
Das erwarten die Akteure im Norden von Carsten Linnemann
Zum Wechsel im Bundesgesundheitsministerium wurde in vielen Medien betont, dass Linnemann zahlreiche nur angeschobene Reformvorhaben von Vorgängerin Nina Warken (CDU), die nun Chefin im Kanzleramt ist, übernommen hat. Geringe Erfahrungen bei zugleich komplexen, unerledigten Aufgaben – diese Mischung ist für manche Kommentatoren keine gute Voraussetzung für den Start. Verbände und Akteure aus dem schleswig-holsteinischen Gesundheitswesen dagegen richteten den Blick nach vorn und betonten ihre mit dem Wechsel verbundenen Hoffnungen.
Prof. Henrik Herrmann: Einbindung der Akteure
Der Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, Prof. Henrik Herrmann, verbindet mit dem Wechsel an der Spitze des Bundesgesundheitsministeriums die Hoffnung, dass notwendige und zielführende Strukturreformen so schnell wie möglich gemeinsam auf den Weg gebracht werden. „Ich erhoffe mir – nachdem es leider bei den letzten beiden Ministern nicht funktioniert hat –, dass tatsächlich die Ärzteschaft als praktizierende Experten vor Ort eingebunden werden”, sagte Herrmann. Nur dann sei sichergestellt, dass es nicht auf gefährliche Sparpolitik hinauslaufe, sondern auf effektive Reformen mit Effizienzsteigerung und neu ausgerichteter Ressourcenverteilung.

„Es braucht Weitsicht im Bundesministerium bei wichtigen Themen wie Förderung von interprofessioneller Arbeit, Patientensteuerung und Prävention. Denn diese Veränderungen benötigen Zeit und die Erfolge sind eher langfristig angelegt."
Die Gesellschaft braucht keine Misstrauenskultur
Außerdem erneuerte Herrmann seine Forderung nach einem Bürokratieabbau - es brauche weniger Regularien und keine unnötige Kontrollen. „Letztlich sind sie auch ein Ausdruck einer Misstrauenskultur, die wir gesellschaftlich nicht brauchen. Es braucht Weitsicht im Bundesministerium bei wichtigen Themen wie Förderung von interprofessioneller Arbeit, Patientensteuerung und Prävention. Denn diese Veränderungen benötigen Zeit und die Erfolge sind eher langfristig angelegt."
Dr. Sebastian Gassner: Nachsteuern bei der Ambulantisierung
Der Landesvorsitzende des Hartmannbundes, Dr. Sebastian Gassner, verbindet mit Linnemann ebenfalls die Hoffnung auf Bürokratieabbau im Gesundheitswesen. Er wünscht sich ein klares Bekenntnis zur Gesundheitsversorgung als Teil der Daseinsfürsorge und mehr Ehrlichkeit gegenüber der Bevölkerung: „Eine Honorarbegrenzung muss mit einer Leistungsbegrenzung einhergehen. Alles andere ist betriebswirtschaftlich nicht vertretbar.“ Außerdem hofft der Anästhesist aus Flensburg, dass Linnemann die Expertise der Ärzteschaft als Gesprächspartner annimmt.
Zu Warkens Amtszeit gibt Gassner zu bedenken, dass sie mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ein reines Kostendämpfungsgesetz auf den Weg gebracht hat, das kaum Reformen im Sinne von langfristig durchdachten Veränderungen beinhaltete. Die politisch gewollte Ambulantisierung seit damit ausgebremst worden, „obwohl man sie fördern müsste“. Gassner: „Hier erhoffen wir uns von Carsten Linnemann ein Nachsteuern.“
Dr. Jens Lassen: Hausarztpraxen als Teil der Lösung begreifen
Dr. Jens Lassen, Vorsitzender des Verbandes der Hausärztinnen und Hausärzte in Schleswig-Holstein, erwartet, dass „Linnemann die Hausarztpraxen als Lösung und nicht als beliebig belastbare Ressource begreift.“ Die Hausarztpraxen benötigten weniger Bürokratie, eine auskömmliche Finanzierung und verlässliche politische Rahmenbedingungen. Als Negativbeispiel führte Lassen die AU-Pflicht ab Tag eins an: „Wer Millionen zusätzlicher Arztkontakte politisch beschließt, muss sich im Klaren sein, dass er ein System bewusst an die Belastungsgrenze führt“, sagte Lassen.
Die Pläne des BMG müssten mit der Realität in den Praxen in Einklang gebracht werden. „Wir brauchen weniger Sonntagsreden und mehr Orientierung am Versorgungsalltag“, so der Hausarzt aus Leck.

