
Chirurgiekongress: Kindergesundheit im Fokus
Häufiger als früher verletzen sich Kinder heute bei ganz normalen Bewegungen – etwa beim Rennen oder Spielen. „Dieses veränderte Verletzungsmuster beobachten wir seit Jahren“, erläuterte der ehemalige Lübecker Kinderchirurg Prof. Martin Kaiser, der heute die Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Halle leitet, auf einer Kongress-Pressekonferenz. Möglicher Grund: Wer sich wenig bewege, habe oft weniger Muskelkraft und eine schlechtere Koordination. Das bedeute, dass der Körper Stürze schlechter abfangen könne, so Kaiser. „Die Reduktion der körperlichen Fitness von Kindern führen wir auf die zunehmende Dominanz von sitzenden beziehungsweise inaktiven Lebensstilen, die verstärkte Nutzung von digitalen Medien sowie auf zu wenige Bewegungsangebote zurück.“ Somit verringere sich die Leistungsfähigkeit, sodass bereits Schulsport zu einer Herausforderung werden könne.
Mehr in Sportangebote investieren
Darüber hinaus zeige das „Fitnessbarometer“ in Baden-Württemberg nach Angaben des Kinderchirurgs einen alarmierenden Gewichtssprung beim Wechsel von der Kita in die Grundschule. Übergewicht und Adipositas nähmen in diesem Zeitraum drastisch zu. Adipositas habe sich laut dieser Studie beim Wechsel vom Kindergarten zur Grundschule von 3,1 auf 6,8 Prozent mehr als verdoppelt. „Diese Entwicklung ist bis zur Adoleszenz fortschreitend und bei Mädchen sogar stärker ausgeprägt als bei Jungen. Dabei wissen wir seit Langem, dass der frühe Lebensstil entscheidend für die Weichenstellungen im späteren Leben ist.“ Kaisers Forderung: Kinder müssen sich bewegen, um gesund aufzuwachsen. „Sport ermöglicht Kindern körperliche Gesundheit, stärkt ihr Selbstvertrauen sowie ihre Kompetenzen und unterstützt ihre persönliche Entwicklung und das Wohlbefinden.“ Für Kaiser ist dies eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die hohe Investitionen in den Schulsport, in Sportvereine und öffentliche Bewegungsplätze erfordert.
„Sport ermöglicht Kindern körperliche Gesundheit, stärkt ihr Selbstvertrauen sowie ihre Kompetenzen und unterstützt ihre persönliche Entwicklung und das Wohlbefinden.“
Derzeit wird das „Weißbuch Digitale Chirurgie“ der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) aktualisiert, die jüngste Auflage stammt aus dem Jahr 2022. Das Weißbuch verfolgt das Ziel, die digitale Transformation der operativen Medizin praxisorientiert darzustellen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht primär einzelne Technologien, sondern deren konkreter Nutzen für die chirurgische Versorgung – von der präoperativen Planung über intraoperative Assistenzsysteme bis hin zum perioperativen Management. Für das Kapitel „Digitale Kinderchirurgie“ zeichnet Prof. Robert Bergholz, Leiter der Kinderchirurgie am UKSH Kiel, verantwortlich. „Die Mitwirkung der Kinderchirurgie Kiel an diesem Weißbuch stellt eine besondere Auszeichnung dar. Sie unterstreicht die wissenschaftliche und klinische Sichtbarkeit des Fachs am Standort Kiel“, erklärte Bergholz auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes.
Kinderchirurgie: breites Spektrum an Krankheitsbildern
Beim Kongress in Leipzig stellte er wesentliche Grundzüge seines Fachs vor: „Kinderchirurgie vereint multiple chirurgische Subdisziplinen in einem Fach: Thoraxchirurgie, Viszeralchirurgie, Fehlbildungschirurgie, Urologie, Verbrennungschirurgie. Wir haben ein extrem breites Spektrum an Krankheitsbildern, von Routineeingriffen bis zu seltensten Fehlbildungen.“ Behandelt werden unterschiedlichste anatomische Regionen, für die unterschiedlichste OP-Techniken gefordert seien. Dafür müssten künftig modulare und adaptive Systeme entwickelt werden, die bestenfalls mehrere Fachdisziplinen abdecken. „Eine ,One-size-fits-all´-Lösung gibt es in der digitalisierten Kinderchirurgie nicht“, so Bergholz.
„Eine ,One-size-fits-all´-Lösung gibt es in der digitalisierten Kinderchirurgie nicht.“
Da Kinder keine statischen Patienten seien, sondern sich Anatomie und Physiologie kontinuierlich verändern, ergäben sich zahlreiche weitere Herausforderungen für die Chirurgie, so Bergholz. Erforderlich seien Wachstumsmodelle, die in die OP-Planung und -Entscheidungsfindung integriert werden. Es müssten „digitale Zwillinge“ von Patienten entwickelt werden, die Wachstum simulieren und mit denen zum Beispiel auch unterschiedliche Therapieoptionen unter Berücksichtigung der zukünftigen Entwicklung durchgespielt werden können, erläuterte der Kieler Kinderchirurg. Aber auch an die OP-Geräte werden besondere Herausforderungen gestellt: Digitale Technologien sollten eine minimalinvasive Versorgung auch schon bei kleinsten Patienten ermöglichen und die OP-Systeme sollten bestenfalls über mehrere Entwicklungsstufen (zum Beispiel vom Fetus bis zum Kleinkind) funktionieren oder für jede Stufe separat verfügbar sein. Um alle Ziele bestmöglich zu erreichen, plädierte Bergholz abschließend für mehr Kooperationen - insbesondere zu den Disziplinen aus der Erwachsenenchirurgie und auch international - zur Bündelung von Expertise und Fallzahlen.
