
Das Globale ins Lokale bringen
Durch die großen Fenster im Esszimmer fällt der Blick über den Garten hinweg auf eine Reihe von Linden, deren Laub hellgrün in der Sonne leuchtet. „Nach diesen Bäumen haben wir unser neues Kulturzentrum ,LindenLounge‘ genannt“, erklärt Dr. Jens Becker. Das Haus, das der Facharzt für Pneumologie zusammen mit seiner Frau Dagmar Schumacher in der Nähe von Trittau im ländlichen Kreis Herzogtum Lauenburg bewohnt, ist ein ehemaliges Bauernhaus und wurde um das Jahr 1866 herum erbaut. „So genau wissen wir das Jahr eigentlich gar nicht, aber bei der Sanierung mussten wir uns für den Stein in der Fassade auf eine Zahl festlegen“, erzählt Becker freimütig. Dieser Pragmatismus dürfte typisch für den 69-Jährigen sein.
Mehr als 20 Jahre hat Becker als niedergelassener Lungenarzt in Lübeck und Bad Schwartau gearbeitet, 2023 gab er seinen Kassensitz endgültig ab. Den Wechsel in den Ruhestand hatte er langfristig vorbereitet: „Ich habe etwa zehn Jahre vorher angefangen, mich mit dem Thema Nachfolge zu befassen. So gab es in der Praxis junge Kollegen, die übernommen haben.“ Seine langjährige Tätigkeit in der Fortbildung lässt der Pneumologe ebenfalls allmählich auslaufen: „Ich selbst hätte als junger Arzt auch nicht unbedingt Seminare bei Rentnern machen wollen.“
Doch ein Ruhestandsleben ganz ohne Herausforderungen zu führen, kam für den rührigen Mediziner, der sich auch berufspolitisch unter anderem als Delegierter bei der Ärztekammer engagiert, nicht infrage. Deshalb habe seine Frau bei ihm „offene Türen eingerannt“ mit ihrem Vorschlag, in dem bis dahin von ihrer Mutter allein bewohnten Haus in der 1.200-Einwohner-Gemeinde Linau nicht nur einen zweiten Wohnsitz, sondern auch einen öffentlichen Ort für Dialog, Kunst und Kultur zu schaffen. Für die „LindenLounge“ hat das Paar die Tenne des Hauses saniert und für Veranstaltungen hergerichtet. Vorträge, Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Diskussionsrunden, Workshops – alle Formate, die Menschen zu einem konstruktiven und kreativen Austausch über gegenwarts- und zukunftsrelevante Fragen anregen können, sollen sich im Programm wiederfinden.
Für die Eröffnung am 26. März dieses Jahres entschieden sich die Betreiber gleich für ein anspruchsvolles globalpolitisches Thema: Ekkehard Griep, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN), sprach über „Turbulente Zeiten: Bedeutung der Vereinten Nationen in einer Welt im Wandel“. „Da kommt doch keiner“ hatte so mancher aus dem Freundes- und Bekanntenkreis geunkt. Doch das Gegenteil war der Fall: 70 Besucherinnen und Besucher fanden den Weg nach Linau, jeder Platz in der Tenne war besetzt. „Es waren Leute aus Lübeck und aus Hamburg da, aber auch Menschen hier aus der Umgebung. An den Vortrag hat sich eine lebhafte Diskussion angeschlossen, mit durchaus kontroversen Standpunkten. Das hat uns alles sehr gefreut, denn genau das wollen wir mit der ,LindenLounge‘ erreichen“, erklärt Dagmar Schumacher und bringt es noch einmal auf den Punkt: „Wir bieten hier eine Plattform, um Menschen zum Dialog anzuregen. Wir wollen das Globale ins Lokale bringen.“ Da passt das Zitat der Aktivistin, Diplomatin und US-Präsidentengattin Eleanor Roosevelt (1884-1962): „Wo beginnen die universellen Menschenrechte? In kleinen Orten, nah bei uns – so nah und so klein, dass sie auf keiner Weltkarte zu finden sind.“ Es wird, im Wechsel mit anderen Zitaten, vor dem Beginn von Veranstaltungen mit einem Beamer auf die Wand hinter der kleinen Bühne projiziert. „So haben die Leute etwas zu lesen und auch gleich etwas zu besprechen“, erklärt Schumacher fröhlich.
