Mann mit grauen Haaren und Brille gestikuliert am Rednerpult und spricht zu Zuhörern, die nicht zu sehen sind.
Prof. Christopher Baethge © Eike Lamberty
Prof. Christopher Baethge © Eike Lamberty

Die Rolle medizinischer Fachzeitschriften in Krisenzeiten

Klimawandel, Künstliche Intelligenz (KI), politische Disruption – drei Charakteristika unserer Zeit, die unser Leben entscheidend verändern. Was bedeutet das für medizinische Fachzeitschriften wie das Deutsche Ärzteblatt? Prof. Christopher Baethge, Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblatts, gab der Kammerversammlung Einblicke aus Sicht eines Wissenschaftsredakteurs der Boomer-Generation.

Dirk Schnack

Nicht nur der Wissenszuwachs in der Medizin ist enorm, auch die Zahl der Veröffentlichungen steigt exponentiell. „Kein Arzt kann das bewältigen“, steht für Baethge fest. Umso wichtiger sei Vertrauenswürdigkeit von Fachzeitschriften. Unter den deutschsprachigen Medizintiteln mit wissenschaftlichem Anspruch genießt das Deutsche Ärzteblatt hohe Verbreitung. Die von Baethge präsentierten Zahlen zeigten, dass das Blatt auch mit Abstand am häufigsten genutzt und darüber hinaus am besten bewertet wird.

Digital wird weniger gelesen
Wie lassen sich diese Spitzenwerte in einer Zeit, in der viele Menschen verunsichert sind, stabilisieren? Baethge ist überzeugt, dass dies durch eine Abkehr von der gedruckten Ausgabe nicht gelingen kann, denn: „Digitalisierung führt dazu, dass die Menschen weniger lesen.“ Tragen gedruckte Fachzeitschriften also stärker dazu bei, Unsicherheit abzubauen oder zu vermeiden? Ein Test zum Jahresstart 2026, als das Deutsche Ärzteblatt eine Ausgabe rein digital herausgab, lieferte bis zum Tag der Kammerversammlung noch keinen Aufschluss, belastbare Zahlen fehlten noch.

Linear steigende Kosten für Print
Die gibt es dagegen für die Argumente pro Digitalisierung. Kosten für Fertigung, Papier und Vertrieb steigen seit Jahren linear, auch für das Deutsche Ärzteblatt. Auch zum ökologischen Fußabdruck gibt es Zahlen – für die Ausgabe für Kliniker des Ärzteblattes liegt sie bei etwa 20 Tonnen CO2. Baethge gab aber auch zu bedenken: Digital hergestellte Erzeugnisse sind etwa durch den hohen Energieverbrauch von Servern ebenfalls nicht umweltfreundlich und ebenfalls kostenintensiv. Beide Punkte werden in der Abwägung oft vernachlässigt.

Viele nutzen KI, trauen ihr aber nicht
Auch auf den Einsatz von KI in medizinischen Fachzeitschriften ging Baethge ein. Laut Umfragen setzen bereits 70 Prozent der Autoren KI beim Schreiben ein. 53 Prozent der Gutachter nutzen KI mindestens selten – 59 Prozent zum Verfassen der Gutachten, 29 Prozent zur Zusammenfassung des Manuskriptes, 28 Prozent zur Entdeckung von Plagiaten und 19 Prozent zur Prüfung der Methode. Trends: Menschen auf anderen Kontinenten setzen KI häufiger ein, Jüngere öfter als Ältere. Ein Phänomen dabei: Obwohl so viele Menschen KI selbst einsetzen, sehen 52 Prozent Manuskripte, die KI-Nutzung enthalten, kritisch. Baethge lehnt den Einsatz von KI keinesfalls ab, sondern sieht die Chancen in der Wissenschaftskommunikation. KI könne dazu beitragen, die Qualität von Manuskripten zu verbessern, das Verfassen zu beschleunigen und ein Peer Review zu unterstützen. Er stellte aber auch klar: KI hat Probleme, Neuigkeiten abzuschätzen, die Relevanz für das Publikum zu prüfen, die Sinnhaftigkeit von Abbildungen zu bewerten und kritisch zu denken – vielleicht noch.

Welche Alternative zu Print gibt es für wissenschaftliche Publikationen?
Fest steht für Baethge aber auch, dass KI - im Gegensatz zur landläufigen Meinung - die Arbeitslast und die Intransparenz erhöht. Damit wird nach seiner Überzeugung der Bedarf an transparenter Information und an gesichertem Wissen steigen.
Auf die Frage von Dr. Victoria Witt, über welche Kommunikationswege sich wissenschaftlich relevante Themen alternativ zur gedruckten Fachzeitschrift darstellen ließen, hatte Baethge keine abschließende Empfehlung. Vorstellen kann er sich, dass sich Webinare und Podcasts ebenfalls dafür eignen. Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann sprach sich klar dafür aus, den wissenschaftlichen Teil des Deutschen Ärzteblattes auch weiterhin in gedruckter Form zu veröffentlichen.

Ähnliche Beiträge
Junger Mann im dunklen Sacko und weißem Hemd schaut frontal in die Kamera.
Dr. Friedrich A. von Samson-Himmelstjerna © privat
17.04.2026

Derzeit ist die Organspende nach dem irreversiblen Hirnfunktionsausfall die einzige rechtlich…

Ein Arzt und eine Ärztin in weißen Kitteln halten lächelnd ein weißes, schlauchartiges Kunststoffimplantat in die Kamera.
Prof. Olav Jansen und Dr. Mariya Pravdivtseva mit einem Implantatmodell © UKSH
13.04.2026

Für die Entwicklung maßgefertigter Implantate bei Gefäßerkrankungen erhalten das…

Mann mit Bart und Brille steht im Freien vor einem Gebäude. Er trägt Hemd und Jackett und schaut ernst in die Kamera.
Prof. Cornelius Borck © Hans-Jürgen Wege
10.04.2026

Globale Gesundheitsrisiken und andere Herausforderungen unserer Zeit sind ohne wissenschaftliche…

Frau mit zurückgekämmten Haaren im weißen Kittel und dunkler Bluse lächelt frontal in die Kamera.
Dr. Nina Hedemann © Dr. Nina Hedemann
31.03.2026

Dr. Nina Hedemann von der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Kieler UKSH wirbt 500.000 Euro…

 Dreidimensionale Darstelling eines linken Herzvorhofs. Einige Areale sind lila dargestellt.
Dreidimensionale elektroanatomische Rekonstruktion eines linken Herzvorhofs bei der Behandlung mit dem Varipulse Pro Katheter. Lila dargestellt sind die Areale, die mittels Pulsed-Field-Ablation behandelt wurden. © Segeberger Kliniken
30.03.2026

Das Herz- und Gefäßzentrum der Segeberger Kliniken hat eine neue Technologie zur Behandlung von…

Frau mit Brille im weißen Kittel hält ene
Im Rahmen von AMR-PLAS soll die Ausbildung von Antibiotikaresistenzen speziell bei klinisch besonders relevanten Krankheitserregern erforscht werden. © Christian Urban, Uni Kiel
26.03.2026

In Schleswig-Holstein entsteht ein neuer Leibniz-Wissenschaftscampus zum Thema…