
Ambulant, aufsuchend und rund um die Uhr
Welche Veränderungen in der Notfall- und Rettungsmedizin stehen aus Ihrer Sicht an?
Mit der Notfallreform erwarten wir Veränderungen in der Notfall- und Rettungsmedizin, die es möglich machen, dass Rettungsdienste und Notfallaufnahmen sich wieder stärker auf ihre originären Aufgaben konzentrieren können. Gerade die niedrigprioritären Hilfeersuchen müssen verstärkt im ambulanten Bereich bearbeitet werden. Dazu gehört, dass es einen aufsuchenden Dienst des ambulanten Bereichs gibt, der rund um die Uhr vor allem diejenigen Patientinnen und Patienten aufsucht, die nicht in eine Arzt- oder Notfallpraxis kommen können. Hier wäre auch die Möglichkeit für den Rettungsdienst, fallabschließend behandeln zu können, eine sinnvolle Ergänzung. Die Aufnahme des Rettungsdienstes in das SGB V würde diesen von der reinen Transportleistung zu der medizinischen Versorgung aufwerten, die er heute schon ist. Zudem würde sie dazu beitragen, Fehlanreize zu reduzieren, da nicht mehr allein der Transport, sondern eben die Notfallbehandlung im Vordergrund stünde.
Wir sehen Veränderungen im Bereich der Krankenhauslandschaft entgegen, die zwangsläufig auch mit Auswirkungen auf den Rettungsdienst verbunden sein werden, nicht nur, weil die Wege zur Aufnahme nach einem Notfalleinsatz weiter werden, sondern auch, weil der Bedarf an Sekundärtransporten vermutlich steigen wird.
Wie sollten diese Veränderungen aus Sicht der Notärzte gesetzlich begleitet/ausgestaltet sein, was erwarten Sie vom Gesetzgeber?
Aus Sicht der Notärzte muss eine Veränderung im Bereich der Notfallversorgung ganzheitlich betrachtet werden und alle darin enthaltenen und davon betroffenen Bereiche einschließen. Veränderungen an der einen Stelle wirken sich auf die daran angrenzenden Bereiche aus und müssen von vornherein mitgedacht werden. Daher ist aus unserer Sicht zu wünschen, dass die rettungsdienstlichen und notärztlichen Gremien eng in den Gesetzgebungs- und Veränderungsprozess eingebunden werden.
„Aus Sicht der Notärzte muss eine Veränderung im Bereich der Notfallversorgung ganzheitlich betrachtet werden und alle darin enthaltenen und davon betroffenen Bereiche einschließen.“
Was passiert, wenn die Änderungen nicht in Angriff genommen werden?
Wenn die Änderungen nicht in Angriff genommen werden, bleibt dem Rettungsdienst nur ein „weiter so“. Dass das Mehr an Rettungsmitteln und Rettungswachen nicht die Lösung sein kann, zeigt sich schon heute unter anderem daran, dass der Fachkräftemangel beispielsweise im Bereich des Rettungsfachpersonals hier Grenzen setzt. Es droht einerseits ein Kollaps und andererseits durch die Vielzahl an Initiativen eine Heterogenität, die eine strukturierte und bundeseinheitliche Lösung erschweren wird.
Wie sehen Sie Schleswig-Holstein im Notdienst aktuell aufgestellt?
Schleswig-Holstein ist, gerade im Hinblick auf den Rettungsdienst, gut aufgestellt. Auch wenn wir hierzulande auch einen Fachkräftemangel spüren, haben wir in der letzten Zeit einige wichtige und wegweisende Projekte auf den Weg gebracht. Hier sei die zentrale Koordinierung von Luftrettung und Sekundärtransport genannt, die es ermöglicht, dass hochspezialisierte Disponentinnen und Disponenten den Kliniken als Anfordernden beratend zur Seite stehen und durch eine qualifizierte Rettungsmittelauswahl eine effiziente Ressourcennutzung ermöglichen. Wie gut das funktioniert und was es ansonsten an Verbesserungspotenzial im Bereich geben könnte, dazu haben wir in Schleswig-Holstein die Zentrale Stelle Rettungsdienst in den Startlöchern, die u.a. eine landesweite Analyse der rettungsdienstlichen Wirklichkeit machen soll. Mit inzwischen zwei 24-Stunden-Hubschraubern sind wir auch nachts in der Lage, Primäreinsätze zu Tracerdiagnosen gerade im ländlichen Raum zeitgerecht einer spezialisierten Klinik zuzuführen und haben damit als eines der wenigen Bundesländer eine gute nächtliche Abdeckung durch Luftrettung. Nicht zuletzt sind fast nur noch überregionale Leitstellen vorhanden, die mehrere Gebietskörperschaften abdecken und damit Versorgung vereinheitlichen und einen sinnvollen Mitteleinsatz möglich machen.
Wo sehen Sie Nachbarregionen besser aufgestellt?
Verbessern können wir uns sicher noch im Bereich Digitalisierung. Da sehen wir bei unseren dänischen Nachbarn, dass mit einer besseren Vernetzung der Bereiche ein besserer Datenaustausch möglich ist. Zudem gibt es in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen Projekte, in deren Rahmen der Rettungsdienst die klinischen Diagnosen rückgespiegelt bekommt und das als Chance zur Qualitätssicherung und -steigerung nutzen kann.
Vorbildlich ist dagegen, dass wir in Schleswig-Holstein bereits eine notärztliche Fortbildungspflicht haben, die wir uns in unserem Rettungsdienstgesetz erhalten müssen und die Vorbild sein kann für andere Länder.
Welchen Beitrag werden die notärztlichen Organisationen BAND und AGNN für die Veränderungen leisten?
dem Gesetzgebungsprozess durch Stellungnahmen und Gespräche zur Verfügung und begleiten ihn auf diese Weise. Zudem engagieren sie sich in der Fort- und Weiterbildung von Notärztinnen und Notärzten, um diese noch besser auf ihre Aufgaben vorzubereiten und für die zukünftigen fit zu machen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Er arbeitet in der Klinik, in der Luft und direkt am Unfallort – und immer geht es für Dr. Florian Reifferscheid um die Notfallmedizin. Was ihn antreibt und warum er außerdem auch noch in Fachgesellschaften für die Notfallmedizin im Einsatz ist, verrät der Kieler Oberarzt im Podcast.


