
Der Doc hat Bock auf Rock
Rund 24 Stunden, bevor auf den Bühnen die Lichter angehen und die Lautsprecher für die Bands des Festivals „Rock am Töschen“ aufdrehen, läuft Dr. Martin Blümke in T-Shirt und Cargohose über die matschige Festwiese nahe der Kirche im Dorf St. Annen. Wer den 61-Jährigen in diesem Aufzug sieht, erkennt vermutlich nicht auf den ersten Blick den Medizinischen Geschäftsführer des Westküstenklinikums Heide (WKK). Für Blümke bedeutet die Organisation des dörflichen Rockfestivals einen perfekten Ausgleich zu seinem Beruf.
Eine Frau, auch sie trägt ein Shirt mit „Töschen“-Logo und Arbeitshose, kommt auf Blümke zu: „Martin, wo sollen die Zäune hin?“ Für solche Fragen ist Blümke da: Er gehört zum Kernteam, das sich um die Organisation des Festivals kümmert. Träger der Veranstaltung ist der Verein „Dorf und Welt“. Die Idee zum Festival hatte im Jahr 2010 Tjark Schütt, damals Bürgermeister von St. Annen. „Naja, so einen richtigen Plan hatten wir nicht“, behauptet Schütt, der am Vortag des Festivals ebenfalls auf dem Festplatz unterwegs ist. Er sei damals eines Abends allein zuhause gewesen und habe ein paar Leute angerufen mit der Idee, eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Ein paar Bands, ein paar Getränke, das Ganze für einen guten Zweck. „Da musste Martin dann auch mit“, sagt Schütt.
Martin Blümke stammt aus Brunsbüttel und lebt seit 30 Jahren mit seiner Familie in St. Annen, seine vier Kinder sind hier aufgewachsen. Das 340-Einwohner-Dorf liegt zwischen Lunden und Friedrichstadt in einer weiten Schleife der Eider. Zur Dithmarscher Kreisstadt Heide, dem Sitz des WKK, sind es gut 20 Kilometer. Das Dorf biete wirklich viel, betont Blümke: Es gibt einen Gasthof und zahlreiche Vereine, darunter die Freiwillige Feuerwehr, bei der jeder zehnte Einwohner als aktives Mitglied mitmacht, aber auch Schützen, Ringreiter und Jäger. Bei so viel dörflichen Engagement fiel es dem Gründungskreis des Festivals nicht schwer, 2011 eine erste Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Die Resonanz sei beachtlich gewesen, sagt Blümke: „Gut 600 Besucher kamen, wir waren selbst beeindruckt.“

„Andere gehen Surfen oder machen sonst etwas. Rock am Töschen ist eben mein Hobby.“
Rund 100 Helfer werden für das Festival benötigt
Weil die Organisation allen Beteiligten Spaß gemacht hatte, ging es in den folgenden Jahren weiter. Die erste, noch etwas improvisierte Bühne wurde bald zu klein. Zahlreiche Helfer taten sich zusammen und bauten eine größere, die heute im Zentrum des Festplatzes steht. Die Technik ist professioneller geworden, um Sound und Licht kümmert sich eine Firma. Aber hauptsächlich sind es Freiwillige, die das Fest auf die Beine stellen.
Gut 100 Personen helfen jedes Jahr mit: „Einige sind ständig da, andere übernehmen nur ein paar Tresenschichten, aber alle sind mit Begeisterung und natürlich ehrenamtlich dabei“, sagt Blümke. Er ist als Mitglied des Kernteams seit November mit der Organisation beschäftigt. In den zwei Wochen vor dem Festival und während des Festwochenendes selbst nimmt die Arbeit deutlich zu. Normal, findet Blümke: „Andere gehen Surfen oder machen sonst etwas. Rock am Töschen ist eben mein Hobby.“ Die Stimmung auf dem Platz und die ganz praktischen Fragen, mit denen sich die Festivalmacher herumschlagen müssen, seien der perfekte Ausgleich für den Klinikjob.