„Wir brauchen weniger Sonntagsreden und mehr Orientierung am Versorgungsalltag“
Warken hat Baustellen im Gesundheitswesen hinterlassen
Warken hat nach seiner Meinung wichtige Themen angestoßen und den Dialog mit den Akteuren im Gesundheitswesen gesucht. Entscheidende Baustellen seien aber weiterhin ungelöst: „Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz belastet die Hausarztpraxen weiterhin erheblich. Zurück bleibt leider auch das Gefühl, dass sich der Alltag der Patientinnen und Patienten und der Arztpraxen offenbar weit entfernt von der Realität politischer Entscheidungsträger abspielt.“
Dr. Sven Soecknick: Steuerungsfunktion muss kommen
Der Lübecker Allgemeinmediziner Dr. Sven Soecknick erwartet, dass Linnemann den Sparkurs mit Kurskorrektur fortführt: Die ambulante Medizin, insbesondere die hausärztliche Medizin, müsse gestärkt und nicht geschwächt werden, „weil es eine hoch effektive und gleichzeitig Kosten günstige Versorgung darstellt.“ Außerdem sollte Linnemann eine Steuerungsfunktion installieren, um den unregulierten und jederzeit verfügbaren Zugang zu jeglicher Art von medizinischer Versorgung zu verhindern. Es sei ein Fehler gewesen, den Patienten diesen freien Zugang zu gewähren. Warken bescheinigte Soecknick, der auch Vorsitzender des Lübecker Ärztenetzes ist, den Menschen ehrlich gesagt zu haben, dass auf jeder Ebene gespart werden müsse.
Dr. Svante Gehring: Minister sollte zunächst den Akteuren zuhören
Dr. Svante Gehring gab zu bedenken, dass Linnemann „durch und durch mit einer betriebs- und volkswirtschaftlichen DNA ausgestattet“ sei. Der Vorstandsvorsitzende der Ärztegenossenschaft Nord hofft, dass der neue Minister zunächst einmal zuhört, welche Strukturreformvorschläge von den Beteiligten selbst kommen. „Er sollte verstehen, dass die tragende Säule des Gesundheitswesens in Deutschland mittelständisch und freiberuflich geprägt aus überwiegend selbstständig geführten Praxen besteht und was diese Praxen benötigen, um ökonomisch und innovativ das Gesundheitswesen der Zukunft mitzugestalten“, sagte der hausärztliche Internist aus Norderstedt.

„Eine sich am Patienten ausrichtende Zusammenarbeit aller Professionen über alle Sektoren hinweg sollte erlaubt werden, ohne die Protagonisten durch Wettbewerbs- und Korruptionsparagrafen zu bedrohen.“
Warken konnte stur durchsetzen
Nach seiner Überzeugung sollte Linnemann eine Strukturreform, die Notfall- und Primärversorgung samt Bürokratieabbau gemeinsam in den Blick nimmt, auf den Weg bringen. Patienten sollten mit digitaler Unterstützung und Ersteinschätzungsverfahren in die richtige Behandlungsebene geführt werden. „Eine sich am Patienten ausrichtende Zusammenarbeit aller Professionen über alle Sektoren hinweg sollte erlaubt werden, ohne die Protagonisten durch Wettbewerbs- und Korruptionsparagrafen zu bedrohen“, forderte Gehring.
Warken hat aus seiner Sicht bewiesen, dass sie „stur“ etwas durchsetzen könne. Gehring: „Diese Qualität, die wir, nur wenn es mit Sinn und Verstand zugegangen wäre, auch gebraucht hätten.“





