Ein Mann im weißen Kittel mit Stethoskop, dessen Kopf nicht u sehen ist, hält Geldscheine in der Hand.
© AOK Colourbox hfr
© AOK Colourbox hfr

AOK Nordwest: Mehr Betrugsfälle im Gesundheitswesen

Die AOK Nordwest nimmt zunehmenden Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen wahr. Sie bezieht sich auf ihren aktuellen Tätigkeitsbericht 2024/2025, wonach ein siebenköpfiges AOK-Ermittlungsteam derzeit in Schleswig-Holstein und Westfalen-Lippe zusammen 1.670 Fälle verfolgen.

Das ist ein Anstieg gegenüber dem letzten Tätigkeitsbericht 2022/2023 um 22,6 Prozent (1.362 Fälle). Dabei wurden innerhalb der beiden betrachteten Jahre Gelder in Höhe von rund 7,5 Millionen Euro zurückgeholt. In den beiden Jahren zuvor waren es zusammen rund vier Millionen Euro. Dr. Jürgen Mosler, Leiter des Fachbereichs Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen bei der AOK Nordwest, führte den Anstieg der Fälle auf vermehrte Anzeigen durch Dritte aufgrund der allgemeinen Sensibilisierung bei Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen zurück. Außerdem wird nach seinen Angaben konsequenter geprüft - auch bei zunächst nicht auffälligen Abrechnungen. 

Ärztliche Leistungen fallen kaum ins Gewicht
Die Geldrückflüsse setzen sich zusammen aus Rückforderungen in den Bereichen Arznei- und Verbandsmittel (3,63 Millionen Euro), häusliche Krankenpflege (2,8 Millionen Euro), versichertenbezogene Leistungen (367.000 Euro), Heilmittel (340.000 Euro), zahnärztliche Leistungen (46.000 Euro), Hilfsmittel (45.000 Euro) und ärztliche Leistungen (9.800 Euro). Zu den bearbeiteten Fällen zählen nicht erbrachte Leistungen, gefälschte Rezepte, erfundene Behandlungen, fehlende Qualifikationen oder manipulierte Abrechnungen. 

Abnehmspritzen im Fokus
Von besonderer Bedeutung sind nach Angaben der AOK bundesweit aufgetretene Rezeptfälschungen bei den sogenannten ‚Abnehmspritzen‘. Diese sind zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung nur abrechnungsfähig, wenn der Patient aufgrund seiner Diabeteserkrankung und unter bestimmten Voraussetzungen diese Spritzen benötigt. Zunehmend werden diese jedoch auch zur Gewichtsabnahme eingesetzt, sind dann aber vom Versicherten selbst zu bezahlen. Vor diesem Hintergrund sei ein nicht unerheblicher ‚Schwarzmarkt‘ entstanden, den gut strukturierte Täterkreise bedienen, um durch Rezeptfälschungen in Apotheken die begehrten Medikamente zu erhalten und illegal weiter zu verkaufen. Dadurch ist allein der AOK Nordwest bislang ein Schaden in Höhe von rund 345.000 Euro entstanden. Sämtliche Rezeptfälschungen hat die Krankenkasse zum Anlass genommen, Strafanzeige zu stellen.

Mann mit grauem Bart, Brille und Fliege lächelt in die Kamera.
Dr. Jürgen Mosler © AOK Colourbox hfr

„Bestätigt sich der Verdacht der Abrechnungsmanipulation, schalten wir die Staatsanwaltschaft ein und fordern die finanzielle Wiedergutmachung des Schadens ein."

Dr. Jürgen Mosler

Die meisten Leistungserbringer rechnen korrekt ab
Um die Fälle zu verfolgen, arbeitet das AOK-Ermittlungsteam mit anderen Krankenkassen sowie der Kriminalpolizei, den Hauptzollämtern und den Staatsanwaltschaften zusammen. „Bestätigt sich der Verdacht der Abrechnungsmanipulation, schalten wir die Staatsanwaltschaft ein und fordern die finanzielle Wiedergutmachung des Schadens ein. Ebenfalls prüfen wir, ob eine weitere Zusammenarbeit mit dem Vertragspartner noch möglich ist“, wurde „AOK-Chefermittler" Dr. Jürgen Mosler in einer Mitteilung der Krankenkasse zitiert. Darin wies er auch darauf hin, dass die meisten Leistungserbringer korrekt abrechnen. Aber schon einige wenige schwarze Schafe können ein schlechtes Licht auf den gesamten Leistungsbereich werfen.

Ermittlungen sollen forciert werden
Die AOK nutzte die Vorlage des Berichts zugleich dazu, ein noch intensiveres Vorgehen anzukündigen.  Der alternierende AOK-Verwaltungsratsvorsitzende und Versichertenvertreter Lutz Schäffer hält es für „unerlässlich, gegen das gravierende Fehlverhalten einzelner Leistungserbringer entschlossen und mit der gebotenen Konsequenz des Rechtsstaats vorzugehen.“ Arbeitgebervertreter Johannes Heß forderte mehr Spezialeinheiten der Polizei und die flächendeckende Einführung von Schwerpunktstaatsanwaltschaften, die sich ausschließlich mit Wirtschaftskriminalität im Gesundheitswesen befassen. In Schleswig-Holstein und wenigen anderen Bundesländern habe sich die Einrichtung solcher Schwerpunktstaatsanwaltschaften bewährt. Um potenziellen Betrugsfällen intensiver nachgehen zu können, forderte die AOK Möglichkeit, künstliche Intelligenz stärker einzusetzen. Zudem schwebt ihr vor, dass Sozialversicherungsträger im Zuge von Ermittlungen relevante Daten direkt untereinander austauschen dürfen. Für beides wären Gesetzesänderungen im Datenschutz erforderlich. Auch die Stelle zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen hatte kürzlich ihre Bilanz vorgelegt. 

Ähnliche Beiträge
Landkarte der bunt eingefärbten sechs Versorgungsregionen in Schleswig-Holstein
©Ministerium für Justiz und Gesundheit
01.07.2026

Die Klinikplanung in Schleswig-Holstein konkretisiert sich. Heute gab Gesundheitsministerin Kerstin…

Mann mit Vollbart im dunklen Anzug, weißem Hemd und mit Krawatte blickt in die Kamera.
Tom Ackermann © AOK Colourbox hfr
17.07.2026

Für komplexe Leistungen ist der Konzentrationsprozess im stationären Sektor in vollem Gange: Weniger…

Mann ohne Haare und mit Brille trägt ein blaues Sacko. Er steht mit verschränkten Armen im Freien und schaut frontal in die Kamera.
Alexander Paquet © KVSH
17.07.2026

Die Bundesregierung hat das Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) auf…

placeholder
15.07.2026

Der Medizinische Dienst Nord (MD Nord) hat rund 850 Anträge von Kliniken aus Schleswig-Holstein zu…

Eine Kreisgrafik mit grünen Modulen zeigt, dass die meisten Befragten eine elektronische Medikationsliste begrüßen.
© forsa-Umfrage 2026/AOK/hfr
14.07.2026

Die elektronische Patientenakte (ePA) wird im Juli um den digital gestützten Medikationsplan…

Mann mit bolnden Haaren und Bart schaut lächelnd in die Kamera.
Dr. Heiner Garg, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, stellte eine Kleine Anfrage zum Krankenhaustransformationsfonds © FDP-Landtagsfraktion SH
14.07.2026

Mit 50 Milliarden Euro will der Bund über den Krankenhaustransformationsfonds das stationäre System…