
Die zentrale Rolle von Pankreaszysten
Das Pankreaskarzinom bleibt eine der aggressivsten und tödlichsten malignen Erkrankungen weltweit. Mit einer Fünf-Jahres-Überlebensrate von unter 13 Prozent und einer jährlichen Inzidenz von etwa zehn bis zwölf Fällen pro 100.000 Einwohner in Deutschland ist die Früherkennung entscheidend für die Verbesserung der Prognose [1].
Zentrale Bedeutung der Früherkennung
Die meisten Betroffenen werden erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert – oft mit metastasierter Erkrankung und damit meist nur noch palliativer Therapieoption [2]. Die einzige Chance auf Heilung bleibt die multimodale Therapie inklusive der radikalen chirurgischen Resektion, die jedoch nur bei etwa 15 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten möglich bzw. onkologisch sinnvoll ist [3]. Dies unterstreicht die zentrale Bedeutung der Früherkennung insbesondere beim Pankreaskarzinom und dessen Vorläuferläsionen wie den sogenannten muzinösen zystischen Neoplasien.
Problem: Viele Zysten sehen in der Bildgebung ähnlich aus
Zystische Tumore sind eine Gruppe von Pankreaszysten unterschiedlicher Dignität und Prognose, die immer häufiger im Rahmen von bildgebenden Untersuchungen als Zufallsbefunde auffallen. Die korrekte Einschätzung deren prämaligen Potentials zieht eine Reihe spezialisierter Untersuchungen, im Wesentlichen das MRT und die Endosonografie, in Betracht. Viele Zysten sehen im Ultraschall, CT oder MRT schlicht ähnlich aus. Eine Pseudozyste (nicht neoplastisch, kein Malignitätsrisiko) kann bildgebend kaum von einem muzinösen Zystadenom zu unterscheiden sein. Kein einzelnes Kriterium – weder Größe, Lage noch Erscheinungsbild – ist allein aussagekräftig genug.
Was kritisch einzuschätzen ist
Erst die Kombination von Merkmalen erlaubt eine Einschätzung, wobei Gangverbindung zum Ductus pancreaticus (typisch für IPMN), murale Knötchen (wandständige Verdickungen) als Hinweis auf Entartung, Septierungen, Kalzifikationen und eine Hauptgang-Dilatation ≥10 mm (Hochrisiko-Merkmal) kritisch einzuschätzen sind. Trotz dieser Kriterien bleibt die Einschätzung der Prognose schwierig.
Pankreaszysten gewinnen an klinischer und wissenschaftlicher Relevanz
Zahlreiche aktuelle und geförderte Projekte der Klinik für Chirurgie des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck (Direktor Prof. Tobias Keck) arbeiten auf eine Verbesserung der Diagnostik bei zystischen Pankreasneoplasien hin.
Prof. Timo Gemoll aus der Klinik für Chirurgie des Universitätsklinikums Schleswig Holstein arbeitet an einem multikonsortialen Forschungsprojekt, in dem u.a. proteom-basiert Blutmarker für das Pankreaskarzinom an über 4.000 internationalen Blutproben eruiert werden sollen (UNCAN-Connect, Horizon Europe Projekt, www.uncan-connect.eu). In diesem Kontext gewinnen Pankreaszysten zunehmend an klinischer und wissenschaftlicher Relevanz. Sie sind für zehn bis 15 Prozent aller Pankreaskarzinome verantwortlich und werden in bis zu 13 Prozent der CT- oder MRT-Untersuchungen zufällig entdeckt – insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten und bei bildgebenden Verfahren zur Abklärung anderer Erkrankungen. Bei über 70-Jährigen sind es sogar mehr als 40 Prozent im MRT [4, 5].
Die wichtigsten präneoplastischen Entitäten
Obwohl die Mehrheit der Zysten benign ist, weisen bestimmte Subtypen ein signifikantes Karzinomrisiko auf. Die wichtigsten präneoplastischen Entitäten sind: die Intraduktale papilläre muzinöse Neoplasie (IPMN) (Abbildung 1), welche vom Epithel der Pankreasgänge ausgeht und je nach Morphologie mit Invasivitätsraten von um die 45 Prozent vergesellschaftet sind [6, 7]. Außerdem sind die muzinöse zystische Neoplasie (MCN), diese sind häufig bei Frauen um die 45 Jahre mit einer Karzinomprogressionsrate von etwa zehn bis 20 Prozent [8], und die seröse zystische Neoplasie (SCN), welche kein Progressionsrisiko aufweisen, zu benennen.
