Prof. Henrik Herrmann
Prof. Henrik Herrmann (privat)
Prof. Henrik Herrmann (privat)

Bedarfsplanung: Gleichung mit Lücken

Sowohl die Planzahlen der KVSH als auch Umfragen unter Ärztinnen und Ärzten sprechen eine klare Sprache: Der Versorgungsgrad im Norden ist gut, die Niederlassungsbereitschaft hoch. Trotzdem warnen Gremienvertreter vor einer drohenden Unterversorgung. Hauptargument: Der Bedarf wachse schneller als die Zahl der nachrückenden Mediziner.

Eike Ina Lamberty

Jahr für Jahr lässt sich eine dreistellige Zahl an Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeuten nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KVSH) in Schleswig-Holstein nieder. 2.080 Hausärztinnen und Hausärzte verteilen sich gegenwärtig auf 1.950 Stellen, berichtete die KV auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes. Hinzu kommen laut KV-Statistik etwa 3.050 Fachärztinnen und Fachärzte sowie 1.170 Psychotherapeutinnen und -therapeuten. 48,5 Hausarztsitze seien derzeit unbesetzt – im bundesweiten Vergleich sei das, gemessen an der Einwohnerzahl, „eine sehr geringe Anzahl“, stellte die KV fest. Im fachärztlichen und psychotherapeutischen Bereich gebe es insgesamt rund 40 freie Niederlassungsmöglichkeiten. 

Die KVSH bewertet in ihrer Stellungnahme die aktuelle hausärztliche Versorgung im Verhältnis zu anderen Flächenländern als „recht gut“. Die aktuellen Zahlen der Bedarfsplanung (Januar 2025) bestätigen die Einschätzung: In der weit überwiegenden Zahl der Planungsbereiche liegt der Versorgungsgrad bei mehr als 100 Prozent, in Westerland mit 186,1 Prozent und Tönning mit 151,3 Prozent sogar weit über der Sperrmarke von 110 Prozent. Schlusslicht ist Kaltenkirchen mit 91,4 Prozent und auch Meldorf zählt mit 95,8 Prozent zu den eher schwierigen Regionen.

 

 

„Hier entsteht eine Lücke zwischen errechnetem Bedarf und realer Versorgungsnotwendigkeit.“
 

Prof. Henrik Herrmann

Ebenso stieg die Gesamtzahl der Neuzulassungen von Ärzten und Psychotherapeuten im vergangenen Jahrzehnt deutlich. Von 113 im Jahr 2014 verdoppelte sie sich bis 2024 beinahe auf 216 (2019: 150). Die Zahl der darunter neu zugelassenen Hausärzte wuchs von 25 (2014) über 37 (2019) auf 44 im Jahr 2024. Auffällig ist der Anstieg der fachärztlichen Internisten: Wurden in den Jahren 2014 und 2019 keine neu zugelassen, so erhielten 2024 gleich 23 von ihnen ihre Zulassung. Auch die Zahl der neu zugelassenen Psychotherapeuten wuchs kontinuierlich: von 37 im Jahr 2014 auf 70 anno 2024.

Die Zahlen decken sich mit den Ergebnissen einer aktuellen Umfrage des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) unter 3.200 angestellten Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeuten. Rund 85 Prozent von ihnen planten einer Pressemitteilung des Zi zufolge die Niederlassung oder erwogen diese. Deutlich wurde bei der von Januar bis April 2025 durchgeführten Befragung auch, dass viele der (in Teilzeit) angestellten Ärztinnen und Ärzte die Mitarbeit in einem MVZ nicht als Dauerlösung, sondern nur als Übergangsphase auf dem Weg zur eigenen Praxis betrachten. Haupthemmnis auch hier: der erwartete hohe administrative Aufwand und der Mangel an Fachpersonal für die Praxis.

 „Bedarfsplanung sagt nichts über Versorgungsrealität aus”
Sowohl laut Bedarfsplanung als auch Umfragen unter Ärztinnen und Ärzten zufolge sieht es also gut aus, auch mittelfristig. Worauf stützt sich dann die Sorge vor einer gravierenden Versorgungslücke in der allgemeinen Wahrnehmung? Marco Dethlefsen, Pressesprecher der KVSH, sieht in den stabilen Zahlen und der pessimistischen Einschätzung der KV keinen Widerspruch. Die ärztliche und psychotherapeutische Bedarfsplanung sage nichts über die tatsächliche Versorgungssituation aus. Sie beruhe auf einem theoretischen Modell, das viele relevante Faktoren der realen Versorgung wie den demografischen Wandel, Krankheitslast und Altersstruktur nicht oder nur unzureichend berücksichtige, schrieb er in einer Stellungnahme. Und: „Jeder dritte Hausarzt ist 60 oder älter, hier entstehen also in absehbarer Zeit Versorgungslücken, bei denen jetzt nicht klar ist, ob es genügend Interessierte gibt, die sich niederlassen wollen.“

