Dr. Johannes Albert Gehle und Prof. Dr. Henrik Herrmann
Dr. Johannes Albert Gehle und Prof. Dr. Henrik Herrmann ©Christian Glawe-Griebel / helliwood.com
Dr. Johannes Albert Gehle und Prof. Dr. Henrik Herrmann ©Christian Glawe-Griebel / helliwood.com

Denkanstöße, aber keine zielführende Diskussion

Wie sieht die Weiterbildung in einigen Jahren aus? Die notwendige Diskussion darüber hat auf dem Deutschen Ärztetag in Hannover begonnen - angestoßen durch die Kammerpräsidenten Prof. Henrik Herrmann (Schleswig-Holstein) und Dr. Johannes Gehle (Westfalen-Lippe).

Dirk Schnack

Die Muster-Weiterbildungsordnung (M-WBO) in Deutschland im Jahr 1924 umfasste ganze 2 Seiten, es gab 14 Facharztbezeichnungen. Rund hundert Jahre später ist die M-WBO auf 463 Seiten angewachsen. Es gibt 52 Facharztbezeichnungen, 19 Spezialisierungen und 48 Zusatz-Weiterbildungen. Und in einigen Jahren? Wird es noch mehr Gebiete, Facharztkompetenzen, Zusatz-Weiterbildungen geben? Welchen Umfang soll eine M-WBO dann haben und wer soll noch durchblicken?

Der Einstieg ist geschafft
Diesen Fragen stellten sich die Co-Vorsitzenden der Weiterbildungsgremien der Bundesärztekammer, Prof. Henrik Herrmann und Dr. Johannes Gehle. Auch die Delegierten des Deutschen Ärztetages hatten den Wunsch nach einer Entschlackung bereits geäußert und in einem Auftrag formuliert. Auf erste Schritte, die die beiden Verantwortlichen in jahrelanger Arbeit und Gesprächen mit Fachgesellschaften erzielen konnten, hat sich der Ärztetag bereits geeinigt. Wie aber könnte es in einigen Jahren aussehen? Dazu präsentierten Herrmann und Gehle in Hannover Denkanstöße. 

Immer längere Weiterbildungszeit?
Das Problem: Der medizinische Fortschritt führt zu mehr Kompetenz, die irgendwie vermittelt werden muss. Die aus Sicht der beiden Experten entscheidende Frage lautet: Muss Weiterbildung deshalb ebenfalls immer länger dauern oder braucht es ein besseres Konzept?  Die Vortragenden formulierten als Alternative eine zeitgemäße, unkomplizierte und flexible Abbildung der zunehmenden Spezialisierung in der Medizin ohne lange Vorlaufs- und Umsetzungszeiten. Dabei sollten geringer Verwaltungsaufwand für die Ärztekammern und keine Bindung an eine Bildungsordnung als Rechtsnorm entstehen. Beispiele für Denkanstöße der beiden Vorsitzenden in Kurzform:

Abbildung medizinischer Spezialisierung
Mit der Etablierung von Kammerzertifikaten könnte ein „dritter Weg“ zwischen Weiterbildung und Fortbildung eingeschlagen werden. Die Vergabe könnte nach Erfüllung von definierten Voraussetzungen wie etwa durchgeführte Eingriffe, Zeiten in der Versorgung oder Abschlusskolloquien erfolgen. Die Administration könnte bei den Fachgesellschaften - nach Zertifizierung durch die Ärztekammer - liegen. Die Anforderungen könnten in Zusammenarbeit mit den Ärztekammern erarbeitet werden. Eine schnelle Anpassung und Weiterentwicklung sowie die Angleichung an europäische Standards wären erwünscht. 

Weiterbildungsverbünde
Folgende Kriterien sollte ein solcher Verbund erfüllen: Ein Arbeitsvertrag für alle Verbundpartner, ein einheitliches Gehalt, ein strukturierter Weiterbildungsplan, Koordination und Begleitung im Rahmen der Rotation einschließlich Dokumentation des Weiterbildungsfortschritts und gegebenenfalls Mindest- und/oder Maximalzeiten für Rotationen zu Verbundpartner. 

Neue didaktische Methoden und strukturierte Fallsammlungen
Als Lernmethoden bieten sich etwa interprofessionelles Case-Based-Learning, interaktive interprofessionelle Workshops, Peer-Learning und Peer-Teaching, interprofessionelle Teambesprechungen, Simulationen, Rollenspiele sowie Ethikseminare und moderierte Diskussionen an.  Am Beispiel in der Mammadiagnostik wurden die Vorteile strukturierter Fallsammlungen,  wo Indikation, Durchführung und Befunderstellung von allen bildgebenden und bildgestützten interventionellen/endovaskulärem Verfahren an der Mamma möglich sind, aufgezeigt.  

Feedback-Kultur
Diese zeichnet sich u.a. durch regelmäßige Kommunikation zwischen Weiterzubildenden und Weiterbildungsbefugten, Debriefing nach Maßnahmen, Herausarbeiten von Lerneffekten, regelmäßiger Dokumentation, Begleitung des Kompetenzaufbaus und Nutzung des e-Logbuchs aus. 

Ärztetag trifft keine Richtungsentscheidung
Die beiden Vortragenden erhielten in der anschließenden Diskussion zwar viel Lob für ihren Anstoß. Nur: Eine zielführende Diskussion, in welche Richtung die Weiterbildung sich entwickeln sollte, fand nicht statt. Da sich jetzt erneut der BÄK-Vorstand mit dem Thema beschäftigen wird, kann eine weiterführende Diskussion frühestens in einem Jahr stattfinden - was in der Delegation aus Schleswig-Holstein kritisch gesehen wurde. 

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