
Angst vor dem Notfall bei Sturm und Wellengang
Sorgen macht den Verantwortlichen vor Ort vor allem die Notfallversorgung während der Tourismussaison. In der Region West sind die Kreise Nordfriesland und Dithmarschen zusammengefasst, dazu kommt Helgoland. Die Insel gehört zwar formal zum Kreis Pinneberg, passe aber planerisch besser zur Küstenregion, erklärte Philipp Letzgus, Gutachter des Büros Lohfert und Lohfert, das im Auftrag des Gesundheitsministeriums an der Umsetzung der Krankenhausreform mitwirkten. Inklusive der Hochseeinsel gehört die Region West zu den flächenmäßig größten im Land, allerdings leben hier nur etwa 305.000 Menschen.
Starke urlaubsbedingte Schwankungen
Was das bedeutet, erklärte von der Decken: „Die Erreichbarkeit spielt eine große Rolle.“ Auch die Demografie sei ein Faktor: Der Altersschnitt der Bevölkerung steige, und durch die große Zahl von Touristen schwanke die Zahl der Menschen im Lauf des Jahres stark. Rund 60.000 Personen aus den beiden Kreisen werden jährlich in ein Krankenhaus eingewiesen. Allerdings landen nur etwa 47.000 Fälle in einem der neun Standorte, die es in der Region heute gibt. Offenbar fahren viele Kranke für planbare Eingriffe in Krankenhäuser außerhalb der Region, etwa nach Flensburg oder Kiel.
In sechs Regionalkonferenzen im Land wird derzeit über die Folgen der Krankenhausreform für die jeweiligen Regionen informiert. Die ersten Konferenzen haben gezeigt, wie groß der Informationsbedarf ist und wo noch hinter den Kulissen um Änderungen gerungen wird. Was bislang feststeht und welche Folgen der Reform in der Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommen werden, erklärt der Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, Prof. Henrik Herrmann.
Das WKK wird zum Maximalversorger, Brunsbüttel zum SÜV
Dennoch seien die lokalen Krankenhäuser sehr wichtig für die wohnraumnahe Versorgung, betonte von der Decken. Es gelte daher, die vorhandenen Angebote und Standorte sinnvoll zu entwickeln. Die Details stellte Aenn Hachmeyer vor, die im Gesundheitsministerium für Krankenhausplanung und Qualitätssicherung zuständig ist. Im Kreis Dithmarschen wird das Westküstenklinikum zum „Maximalversorger“ ausgebaut – nach den neuen Regeln trifft dieser Titel, der bisher in Schleswig-Holstein nur den Universitätskliniken vorbehalten war, auf deutlich mehr Häuser zu. Damit erhält Heide zusätzliche Aufgaben, die bisher am zweiten Standort des Klinikums in Brunsbüttel erbracht wurden. Dieses Haus gilt künftig als „sektorenübergreifenden Versorger“ (SÜV), die niedrigste Stufe innerhalb der neuen Systematik, mit Schwerpunkt auf der internistisch-geriatrischen Versorgung. Das Angebot des UKSH im Bereich Herzchirurgie in Heide soll künftig als Fachklinik fortgeführt werden.
Neubau in Husum: „Klinik am Wattenmeer"
Größere Umbrüche deuten sich im Kreis Nordfriesland an. Dort gibt es zurzeit fünf Krankenhäuser. Das größte ist das Klinikum Nordfriesland in Husum, das künftig der zentrale Schwerpunktversorger des Kreises werden soll. Dafür ist ein Neubau geplant, der über den Krankenhaustransformationsfonds gefördert werden soll. Die neue „Klinik am Wattenmeer“ wird einige Leistungen von Niebüll übernehmen. Das dortige Klinikum bleibt als Regelversorger für die Grund- und Notfallversorgung erhalten. Ebenfalls als Regelversorger stuft das Ministerium die Asklepios Nordseeklinik in Westerland auf Sylt ein. Sie soll eine Basisnotfallversorgung für Einheimische und Urlaubsgäste bieten. Die Krankenhausstandorte auf Föhr und Helgoland gelten künftig nur noch als „Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen“.
Start für die Regionalkonferenzen
Zum Auftakt der sechs Regionalkonferenzen in Schleswig-Holstein hatte das Landesgesundheitsministerium nach Lübeck eingeladen. In der Versorgungsregion Süd stehen viele Veränderungen im stationären Sektor an. Insbesondere für die Geriatrie sind noch nicht alle Entscheidungen getroffen. Fest steht, welche Klinikstandorte durch die Reform gestärkt werden.
Offene Zukunft für Klinik Dr. Winkler
Größte Auswirkungen sind für die chirurgische Klinik Dr. Winkler zu erwarten. Die Belegklinik mit 13 Betten erbringt nach Ansicht des Ministeriums inhaltlich vergleichbare Leistungen wie das Klinikum Nordfriesland. „Im Bereich der Endoprothetik wird daher eine Auswahlentscheidung zwischen den beiden Standorten zu treffen sein“, sagte Hachmeyer. Eine endgültige Entscheidung steht aber noch aus. Dass Belegkrankenhäuser mit ihrem besonderen, Angebot nur schwer einen Platz in der neuen Struktur finden, sei ein generelles Problem der Krankenhausreform, sagte Bettina Schultze, Vorsitzende der KVSH, am Rand der Veranstaltung. Nicht jede Hand- oder Mandel-OP müsse beim Maximalversorger stattfinden, schließlich gebe es mit den Belegkrankenhäusern seine gute Struktur für solche spezialisierten und planbaren OPs. „Die Kollegen arbeiten mit hoher Expertise, oft mit sehr viel Leidenschaft und sehr effektiv“ – dennoch passen sie mit ihrer geringen Bettenzahl nicht mehr in die Logik des Systems. Schleswig-Holstein gehört zu den Bundesländern mit einem traditionell hohen Anteil von Belegkliniken, die in der Regel von Niedergelassenen geführt werden. Oft seien diese Ärzte eigens in den Norden gekommen, um so eine Klinik zu gründen. „Wir haben dafür bisher keine Lösung gefunden“, bedauerte Schultz.
