken im Norden.
Der Norden ganz unten
Der Zwischenbericht listet Schleswig-Holstein gemeinsam mit Rheinland-Pfalz in einem Vergleich der Bundesländer zur Digitalreife auf dem letzten Platz auf. Mit einem Mittelwert von 37,8 liegen die Kliniken im Norden weit hinter den führenden Bundesländern Berlin (47,7), Sachsen (44,7) und Nordrhein-Westfalen (44,5). Der bundesweite Durchschnitt beträgt 42,4 von maximal 100 Punkten, die für eine volle Digitalisierung vergeben werden. Deutlich wird, dass sich im Vergleich zum letzten Zwischenbericht im Jahr 2022 alle Bundesländer verbessert haben – aber nur wenige so gering wie Schleswig-Holstein. Der durchschnittliche bundesweite Punkteanstieg von 9,1 wurde in Schleswig-Holstein (7,9) nicht erreicht.
Öffentliche Träger sind am weitesten
Weitere Ergebnisse des Digitalradars:
- Versorgungsstufe: Der Anstieg der Digitalreife fällt umso höher aus, je höher die Versorgungsstufe eines Krankenhauses ist.
- Klinikgröße: je größer, desto höher die Digitalreife. Grundversorger schneiden mit 38,3 Punkten am schlechtesten ab, Regelversorger kommen auf 45,6 Punkte, Zentralversorger auf 48,2 und Maximalversorger auf 51,9 Punkte im Durchschnitt.
- Trägerschaft: Kliniken in öffentlicher Trägerschaft (46,5) wird die höchste Digitalreife attestiert, gefolgt von Kliniken in frei-gemeinnütziger Trägerschaft (40,8) und Krankenhäusern in privater Trägerschaft (39,7).
- Raumtyp: Kliniken in Städten haben mit 42,9 Punkten eine leicht bessere Digitalreife als Häuser in ländlichen Räumen (41,8 Punkte).
- Dimensionen: Am besten ist die Digitalreife in der Dimension „Struktur und Prozesse“ (66,5 Punkte), am schlechtesten in der Dimension „Patientenpartizipation“(10,1).
In die Analyse sind Datensätze von über 1.500 Krankenhäusern einbezogen worden. Der Einfluss der Fördermittel auf die digitale Reife konnte noch nicht bewertet werden, weil noch nicht alle Mittel ausbezahlt wurden und zugleich noch viele Projekte nicht abgeschlossen sind.
KGSH: Kliniken im Norden werden aufholen
Patrick Reimund, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein (KGSH), gibt zu den Zwischenergebnissen zu bedenken, dass die Fertigstellung der nach dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) geförderten IT-Projekte erst zum Jahresende 2025 gefordert sei. „Wir befinden uns also derzeit in der Finalisierungsphase. Dass Schleswig-Holstein zusammen mit Rheinland-Pfalz und dem Saarland im Rahmen des Zwischenberichts des Digitalradars die rote Laterne erhalten hat, zeigt aus unserer Sicht nur an, dass viele Projekte zum Stichtag der Umfrage nicht den Fertigstellungsgrad erreicht hatten, der zur Meldung erforderlich gewesen wäre“, sagte Reimund auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes. Eine abschließende Bewertung hält er erst nach Abschluss der IT-Projekte im folgenden Jahr für möglich werden. Reimund ist sicher: „Der Digitalisierungsgrad der Kliniken in unserem Land wird sich mit Fertigstellung der IT-Projekte nachweislich erheblich erhöhen."
„Der Digitalisierungsgrad der Kliniken in unserem Land wird sich mit Fertigstellung der IT-Projekte nachweislich erheblich erhöhen."
Ruf nach mehr Fördermitteln
Als Beispiel für schon erzielte Fortschritte nannte Reimund die Betrachtung der Großkliniken als Teil der kritischen Infrastruktur und die Sensibilisierung aller Kliniken für mögliche IT-Angriffsszenarien mit entsprechenden Abwehrmaßnahmen. „Leider fehlt hier bislang eine sachgerechte Kostenerstattung“, so Reimund. Damit sich der Digitalisierungsgrad in den schleswig-holsteinischen Kliniken verbessert, hält er eine Dynamisierung der Fördermittel für IT-Leistungen für erforderlich: „Bisher gibt es nach Einführung der Projekte wie z.B. ein Sektor übergreifendes Patientenportal keine dauerhafte Anschlussfinanzierung für die dann weiter laufenden Kosten für Wartung und IT-Lizenzen.“
Die aktuelle Klinikreform ist die vielleicht wichtigste Gesetzesänderung für den stationären Bereich der vergangenen 20 Jahre – und die Krankenhäuser in Schleswig-Holstein sind in wirtschaftlicher Hinsicht so verunsichert wie nie. Woran das liegt und was die Kliniken jetzt brauchen, erläutert der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein, Patrick Reimund.




