
DAK im Dialog: Mediensucht beginnt immer früher
Leo Kreft merkte an seinen Noten, dass er zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbrachte. „Ich habe mich hingesetzt und nachgedacht“, berichtete der heute 18-jährige Gymnasiast bei DAK im Dialog vor rund 100 Interessierten. „Und kapiert, dass 1.000 Pokale in einem Spiel dich nicht weiterbringen.“ Er reduzierte das Gaming, konzentrierte sich auf die Schule und Sport. Heute nutzt er das Handy nicht mehr übermäßig.
Nicht alle finden den Weg aus der Abhängigkeit von allein
„Großartig“, fand Dr. Manuel Munz, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am UKSH Kiel. In seiner Klinik sieht er Fälle, die sich nicht selbst helfen können: Jugendliche, die kaum zum Essen oder Duschen vom Bildschirm wegkommen, sich im Extremfall auf dem Stuhl vor dem Rechner einkoten.
Die Datenbasis präsentierte DAK-Vorstand Andreas Storm. Die Kasse erhebt seit Jahren Zahlen zum Mediengebrauch. Anfangs sei das Thema nicht ernst genommen worden, heute ein Massenphänomen, so Storm. „Wir haben ein Hochplateau erreicht.“ Knapp vier Stunden am Tag, 227 Minuten, nutzen Jugendliche im Schnitt das Handy am Wochenende, im Alltag 157 Minuten. Bei knapp fünf Prozent gilt der Umgang als pathologisch, ein riskantes Verhalten zeigen 21 Prozent. Ein wachsendes Phänomen ist „Phubbing“: Personen schauen auf den Bildschirm, nicht auf die Anwesenden. Kinder, die das erleben, fühlen sich häufig einsam und gestresst.
Positive Kicks auf der Startrampe in die Sucht
Der Weg in die Mediensucht beginnt mit positiven Kicks: „Die Apps spielen mit Neugier und Überraschung, beides schüttet Dopamin aus“, erklärte der Neurowissenschaftler und Biologe Dr. Martin Korte, Professor an der TU Braunschweig. Besonders Kinder und Jugendliche seien dafür anfällig, denn der Stirnlappen, in dem sich die Hormonproduktion abspielt, sei während der Pubertät „eine Baustelle“. Korte riet zu einem überlegten Umgang mit den neuen Medien. Und er warnte davor, das Thema nur als Problem der Jugendlichen zu sehen. Auch Erwachsene, besonders die Eltern, müssten einen guten Umgang, eine Balance finden.
In der Klinik würden die Eltern einbezogen, berichtete Munz. Sie stellten oft die Frage, wie viele Stunden am Tag „noch okay“ seien. Aber entscheidend sei, ob der Alltag klappe oder ob Schule oder Hobbys leiden würden. Oft tritt Mediensucht gemeinsam mit Angststörungen oder Depression auf: „Das ist sogar eher die Regel als die Ausnahme.“ Munz sah die Eltern durchaus in der Verantwortung, nahm sie aber auch in Schutz: „Sie treten gegen die Algorithmen der Konzerne an, die genau diesen Effekt erreichen wollen.“

„Das ist sogar eher die Regel als die Ausnahme“: Dr. Manuel Munz vom UKSH beobachtet, dass Mediensucht oft gemeinsam mit Angststörungen oder Depressionen auftritt.
Die Macht der Algorithmen
Wie groß die Macht dieser Algorithmen ist, beschrieb auch Dr. Ralf van Heek, Vorsitzender im Landesverband Schleswig-Holstein der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte. „Wir sehen in zunehmendem Maß Entwicklungsstörungen. Defizite in den Bereichen Aufmerksamkeit, Bewegung und Sozialverhalten treten schon in Kita und Grundschule auf.“ Diese Störungen hätten eindeutig mit Mediennutzung zu tun – der eigenen und jener der Eltern. Denn wenn Mama und Papa auf den Bildschirm starren, statt Augenkontakt zum Kind zu halten, kann das zum „Frozen“- oder „Still-Face“-Syndrom führen, das früher nur bei psychisch erkrankten Eltern auftrat. Betroffene Kinder entwickeln keine echte Bindung, die Folge können psychische Probleme, Unsicherheit und mangelndes Selbstwertgefühl sein. „Ärzte sollten dieses Thema bei Vorsorgeuntersuchungen ansprechen“, wünschte sich van Heek.
Peerprojekte zur Selbstreflektion
Nicht nur die Ärzteschaft, sondern alle Fachleute, die mit Jugendlichen arbeiten, sollten über Mediensucht aufklären und Probleme benennen, schlug Wolfgang Grote vom Suchthilfezentrum der Diako Nordfriesland vor. Er nannte die Schule mit ihren sozialpädagogischen Assistenzen. Wichtig sei, den Jugendlichen eine Alternative zu bieten: „Menschen können konsumieren oder produzieren. Wer lernt, jedes Problem durch Konsum zu überdecken, kommt nicht heraus. Wir müssen sie ins Produzieren bringen.“ Ein totales Handy-Verbot hielt er für zu kurz gegriffen: „Kinder haben das Recht auf Teilhabe, aber auch auf Schutz. Sie müssen lernen, mit den Medien umzugehen.“
Henning Fietze, Leiter des Offenen Kanals Schleswig-Holstein und zuständig für Medienkompetenz-Bildung, wusste auch, wer diese Lehr- und Vorbildfunktion leisten kann: „Sehr wirksam sind Peerprojekte. Denn viele Jugendliche wissen genau, was sie ihrer kleinen Schwester raten sollen.“ Die Jugendlichen einzubeziehen, sei auch ein Weg zur Selbstreflektion.
Handy – so verpönt wie Rauchen?
Doch gegen die Macht der Algorithmen kommen weder die Jugendlichen selbst noch die Schulen noch die Ärzte an, darin waren sich die Fachleute des DAK-Dialogs einig. Es brauche gesellschaftliche und politische Lösungen. Dafür saß Landesgesundheitsministerin Prof. Kerstin von der Decken (CDU) mit auf dem Podium. Sie sprach sich für Verbote aus – wie zurzeit auf EU-Ebene beraten. Deutschland könne dabei auch vorangehen, sagte von der Decken. Aber es brauche auch Anreize und einen gesellschaftlichen Wandel: „Früher galt Rauchen als cool, heute ist es verpönt. Wer weiß, vielleicht gibt es beim Handy eine ähnliche Entwicklung.“ Sie selbst möge Smartphones nicht, nutze sie nur als Arbeitswerkzeug, verriet sie.





