
Das Gesundheitswesen ist nur bedingt vorbereitet
Ein Szenario: Russland dringt auf ukrainischem Boden immer weiter vor, besetzt schließlich das ganze Land und rückt damit näher an die deutsche Grenze. Die NATO verlegt als Konsequenz weitere Truppen an ihre Ostflanke. Um das zu verhindern, entschließt sich Russland zu militärischen Aktionen gegen die Truppenverlegungen quer durch Deutschland. Damit wären zahlreiche Verwundete – Soldaten und Zivilisten – zu versorgen. Wie kann dies gelingen, wie ist Deutschland auf eine solche Lage vorbereitet?
Auch ein solches Szenario sprach Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus in seinem Vortrag in der Kammerversammlung am elften Juni in Bad Segeberg an. Der Kommandeur Gesundheitsversorgung bei der Bundeswehr ist Facharzt für Allgemein-, Sport und Rettungsmedizin und Gesundheitsökonom. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er sich ein besser vorbereitetes Gesundheitswesen – zivil und militärisch – auf solche Szenarien wünschen würde.
Eines der Probleme, die in einem solchen Fall auftauchen würde: Chirurgen bekämen es mit Verletzungen zu tun, die sie weder in ihrer Ausbildung, noch in ihrer täglichen Arbeit sehen oder behandeln - mehr als Lehrbuchwissen ist hierzu kaum vorhanden. Für die dann aber erforderliche wehrmedizinische Versorgung, machte Backus deutlich, fehlt es an praktischer Expertise.
Was ist, wenn die Bundeswehrkrankenhäuser an Kapazitätsgrenzen stoßen?
Ein anderes Problem: In welchen Krankenhäusern werden die Verwundeten versorgt, wenn die Bundeswehrkrankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen? Selbst wenn die zivil-militärische Zusammenarbeit gelingt und Soldaten in zivilen Krankenhäusern versorgt werden, bedeutet dies einen erheblichen Einschnitt für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Es müsste über Prioritätensetzung gesprochen werden und in Kauf genommen werden, dass die gewohnte Versorgung zurücksteht. Ist dies im Bewusstsein des medizinischen Personals und der Bevölkerung verankert? Mit Blick auf die begrenzten Ressourcen im Gesundheitswesen bei steigendem Bedarf hält Backus es ohne Einschnitte für die Bevölkerung für schwierig, dass Soldaten in Deutschland im Ernstfall so versorgt werden, wie es angemessen wäre.
Könnte es für die gesundheitliche Versorgung in solchen Ernstfällen Hilfe aus anderen NATO-Ländern geben? Theoretisch ja, praktisch aber sind andere Länder kaum besser aufgestellt als Deutschland, wenn es um die Gesundheitsversorgung von Soldaten geht. „Alle schauen auf die USA und Deutschland“, verdeutlichte Backus. Schon weil der Sanitätsdienst im Ernstfall im Einsatzgebiet sei, müsste das zivile Gesundheitssystem einspringen. Verschärfen würden sich solche Probleme, wenn es feindlichen Truppen gelänge, auf deutsches Territorium zu gelangen.
Wie wahrscheinlich ist so etwas? Zumindest in Planspielen müssen solche Überlegungen angestellt und entsprechende Konsequenzen daraus gezogen werden. Backus gab zu bedenken, dass sich die Bedrohungslage aus Sicht der Bundeswehr in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat. Befinden wir uns überhaupt noch im Frieden? Backus beantwortet dies nur mit einem „Im Prinzip ja“. Es gebe eine hybride Bedrohungslage: Feindliche Drohnen, die militärische Gebiete in Deutschland ausspähen, Cyberangriffe u.a. auf Kliniken, Desinformationskampagnen und vereinzelt auch Morde an Regimegegnern auf deutschem Boden. Vieles davon ziele auf eine Destabilisierung unseres Gesellschaftssystems und werde von der breiten Bevölkerung nicht mit Krieg gleichgesetzt. Backus nimmt die ständigen Vorfälle aber als steigende Bedrohungslage wahr, auf die Deutschland sich besser vorbereiten müsse.

„Würden wir wie die Ukraine drei Jahre Krieg führen, um unsere Werte zu verteidigen?“
Tagung im Bundesverteidigungsministerium
Wie man dazu intensiver kooperieren kann, erfuhr Vizepräsidentin Prof. Doreen Richardt u.a. auf einer Tagung des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin direkt im Anschluss an den Deutschen Ärztetag. Auch sie ist überzeugt: „Wir sind für den Kriegsfall nicht gut vorbereitet.“ Der Kammerdelegierte Dr. Stephan Apel, Admiralarzt außer Dienst, hält eine bessere Vorbereitung des Gesundheitswesens ebenfalls für erforderlich. Dies gelte nicht nur für den Kriegsfall, sondern auch für Großschadenslagen mit zahlreichen Toten und Verletzten wie etwa nach Explosionen. Er appellierte an das zivile Gesundheitswesen, solche Szenarien nicht zu verdrängen, sondern sich in Gespräche zur Vorbereitung einzubringen.
