Arzt im weißen Kittel lehnt mit der linken Schulter an einer Wand, hat die Arme verschränkt und lächelt freundlich in die Kamera
Prof. Babak Moradi © UKSH
Prof. Babak Moradi © UKSH

Arthrose: Paradigmenwechsel in der Therapie bahnt sich an

Wie wird die Orthopädie im Jahr 2040 aussehen? Mit dieser und weiteren Fragen beschäftigten sich die Teilnehmenden beim Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin. Prof. Babak Moradi, Direktor der Orthopädie am UKSH in Kiel, gab einen Einblick in die Arthrose-Therapie der Zukunft.

Uwe Groenewold

Gastredner Dr. William Joseph Maloney, ehemaliger Präsident der American Academy of Orthopaedic Surgeons, zeigte, wie die Zukunft von Aus- und Weiterbildung gestaltet werden kann. Prof. Silke Aldrian aus Wien unterstrich die Bedeutung einer gezielten Förderung weiblicher Nachwuchskräfte für die Zukunft von Orthopädie und Unfallchirurgie, Prof. Dominik Pförringer aus München diskutierte die Balance zwischen technologischem Fortschritt und dem Faktor Mensch. Künstliche Intelligenz und Big Data eröffneten neue Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie, so Pförringer, werfen aber auch Fragen auf wie: Wird Technologie den Menschen ersetzen oder ergänzen? 

Hoffnung auf weiteren medizinischen Fortschritt
Einen Einblick in die Arthrose-Therapie der Zukunft gab Prof. Babak Moradi, Direktor der Orthopädie am UKSH in Kiel. Die Behandlung habe bereits in den vergangenen Jahren „bemerkenswerte Fortschritte“ erzielt, so Moradi auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes. Gelenkersatzoperationen im Endstadium der Arthrose seien „zu einem der erfolgreichsten Verfahren der modernen Medizin“ geworden, regenerative Knorpeltherapien „wirksame Behandlungsoptionen“ für mittlere Krankheitsstadien. Allerdings gebe es noch keine Lösungen für das Initialstadium der Arthrose: „Bis heute fehlen echte disease-modifying osteoarthritis drugs (DMOADs), die in die frühe Pathogenese eingreifen.“ Moradi ist allerdings zuversichtlich, dass sich dies in absehbarer Zeit ändert. „Im letzten Jahrzehnt hat sich die Situation grundlegend verändert. Mit dem rasanten Fortschritt in der zellulären und molekularen Forschung stehen inzwischen hochentwickelte Technologien zur Analyse komplexer pathomechanischer Prozesse zur Verfügung. Parallel dazu haben Datenwissenschaft und künstliche Intelligenz enorme Kapazitäten erreicht, um diese biologischen Informationen systematisch auszuwerten und neue Muster sichtbar zu machen.“ 
Die Kombination dieser beiden Bausteine eröffne eine völlig neue Perspektive, so Moradi. Die „molekulare Lupe“ ermögliche es, frühe krankheitsrelevante Veränderungen zu identifizieren, neue pathophysiologische Netzwerke zu verstehen und eine Vielzahl therapeutisch nutzbarer Targets zu entdecken. Molekularbiologische Erkenntnisse und KI-gestützte Analysen könnten damit zur Grundlage einer neuen Ära der Arthrose-Therapie werden – weg von rein symptomorientierten mechanischen Konzepten, hin zu kausalen molekularen Interventionen. Fazit Moradis: „Dieser Paradigmenwechsel macht die Entwicklung wirksamer DMOADs erstmals realistisch – und rückt das Ziel einer echten Heilung der Arthrose bis 2040 in greifbare Nähe.“

Knieprothesenpatienten sind meist jünger und übergewichtiger
Weiteres maßgebliches Kongressthema: die Entwicklung in der von Moradi angesprochenen Gelenkchirurgie.  Für das Jahr 2024 erfasste das Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) 410.333 endoprothetische Eingriffe an Hüfte oder Knie inklusive Folgeeingriffe und Revisionsoperationen, vier Prozent mehr als im Vorjahr. Davon entfielen 199.052 auf die primäre Implantation eines Hüft- und 173.252 auf die Erstimplantation eines Kniegelenks. Die Zahl der Ersteingriffe nimmt am Kniegelenk besonders deutlich zu: Von 2022 auf 2024 erhöhte sich die Zahl der jährlichen dokumentierten Hüft-OPs um 18.237, die der Knie-OPs dagegen um 36.413. Im Vergleich zu Patienten mit einer Hüftprothese sind Knieprothesenpatienten meist jünger und übergewichtiger; vor allem bei den jüngeren Altersgruppen ist der BMI der Knieprothesenpatienten stärker erhöht.
Die Qualitätsdaten in der Endoprothetik weisen eine immer bessere Haltbarkeit von Hüft- und Knieprothesen, den verstärkten Einsatz von Robotertechnik im Operationssaal und die gesteigerte Möglichkeit individualisierter Prothesen aus. Gearbeitet werde an Strategien, wie Implantate künftig noch besser an individuelle Bedürfnisse angepasst werden können. „Unser Ziel ist es, Präzision und Sicherheit weiter zu erhöhen, damit Patientinnen und Patienten langfristig von ihren Implantaten profitieren“, sagte der Greifswalder Prof. Georgi Wassilew von der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik.

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