Der Arzt Dr. Niels Renzing steht in weißem Uniformhemd mit einem Mikrofon in der Hand vor einem AOK-Plakat und referiert.
Dr. Niels Renzing ©Eike Lamberty
Dr. Niels Renzing ©Eike Lamberty

Notfallversorgung: Digitalisierung und Vernetzung gefordert

Bei der anstehenden Reform der Notfallversorgung und des stationären Sektors erscheinen die Erwartungen aller Akteure an die Politik ebenso hoch wie der Zeitdruck und die Hürden. Vor allem Digitalisierung und eine bessere Verzahnung von Sektoren und Daten sollen helfen, eine effiziente Patientensteuerung und qualitativ hochwertige Versorgung für alle Menschen auch in der Fläche sicherzustellen. Das zeigte die lebhafte Diskussion beim diesjährigen AOK-Tag in Kiel.

Eike Ina Lamberty

„Wir werden die Krankenhauslandschaft neu strukturieren, aber wir können nur auf den bestehenden Strukturen aufbauen“, sagte Prof. Kerstin von der Decken (CDU), Ministerin für Gesundheit und Justiz in Schleswig-Holstein. In einem zum Teil dünn besiedelten Land wie Schleswig-Holstein müsse die Struktur der Notfallversorgung umsichtig geplant werden. In einem System von Versorgungsregionen mit einem Maximalversorger als „Anker“, ergänzenden Fachkliniken und dem niedergelassenen Bereich steige die Bedeutung der Rettungsdienste.

Rettungsdienste sind am Limit
Diese sind allerdings heute schon am Limit: „Wenn sich der Trend fortsetzt und sich die heutigen Rahmenbedingungen nicht ändern, ist bis 2024 allein in den fünf Kreisen, die die Rettungsdienstkooperation in Schleswig-Holstein versorgt, mit bis zu 400.000 Alarmierungen zu rechnen“, sagte deren Vize-Geschäftsführer Jan Osnabrügge. 2023 seien es 248.000 Einsätze gewesen.

„Wir sind kein Ersatz, wir sind eine Ergänzung.“

Dr. Niels Renzing

Entlastung verspricht ein neuer, pragmatischer Ansatz: das Telenotarztsystem Schleswig-Holstein Ost. Seit Mai 2025 betreiben die acht Rettungsdienste von acht kreisfreien Städten und Landkreisen gemeinsam dieses 24/7-System. Bei Notfalleinsätzen, bei denen die Rettungskräfte vor Ort ärztliches Wissen, aber nicht ärztliche Tätigkeiten benötigen, werden Telenotärzte per Mobilfunk zugeschaltet. „Es läuft für ein neues digitales Tool erstaunlich gut“, sagte Dr. Niels Renzing, stellvertretender ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes in Kiel und Organisator des Projekts. „Wir sind damit in Schleswig-Holstein sehr weit. Unsere Notfallsanitäter können sehr viel.“ 

Haftungsfragen sorgten für Bedenken
Anfängliche Bedenken in Bezug auf Haftungsfragen oder dem Zuschnitt von Verantwortungsbereichen konnten inzwischen zerstreut werden. Renzing betonte die Bedeutung der situationsabhängigen Teamarbeit zwischen Sanitäter und Telenotarzt: „Wir geben nur eine Einschätzung, dann übernimmt der Sanitäter vor Ort wieder die Kontrolle“, sagte Renzing. „Wir sind kein Ersatz, wir sind eine Ergänzung.“

Prof. Christian Karagiannidis, ein etwa 45-jähriger Arzt im blauen Blazer steht gestikulierend am Rednerpult des AOK-Tages 2025.
©EikeLamberty

„Ich würde Geld ausschließlich in Digitalisierung und Prävention investieren.“

Prof. Christian Karagiannidis

Prof. Christian Karagiannidis von der Universität Witten-Herdecke warb für eine engere Verzahnung von Sektoren und (Patienten-)Daten aus verschiedenen Gesundheitsbereichen auf einer einheitlichen Datenplattform. In Österreich etwa, mit seinen Bergen nicht weniger herausfordernd aufgestellt als Schleswig-Holstein, liefen alle Notfälle über einen integrierten Leitstellenkoordinator. „Der ruft nicht jedesmal den Rettungswagen“, sagte Karagiannidis. Er könne ebenso einen Telearzt zuschalten oder für den Anrufer einen Termin beim Facharzt buchen. Sein Fazit: „Ich würde Geld ausschließlich in Digitalisierung und Prävention investieren.“

116117: Potenzial ausschöpfen
Ministerin von der Decken warb dafür, das Potenzial der Notfallnummer 116117 besser zu nutzen, um Patienten gezielter versorgen zu können und Notaufnahmen zu entlasten. Auch eine App könne für eine standardisierte Ersteinschätzung sorgen.

Was aber ist mit den Menschen, die keine Nummer wählen, keine App anklicken, sondern einfach losfahren in die Notaufnahme? Oder sich mit den digitalen Angeboten überfordert fühlen? „Wir sollten Patienten nicht brüskieren, aber wir können nicht alle abholen“, sagte Dr. Bettina Schultz, Vorsitzende der KV Schleswig-Holstein. Sie plädierte dafür, dass „alle, die es können, das System nutzen, damit nicht alle Leitungen blockiert sind“. 
Tom Ackermann, Vorstandschef der AOK Nordwest, machte die Linie seiner Krankenkasse in dieser Frage deutlich: „Hilfesuchende müssen künftig schnell und verlässlich an die richtige Stelle im Versorgungssystem gelangen. Dafür braucht es klare Abläufe, einheitliche Ersteinschätzungen und eine stärkere Vernetzung aller beteiligten Akteure." Als wichtigen Baustein wünscht er sich Integrierte Notfallzentren (INZ), die an Krankenhausträger angedockt und mithilfe der Kassenärztlichen Vereinigungen betrieben werden.

Dr. Bettina Schultz, Vorstandschefin der KVSH, referiert im orangenen Blazer beim AOK-Tag in Kiel.
©Eike Lamberty

„Wir sollten Patienten nicht brüskieren, aber wir können nicht alle abholen.“

Dr. Bettina Schultz
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