Der lässt Martin Blümke aber auch in der Freizeit nicht los: Sein Handy klingelt, jemand aus der Klinik ist dran, es geht um einen Patienten. Dessen Wunde heile bestens, freut sich Blümke. Eigentlich ist er als Geschäftsführer nur noch für Organisationsfragen zuständig, aber hin und wieder „kommt doch der Chirurg wieder durch“. Dann steckt er das Telefon wieder weg: An diesen Tagen hat das Festival Vorrang.
„Von der Veranstaltung selbst habe ich allerdings gar nichts“, sagt der Mediziner. Während das Publikum – etwa 3.000 Personen sind bei gutem Wetter mit dabei – die Bands genießt, Cocktails schlürft oder für eine Bratwurst ansteht, ist Blümke „ständig von A nach B unterwegs“. Am liebsten sei ihm, wenn nichts weiter passiere. Aber ganz ohne Pannen geht es selten ab. Das erste Problem ist immer das Wetter: „Da spielen wir sozusagen jedes Jahr wieder gegen die Bank und hoffen, dass wir Glück haben.“ In einem Jahr stand der Platz, auf dem sonst Ringreiten oder andere Dorffeste stattfinden, komplett unter Wasser: „Da gab es hier eine Schlammschlacht, wie man sie vom Wacken-Festival kennt. Wir haben trotzdem gefeiert, nur eben mit Gummistiefeln. Das war denkwürdig.“ In einem anderen Jahr sprang die Hauptsicherung heraus, Bühne und Platz lagen von einem Moment zum andere im Dunkeln. Es war schon nach Mitternacht, aber Blümke und die anderen Mitglieder des Organisationsteams riefen „alle an, die was von Elektrotechnik verstehen. Eine halbe Stunde später hatten wir wieder Licht und Musik“.
Unfälle oder Tätlichkeiten gab es bisher nicht auf dem Festival, aber „wir haben über alle möglichen Szenarien nachgedacht und Sicherheitskonzepte gemacht“, sagt Blümke. Ein professionelles Security-Team ist vor Ort, die Polizei ist eingebunden und schaut regelmäßig auf dem Platz vorbei.
Anfangs traten vor allem lokale Bands beim „Rock am Töschen“ auf. Inzwischen gibt es Bewerbungen aus ganz Deutschland, sogar aus den Nachbarländern, berichtet Blümke, der die Musikauswahl aber gern anderen aus dem Team überlässt. Einige Gruppen gehören allerdings zum festen Stamm: Die „Schrägen Hörner“, eine Gruppe von Jagdhorn-Bläsern, eröffnen das Programm alljährlich mit einem Rock-Song, den sie mit den Hörnern interpretieren. Dauergäste sind außerdem die „Muskelschweine“, die sich selbst als „Hart. Laut. Bescheuert“ und „das rockigste Live-Inferno zwischen Rom und Rio“ bezeichnen, und die „Coffin Crew“ aus Bargen: „Beide Gruppen bringen auch immer ihre eigene Fan-Base mit“, sagt Blümke. Dass so viele Gruppen Interesse daran haben, bei dem Dorffestival aufzutreten, sei toll und immer wieder erstaunlich: „Denn wir zahlen kein Honorar, wir organisieren nur eine Unterkunft und stellen Essen und Getränke.“
Wenn das Festival einen Erlös abwirft, wird der für gute Zwecke gespendet. Mehrere Jahre erhielt der „Bunte Kreis Nord“ das Geld. Daran sind die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an den Westküstenkliniken, am Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster und die Flensburger Diako beteiligt. Der Kreis hilft Familien mit kranken oder schwerbehinderten Kindern nach einem Krankenhausaufenthalt. So erhalten Familien Rat und Unterstützung, um ihr krankes Kind zu Hause zu betreuen, es gibt Schulungen für alle Familienmitglieder für Notfälle und Hilfe bei der Beschaffung von Hilfsmitteln. „Das alles sind eigentlich Krankenkassenleistungen, aber im konkreten Fall ist es für die Familien nicht immer so leicht, Geld und Hilfe zu erhalten“, sagt Blümke. Geld für Gesundheitsprojekte in Tansania sammelt ein weiterer Verein, der auf der Festwiese Cocktails anbietet.
Für Martin Blümke und die anderen Mitglieder des Organisationsteams beginnt nun die Töschen-freie Zeit des Jahres. Bis es im November wieder los geht mit der Planung des nächsten Festivals.





