
Das Fundament unserer Profession
Ein spannendes und bewegendes Jahr neigt sich seinem Ende zu. Wir haben erschütternde, noch vor einiger Zeit undenkbare Bilder gesehen, verfolgen Entwicklungen, die nicht für möglich gehalten wurden, stehen vor kaum lösbaren Problemen, ob in der großen oder kleinen Politik und im Gesundheitswesen. Unsicherheiten, Zweifel und Disruptionen nehmen zu, in unserer Gesellschaft sowie in unseren direkten Lebensbereichen. Fragen gibt es viele, konkrete Antworten eher wenige.
Eine Antwort hat vor Kurzem das Bundesverfassungsgericht gegeben, indem es die bundesrechtliche Regelung zur Zuteilung von Behandlungskapazitäten für nichtig erklärt hat. Der Bund sei für Triage-Regelungen nicht zuständig, ihm fehle für ein Pandemiefolgenrecht die Gesetzgebungsbefugnis. Das oberste Gericht äußerte sich zwar nicht direkt zu den Einwänden der klagenden Mediziner hinsichtlich der Zuteilungsvorgaben, doch bestätigte es eindeutig die im Grundgesetz festgelegte Berufsfreiheit. Ärztinnen und Ärzte sind ein freier Beruf und in ihrer ärztlichen Tätigkeit fachlich weisungsungebunden, was das „Ob“ und das „Wie“ umfasst. Diese Entscheidungen treffen sie jeden Tag, insbesondere auch in Grenzsituationen, unter Wahrung der ethischen Grundsätze, ihrer Verantwortung und auf der Grundlage medizinisch-wissenschaftlicher Evidenz und Empathie zusammen mit den Betroffenen.
Diese Stärkung der ärztlichen Therapiefreiheit ist jedoch auch Verpflichtung für uns und in einer „Deal-Welt“, die auf Geschäfte und Kommerz ausgerichtet ist, nicht immer einfach. Doch ohne unsere ärztlichen Werte und Haltungen, auf die sich unsere Patientinnen und Patienten verlassen, ist eine vertrauensvolle Patienten-Arzt-Beziehung nicht möglich und die ärztliche Therapiefreiheit eine Farce. Es fällt gelegentlich schwer, dieser Maxime zu folgen, sie ist jedoch Fundament unserer Profession. Gerade die Adventszeit bietet Raum, sich diese Thematik bewusst zu machen, in uns zu schauen und nicht nur auf die anderen zu zeigen. Wir als Ärztinnen und Ärzte haben in unserer Profession das große Glück, diese jetzt bestätigte Therapiefreiheit für unsere Patientinnen und Patienten einzusetzen, damit zu helfen und zu heilen. Geben wir dieses Privileg nicht aus der Hand! In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine schöne, ruhige Weihnachtszeit und einen guten Start in ein wieder anspruchsvolles neues Jahr.
„Ohne unsere ärztlichen Werte und Haltungen, auf die sich unsere Patientinnen und Patienten verlassen, ist eine vertrauensvolle Patienten-Arzt-Beziehung nicht möglich und die ärztliche Therapiefreiheit eine Farce.“

