
Blutvergiftung rückt stärker in den Fokus
Rund 180 Sepsis-Fälle registriert das WKK in Heide pro Jahr. Keine große Zahl im Vergleich zur Gesamtzahl der Patienten, aber doch groß im Vergleich zu früheren Jahren. 2024 ist die Kodierung gegenüber 2020 um 100 % gestiegen. Grund ist die erhöhte Aufmerksamkeit des gesamten Klinikpersonals. Die Bemühungen des WKK zeigen deutlich wichtigere Folgen, als die Zahlen vermuten lassen. „Mit unserem Konzept retten wir Leben“, sagt der Leiter des QM-Qualitätsmanagements, Björn-Ola Fechner. Im WKK werden alle Sepsis-Fälle in der Klinik ausgewertet. Bei Auffälligkeiten wird auf die Behandlungsteams zugegangen. Es werden Stellungnahmen der verantwortlichen Personen eingeholt und anschließend in der Sepsis-Arbeitsgruppe diskutiert.
Teamwork der Hygiene und des Qualitätsmanagements
Die wöchentliche Analyse der Daten ermöglicht eine schnelle Steuerung über international angewandte Scores. Hier werden Laborwerte, Antibiosezeiten, Diagnostik sowie vorliegende Patientenverfügungen, festgelegte Therapiebegrenzungen und der Fallverlauf genau betrachtet. Das Heider Konzept ist eine Gemeinschaftsarbeit der WKK-Hygiene und der Abteilung für Qualitätsmanagement. „Mit diesem Konzept konnten Erfolge erzielt werden, welche eine hohe Akzeptanz sowohl bei den Chefärzten und der Pflegeleitungen als auch bei der Krankenhausführung und dem Aufsichtsrat vorweisen können. Bei den Fallanalysen wurde mitunter festgestellt, dass diese Aktionen zwar zur Verbesserung der Qualität beigetragen haben – Dokumentation, sicherere Verfahren, Bewusstmachen etc. –, dieses allerdings nur sehr schwer nachweislich zu einem verbesserten Output geführt hätte", berichtet Dr. Utz Bartels, Leitender Oberarzt der WKK-Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin.
Zertifiziertes E-Learning-Modul
Eine weitere Maßnahme in Heide: In Zusammenarbeit mit dem „Deutschen Qualitätsbündnis Sepsis“ wurde ein von der Ärztekammer zertifiziertes E-Learning-Modul entwickelt und eine Kampagne zum Erkennen einer Sepsis gestartet. Das Deutsche Qualitätsbündnis Sepsis (DQS) ist ein Projekt in Trägerschaft des Universitätsklinikums Jena. Fechner ist Mitglied im DQS-Steuerungskomitee. Statistisch gesehen hat die erhöhte Aufmerksamkeit für das Thema Sepsis zunächst einen negativen Effekt: „Wer genauer hinsieht, entdeckt mehr. Wer ein Bewusstsein für eine Sepsis hat, diagnostiziert diese häufiger. Damit steigt auch die Zahl der Patientinnen und Patienten, die mit einer Sepsis bei uns im Haus gestorben sind“, so Fechner. Ein Grund zur Beunruhigung sei dies nicht. Zum einen, weil bei den meisten Patientinnen und Patienten, bei denen eine Sepsis diagnostiziert wurde, schon bei Einlieferung eine palliative Behandlung abgestimmt wurde. Dem WKK geht es aber um die Menschen, bei denen eine frühzeitige Diagnose das Überleben verbessern kann. Bei ihnen wird Sepsis als Ursache für die Erkrankung jetzt häufiger mitbedacht.
Auf die Arbeit der Sepsis-Arbeitsgruppe ist man mittlerweile auch außerhalb der Westküstenkliniken aufmerksam geworden. In einem Buch zur Risikoadjustierung, das von einer Unternehmensberatung über den Kohlhammer-Verlag herausgegeben wurde, stellen Fechner, Bartels und der stellvertretende QM-Leiter Nils Dreier die Zwischenergebnisse ihrer Arbeit vor. Wie wichtig die erhöhte Aufmerksamkeit für Sepsis ist, macht u.a. die Initiative „Deutschland erkennt Sepsis“ deutlich. Nach Angaben auf ihrer Website (www.deutschland-erkennt-sepsis.de) stirbt alle sechs Minuten ein Mensch in Deutschland an Sepsis. Die Initiative ist überzeugt: Zumindest ein Teil der Erkrankungen und Todesfälle wäre vermeidbar.