Auf Nachfragen der Kammerdelegierten erläuterte Backus weitere Probleme, u.a. die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der NATO-Staaten bei der Digitalisierung. Deutlich wurde, dass Deutschland in diesem Vergleich nach seiner Wahrnehmung derzeit nicht gut abschneidet. Ein gutes Zeugnis stellte er dagegen den ukrainischen IT-Experten aus, ohne die der Drohnenkrieg mit Russland zu noch mehr Nachteilen führen würde.
Ein anderes Hindernis sind noch immer ausstehende Normierungen zwischen den NATO-Ländern. Ein Beispiel: Weil die Länder nicht mit einheitlichen Maßen für die Tragen von Verwundeten arbeiten, ist auch nicht jedes Transportfahrzeug von jedem Land einsetz- bzw. austauschbar. Und die Lieferketten etwa für Medikamente? Ebenfalls ein Problem, weil Europa weiterhin abhängig von Ländern auf anderen Kontinenten sei. Aus Sicht von Backus kann aber weder die Bundeswehr, noch Deutschland dieses Problem im Alleingang lösen, er sieht die EU gefordert.
Die Sicherheitslage in Europa hat sich geändert. Was bedeutet das für die Ärzteschaft und die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr? Der Austausch zwischen beiden Seiten ist schon intensiviert, eng eingebunden ist die Vizepräsidentin der Ärztekammer, Prof. Doreen Richardt. Im Interview erläutert sie, warum die Kooperation jetzt enger werden muss.
Wie aber könnten die Kammerversammlung oder gar einzelne Delegierte oder Mitglieder einer Ärztekammer helfen? „Was können wir beitragen“, fragte die Delegierte Dörte Paulsen aus Eckernförde ganz konkret. Die Unterstützung fängt für Backus im Kleinen an, u.a. mit der Bevorratung von Lebensmittel- und Trinkwasserreserven zu Hause. Jede und jeder könne zudem die kommunalen Entscheidungsträger vor Ort ansprechen und fragen, wie der Ort vorbereitet sei und ob man Hilfe anbieten könne. Eine Möglichkeit wäre z.B., wenn sich Ärztinnen und Ärzte anbieten würden, der Bevölkerung Grundlagen der Gesundheitsversorgung näher zu bringen. Die Delegierte Dr. Katja Reisenbüchler aus Meldorf sieht damit einen wertvollen Nebeneffekt für eine bessere Gesundheitsbildung erzielt.
Kammerpräsident Prof. Henrik Herrmann sieht auch für eine Ärztekammer Möglichkeiten, zu unterstützen. Diese könne für das Thema sensibilisieren, etwa durch Vorträge wie von Backus in der Kammerversammlung. Zweite Möglichkeit: Über die Krankenhausplanung der Länder Einfluss darauf nehmen, dass solche Szenarien in die Überlegungen einfließen und ausreichend Vorhaltebette geschaffen werden. Eine dritte Möglichkeit sieht er über Fortbildungen, die die Expertise der Ärztinnen und Ärzte für entsprechende Einsätze in Schadenslagen stärken.
Wenig Illusionen macht sich Backus darüber, wie unser Land sich bei einem Angriff im jetzigen Stadium wehren könnte und würde. „Würden wir wie die Ukraine drei Jahre Krieg führen, um unsere Werte zu verteidigen?“ Backus hat zumindest Zweifel. Damit ein solcher Fall gar nicht erst eintritt, hält er Abschreckung für ein sinnvolles Instrument. Er erinnerte: „Das hat von 1955 bis 1990 funktioniert.“
Ob die damit verbundene Aufrüstung der richtige Weg ist? Hierzu gibt es nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kammerversammlung unterschiedliche Meinungen. Auch die Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen zivilem und militärischem Gesundheitswesen ausbalanciert wird, bewegte die Versammlung. Dr. Georg Engelbart sprach sich dafür aus, dass zwischen beiden ein Verhältnis auf Augenhöhe entwickelt wird. Dr. Jens Becker setzt auf möglichst gute Vorbereitungen des zivilen Sektors. Er unterstützte die Haltung von Dr. Rebecca Herzog, die vor einem „Militarismus“ und einer Instrumentalisierung der Ärzteschaft warnte. Sie hält den Aspekt des Katastrophenschutzes für wichtig, eine Vorbereitung für den Kriegsfall hält sie für schwierig. Dr. Christoph Weiß-Becker sorgt sich um die Versorgung der Bevölkerung, sollten zunehmend Ressourcen in den militärischen Bereich fließen. Waren die Ausführungen von Backus also übertrieben? Für Mark Weinhonig aus Niebüll stand fest, dass dessen Ausführungen sinnvoll sind: „Ich sehe das nicht als kriegstreibend.“