Entscheidend ist die Multimodalität der Diagnostik
Muzinöse und intraduktale zystische Neoplasien mit dysplastischen Veränderungen erfordern besondere Aufmerksamkeit. Die Risikobewertung solcher Läsionen basiert auf einer Kombination aus klinischen, radiologischen und morphologischen Kriterien. Die Kyoto-Leitlinie (2024) sowie die Europäische Konsensus Leitlinie (2018) bilden die Grundlage für die Entscheidung zwischen Beobachtung oder chirurgischer Intervention [6, 9]. Entscheidend ist dabei die Multimodalität der Diagnostik: endoskopische Ultraschalluntersuchung (EUS), z. T. mit Zystenpunktion und zytologischer Analyse, oder MRT/MRCP mit Diffusionsgewichtung, sowie Anamnese, Tumormarker und klinische Untersuchung.
Interdisziplinäres Pankreaszystenboard
Bereits vor zwei Jahren wurde am UKSH, Campus Lübeck, ein interdisziplinäres Pankreaszystenboard gegründet. Ein Expertenteam, das wöchentlich zusammenkommt, bewertet jede Zysten-Läsion nach standardisierten Algorithmen. Dieser strukturierte Ansatz reduziert interindividuelle Unterschiede, verbessert die Diagnosegenauigkeit und minimiert unnötige chirurgische Eingriffe [10].
Multinationale Forschungsprojekte
Die klinische Arbeit wird durch weitere intensive Forschungstätigkeit in Lübeck ergänzt. Das multidisziplinäre Team des UKSH in Lübeck ist an mehreren multinationalen Forschungsprojekten beteiligt, darunter MMAIC-IPMN (Multimodal artfiical cohorts for the detection of IPMN), ein BMBFTR-gefördertes Projekt, das aus Biomarkern in Blut, Genomik, Bildgebung und klinischen Daten künstliche Kohorten erstellt, um einen Risikorechner für individuelle Patienten mit Pankreaszysten zu entwickeln. Das 5D-LATZ (5D-Laparoskop zur Tumordifferenzierung von unklaren zystischen Pankreasläsionen): Unterstützt durch BMBFTR und VWR, untersucht dieses Projekt, ob eine multimodale intraoperative Bildgebung die Diagnostik von Pankreaszysten präzisieren kann.
Basis für zukunftsorientierte Onkologie
Zusammenfassend bildet die Kombination aus interdisziplinärem Experten-Board, evidenzbasierter Leitlinienanwendung und forschungsgetriebener Innovation die Grundlage für eine zukunftsorientierte Onkologie. Pankreaszysten sind kein Zufallsbefund – sie sind ein präklinisches Signal, das zur Detektion von Präkanzerosen des Pankreaskarzinoms genutzt werden muss.
Integrierte, datenbasierte und patientenorientierte Versorgung
Das Pankreaszystenboard am UKSH in Lübeck demonstriert, dass durch strukturierte Kooperation, wissenschaftliche Fundierung und kontinuierliche Forschung eine frühe Detektion des Pankreaskarzinoms und dessen Vorläuferläsionen verbessert und optimiert werden kann. Die Zukunft der Prävention liegt in der integrierten, datenbasierten und patientenorientierten Versorgung – und sie beginnt mit der Zyste.
Info
Für Anmeldungen oder zur Zweitmeinung bei Pankreasveränderungen betreibt das UKSH in Lübeck eine Spezialsprechstunde für Pankreaserkrankungen (Anmeldung über 0451 500 40100 oder Univ.-Prof. Dr. hc. mult. Tobias Keck, Leitung Exzellenzzentrum Pankreaschirurgie (DGAV), Direktor der Klinik für Chirurgie, UKSH, Campus Lübeck, Telefon: 0451 500 40101, tobias.keck@uksh.de)