KI verändert Viszeralchirurgie „revolutionär”
Künstliche Intelligenz (KI) hält zunehmend Einzug in die Viszeralchirurgie und wird die Medizin nach Einschätzung von Prof. Jörg‑Peter Ritz aus Schwerin „revolutionär verändern“, wie der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) bei der Kongress-Pressekonferenz betonte. Rund 200 Sitzungen hätten sich während der Kongresstage in Leipzig mit KI befasst, kaum ein anderes Thema finde in der Medizin aktuell so große Aufmerksamkeit. Künftig werde KI Diagnostik, Entscheidungsfindung und operative Assistenz grundlegend modifizieren, so Ritz.

„In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde der Markt für robotisch-assistierte Chirurgie maßgeblich durch das DaVinci-Surgical-System geprägt.“
Bereits heute könnten KI‑Systeme Bild-, Vital- und Verlaufsdaten analysieren, bei Diagnosen unterstützen, Risiken früher erkennen und individualisierte Therapieoptionen vorschlagen. In einigen Kliniken kämen auch Augmented-Reality-gestützte Assistenzsysteme (AR) zum Einsatz, die dreidimensionale Organ- und Tumordarstellungen direkt ins Sichtfeld des Chirurgen projizieren. „Dies wird in einigen Kliniken auf Projektebene angewandt, ist aber noch fernab der klinischen Routine.“ Die modernste Generation des OP-Roboters DaVinci habe eine 10.000-fach höhere Rechenleistung im Vergleich zur Vorgängergeneration und könne damit perspektivisch intraoperativ erhobene Bilddaten deutlich besser analysieren und auswerten. Trotz aller technologischer Fortschritte sieht der DGAV‑Präsident aktuell dennoch keine Gefahr, dass Chirurgen im OP künftig ersetzt werden. „Es operiert keine Maschine, kein Roboter. Der, der handelt, ist der Mensch.“ KI erweitere die Optionen, erleichtere den Alltag und helfe, Risiken zu senken, Abläufe zu optimieren und die Patientensicherheit zu erhöhen, so Ritz. „Ziel ist es, dass KI dem Chirurgen ermöglicht, sich im OP noch besser auf seine wesentlichen Aufgaben zu konzentrieren.“
Robotik: HUGO-RAS und Versius konkurrieren mit DaVinci
Die Robotik spielte auch bei vielen anderen Kongressveranstaltungen eine Rolle. Aus Lübeck war unter anderem PD Dr. Michael Thomaschewski, UKSH-Bereichsleiter Magen- und Ösophaguschirurgie, in Leipzig vertreten. Er stellte im Rahmen des Symposiums „Minimalinvasive Chirurgie und Robotik – was gibt es Neues?“ alternative Robotik-Systeme vor. Bei der robotisch unterstützten minimalinvasiven Chirurgie steuert der Operateur über eine Konsole die Bewegungen eines OP-Roboters, der feinste Eingriffe über minimalinvasive Zugangswege ermöglicht. Dadurch gelingt es, komplexe Operationen vor allem im Bauchraum mit höchster Präzision und minimaler Belastung der Patientinnen und Patienten durchzuführen. „In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde der Markt für robotisch-assistierte Chirurgie maßgeblich durch das DaVinci-Surgical-System geprägt, das auch bei uns in Lübeck im Einsatz ist“, erklärte Thomaschewski auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes. Mit seiner langjährigen klinischen Etablierung und kontinuierlichen technologischen Weiterentwicklung setze es bis heute den Maßstab in diesem Bereich.
In jüngster Zeit träten jedoch vermehrt neue Robotersysteme in den Wettbewerb ein. „Diese zeichnen sich durch innovative technologische Eigenschaften und auch durch geringere Anschaffungs- und Betriebskosten aus.“ Einige dieser Robotersysteme seien bereits erfolgreich im Markt etabliert und prägten die Weiterentwicklung der operativen Medizin maßgeblich, betont der Chirurg. Besonders hervorzuheben sei das „HUGO-RAS“-System, das seit drei Jahren ebenfalls in Lübeck zum Einsatz komme und durch seinen modularen Aufbau dem DaVinci-System Konkurrenz mache. Auch das „Versius“-System punkte durch eine kompakte Bauweise und vergleichsweise geringere Kosten. „Und mit dem ,Toumai MT1000´, der optisch sehr an den DaVinci erinnert, drängt auch ein chinesischer Mitbewerber auf den internationalen Markt der endoskopischen Chirurgie“, erläutert Thomaschewski.