Die jetzt 61-Jährige ist in einem Nachbardorf von Linau aufgewachsen, später im Berufsleben war sie viel in der Welt unterwegs. Mehr als 30 Jahre hat sie bei den Vereinten Nationen gearbeitet, zuletzt als Direktorin von „UN Women“ in Brüssel. Ihre internationalen Kontakte nutzt Schumacher jetzt, um interessante Persönlichkeiten aufs Land nach Schleswig-Holstein zu locken. Die zweite Veranstaltung in der „LindenLounge“ war eine Lesung mit einer vietnamesischen Dichterin und Schriftstellerin, die überwiegend auf Englisch stattfand. „Sogar da kamen 35 Gäste, wir hatten mit deutlich weniger gerechnet“, sagt Schumacher. Ein „volles Haus“ sei natürlich schön, aber nicht jede der etwa sechs bis acht geplanten Veranstaltungen im Jahr müsse ausgebucht sein, ist sich das Paar einig.
Als roten Faden, der alle Programmpunkte zusammenbindet, nennen sie die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung („Sustainable Development Goals“), die die Vereinten Nationen in ihrer „Agenda 2030“ formuliert haben. Ziel Nummer 3 lautet: „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern“. Das Thema wollen sie in der „LindenLounge“ auf jeden Fall auch bald bespielen, betont Becker. Derzeit schaut er sich nach Kolleginnen oder Kollegen aus dem medizinischen Umfeld um, um sie nach Linau einzuladen. Eine Veranstaltung soll sich zum Beispiel mit der Gesundheitsversorgung auf dem Land beschäftigen, eine weitere die Frage diskutieren, ob wir als Gesellschaft uns die moderne Medizin leisten können. Die Recherche nach interessanten Themen und Gesprächspartnern kennt Becker schon als Co-Host zweier Podcasts: „PneumoLounge“ wendet sich besonders an junge Pneumologen und Pneumologinnen; gemeinsam mit den Kollegen Fiona Rausch und Thomas Bahmer informiert Becker über Themen wie Praxismanagement, Personalführung oder Qualitätssicherung. Der andere Podcast heißt „PneumoMFA“; angesprochen werden sollen, wie der Name bereits verrät, pneumologische MFA.
Um ihr regionales Kulturzentrum zu realisieren, hat das Paar Becker-Schumacher einiges an Zeit und Geld investiert und eine gemeinnützige GmbH gegründet. „Wir lernen gerade in unterschiedlichen Bereichen sehr viel dazu, etwa wie man Werbung macht. Damit hat man als Arzt ja nur sehr begrenzt zu tun“, erklärt Becker. Nicht alles klappt auf Anhieb: „Da ist auch Akzeptanz für die eigenen Fehler wichtig. Vor allem aber, die Dinge mit Begeisterung und Optimismus anzugehen.“ Ein gutes Motto finde sich im Kinderbuch-Klassiker „Pippi Langstrumpf“: „Das hab ich noch nie gemacht, das kann ich bestimmt.“ Gewinn müsse die „LindenLounge“ nicht abwerfen, „aber es wäre natürlich schön, wenn die laufenden Kosten sich auf die Dauer über Eintrittsgelder und Teilnahmegebühren, eventuell auch durch Förderungen ausgleichen lassen.“ Zunächst einmal sei das Projekt aber „eine Investition in uns selbst: Wir erfahren jedes Mal etwas Neues. Das ist sehr bereichernd und trägt zum viel gesuchten Sinn im Leben bei“, beschreibt Becker die dahinterstehende Motivation.
In der praktischen Umsetzung gefällt ihm besonders die Vielseitigkeit. „Ich plane mit meiner Frau die Events, bereite die Tenne für die jeweilige Veranstaltung vor, bin Licht- und Tontechniker, bin als Moderator im Einsatz und gebe hinterher an unserer kleinen Theke Getränke heraus.“ Nach dem offiziellen Ende hörten die Gespräche ja nicht sofort auf. „Da klönt man natürlich noch weiter“, schildert Becker.
Sabine Spatzek
In der praktischen Umsetzung gefällt ihm besonders die Vielseitigkeit. „Ich plane mit meiner Frau die Events, bereite die Tenne für die jeweilige Veranstaltung vor, bin Licht- und Tontechniker, bin als Moderator im Einsatz und gebe hinterher an unserer kleinen Theke Getränke heraus.“ Nach dem offiziellen Ende hörten die Gespräche ja nicht sofort auf. „Da klönt man natürlich noch weiter“, schildert Becker.
Sabine Spatzek