Wie sollen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte das auffangen?
Die Planung sei insgesamt noch nicht „in Stein gemeißelt“, betonte Ministerin von der Decken. Bis Ende Oktober können die Kliniken noch nachbessern und nachweisen, dass sie die Kriterien für weitere Leistungsgruppen erfüllen. Dennoch gab es zahlreiche kritische Nachfragen und besorgte Stimmen. „Was tun wir, wenn in Zukunft ab 16 Uhr die Akut-Ambulanz in Wyk geschlossen ist?“, fragte Christian Stemmer, Direktor des Amtes Föhr-Amrum. Rund 500 Kranke und Unfallopfer könnten pro Jahr betroffen sein. Er hatte viele Fragen: „Wie sollen die Niedergelassenen das auffangen, müssen sie Triage machen, um zu entscheiden, wohin sie zuerst fahren sollen? Und was ist bei Nebel und Sturm, wenn kein Schiff und kein Hubschrauber zur Insel kommt?“
Dieselben Sorgen plagen Nordfrieslands Kreispräsidenten Frank Zahel. „500 Fälle pro Jahr klingt gar nicht so dramatisch, aber die Zahlen steigen eher noch.“ E-Bike-Unfälle würden vor allem im Sommer zunehmen. Auch er befürchtete, dass die Niedergelassen dieses erhöhte Patientenaufkommen nicht bewältigen könnten.
Regionalkonferenz Südwest
Die zweite Regionalkonferenz fand in Itzehoe statt. das dortige Klinikum wird zum Maximalversorger aufgewertet. Fest stand schon vorher, dass die Standorte Pinneberg und Elmshorn unter einem Dach zusammenfinden. Das Landesgesundheitsministerium ließ aber auch durchblicken, was mit den kleineren Krankenhausstandorten in der Region passieren wird.
Notfallversorgung im Fokus
„Ich kann die Sorgen gut nachvollziehen“, sagte Lena Varnhorn. „Aber die geänderte Struktur bedeutet nicht, dass es keine Notfallversorgung gibt.“ Varnhorn, Chefärztin der Klinik für Akut- und Notfallmedizin des DRK Krankenhauses Mölln-Ratzeburg, stand gemeinsam mit Dr. Stefan Sudmann, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme für Pinneberg und Elmshorn, für Fragen zur Verfügung. Beide sind in der Landesgruppe Schleswig-Holstein der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin engagiert, Sudmann ist Landessprecher. Er verwies unter anderem auf die Telemedizin: „Auch ich habe schon unter Anleitung von Kollegen eine Behandlung gemacht, die nicht in mein eigentliches Fachgebiet fällt.“
Auch die SÜV´s sind Krankenhäuser
Staatssekretär Olaf Tauras (CDU) wies darauf hin, dass auch ein „sektorenübergreifender Versorger“ ein Krankenhaus bleibe, wenn auch ein kleines. Lösungen für die Nacht- und Wochenenddienste würden sich finden, versprach Tauras. Dazu würden Gespräche mit KV, Ärztekammer und den Akteuren vor Ort geführt. Dass es zurzeit noch schwierig sei, berichtete Manfred Uekermann. „Die Niedergelassenen auf Föhr sagen: Klar können wir auch am Sonntag einen Beinbruch schienen, aber es muss auch mit Ausgleich und Bezahlung passen.“
Regionalkonferenz im Nordosten
Die dritte Regionalkonferenz zur künftigen Klinikplanung fand in Schleswig statt. Landesgesundheitsministerin Prof. Kerstin von der Decken (CD) und ihr Team informierten u.a. darüber, dass die Klinikstandorte in Flensburg und Rendsburg zu Maximalversorgern hochgestuft werden. Überraschungen blieben bei dieser Konferenz aus. Die vorhandenen KLinikstandorte sollen bestehen bleiben. Was das im Detail für die einzelnen Leistungsgruppen bedeutet, steht allerdings noch nicht fest.
Landrat vermisst echte sektorenübergreifende Versorgung
Als Landrat von Nordfriesland ist Florian Lorenzen (CDU) auch für den Rettungsdienst zuständig. Dort seien zurzeit alle Stellen besetzt, es würden sogar neue geschaffen, berichtete er. Dennoch sieht auch er Probleme für die Spitzenzeiten im Sommer. Und er bedauert, dass auch die jetzige Reform das eigentliche Problem nicht anpacken würde. „Wie schaffen wir die echte sektorenübergreifende Versorgung, mit Klinik, Ärzten und Rettungsdienst? Wir sprechen seit Jahren darüber, aber das Gesetz sieht erneut keinen Weg dahin vor.“