Ähnlich argumentiert Prof. Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Die Erklärung für diesen Widerspruch liege darin, „dass die KV eine Bedarfsanalyse macht und keine Versorgungsanalyse“. Der Versorgungsbedarf sei deutlich höher vor dem Hintergrund des demografischen Wandels der Bevölkerung, der zunehmenden Anzahl von chronischen Erkrankungen, der steigenden Lebenserwartung und des medizinischen Fortschritts, durch den mehr Krankheiten besser behandelt werden können. „Hier entsteht eine Lücke zwischen errechnetem Bedarf und realer Versorgungsnotwendigkeit, der zunehmen wird, auch wenn der Bedarf als abgesichert angegeben wird.“
Weitere Faktoren verschärften die Situation, z. B. ein zunehmendes Angestelltenverhältnis im ambulanten Bereich, leicht abnehmende selbstständige unternehmerische Tätigkeit im ambulanten Bereich, damit verbunden weniger reale Arbeitszeiten am Patienten, höhere bürokratische Belastungen und wenige Modelle einer interprofessionellen Zusammenarbeit, die abgerechnet werden können. 

ÄG Nord verweist auf intensivere Behandlungsdichte
„Natürlich ist dies ein Punkt, dass zwischen einer gefühlten und tatsächlichen Unterversorgung unterschieden werden muss“, schrieb Lars Prinzhorn, Geschäftsführer der Ärztegenossenschaft Nord (ÄG Nord), in einer Stellungnahme. Gleichzeitig verwies auch er zum Verständnis der Diskrepanz zwischen Fakten und Stimmung vor allem auf den anstehenden Abschied der Babyboomer aus der aktiven Versorgung und die intensivere Behandlungsdichte in einer weiterhin alternden, zunehmend multimorbiden Gesellschaft. 
Prinzhorn attestierte den nachrückenden Medizinerinnen und Medizinern einen Trend zur Anstellung in Teilzeit, und „grundsätzlich weniger Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und eine Arztpraxis in Selbstständigkeit zu führen“. Zumal sich die Anstellung in einem MVZ finanziell weniger lohne als etwa in einer Klinik: „Die vom Marburger Bund ausgehandelten Tarife für Krankenhäuser wecken darüber hinaus Gehaltserwartungen, die in der Honorarentwicklung im ambulanten Bereich und damit Praxiswirklichkeit kaum zu realisieren sind, ganz besonders in (kommunalen) MVZ mit fast ausschließlich angestellten Ärzt:innen“, heißt es in der Stellungnahme der ÄG Nord. 

Ähnliche Beiträge
Zwei Frauen und ein Mann stehen neben einer Plakatwand mit der Aufschrift "Wusstest Du, dass man durch Sex Krebs bekommen kann?"
Ströer-Niederlassungsleiterin Iris Petersen (vorne links), Projektleiterin Maxi Liekfeldt und Schatzmeister Jörg Arndt präsentieren eine der ersten Plakatflächen der Kampagne.
10.03.2026

Acht von zehn Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit Humanen Papillomviren (HPV). Bei…

Mit Audio-beitrag
Mann mit Drei-tage-Bart und dunklen Haaren trägt ein rotes Hemd und schaut frontal in die Kamera.
Nikolaus Stapels © Dirk Schnack
09.03.2026

Cyberkriminalität betrifft immer mehr Einrichtungen im Gesundheitswesen. 90 Prozent der…

placeholder
24.02.2026

Der massenhafte Austausch elektronischer Heilberufsausweise (eHBA), der aufgrund veralteter…

placeholder
20.02.2026

Die Stelle zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen nach Paragraf 81a SGB V hat in den…

Frau im blauen Mantel und mit rotem Schal steht im Freien und schaut in die Kamera
Angela Stelling von der Aidshilfe warnt vor einer Ausgrenzung von Patienten mit HIV. © Dirk Schnack
05.02.2026

Angela Stelling war eine der wenigen Menschen aus Schleswig-Holstein, die für ihr ehrenamtliches…

Blonde FRau im orangenen Blazer hält ein Mikrofon in der linken Hand und spricht.
Dr. Bettina Schultz © Eike Lamberty
05.02.2026

Zu lange Wartezeiten auf einen Facharzttermin: Diese Kritik wird seit Jahren von den gesetzlichen…