
Aidshilfe warnt: HIV-positive Patienten dürfen nicht ausgegrenzt werden
Angela Stelling ist Vorständin der Aidshilfe Neumünster und verfügt über langjährige Erfahrungen im Ehrenamt, ist auch Vorständin der Aidshilfe Schleswig-Holstein. Ihre Wahrnehmungen über den Umgang mit HIV-positiven Menschen sind wenig schmeichelhaft für die Gesellschaft allgemein und insbesondere für die Ärzteschaft.
Allgemein äußert sich das z.B. in Finanzierungsfragen. Die Arbeit der Aidshilfen im Norden ist nicht überall gesichert. In Neumünster hängt die weitere Existenz der Beratungsstelle von einer Förderzusage durch die Stadt ab – bislang steht diese aus. Ohne die kommunale Förderung würde die Aidshilfe auch die anderen erforderlichen öffentlichen Mittel nicht mehr erhalten – und die Arbeit der Neumünsteraner Stelle wäre gefährdet. Neben Neumünster unterhält die Aidshilfe in Schleswig-Holstein auch noch die Beratungsstellen in Kiel und Lübeck. Außerdem gibt es die Aids-Beratungsstelle der Diakonie in Flensburg.
Entstanden waren die Aidshilfen in größeren deutschen Städten mit dem Aufkommen von HIV in Deutschland zu Beginn der 1980iger Jahre, um Betroffenen zu helfen, fundiert zu informieren und Ausgrenzung entgegenzutreten. Nach und nach gründeten sich dann in vielen Städten und Regionen regionale Aidshilfen.
„Wir waren schon weiter."
Wenig Positives hören die hauptamtlichen Beraterinnen und Berater in ihren Gesprächen mit Betroffenen darüber, wie diese sich in Arztpraxen aufgehoben fühlen. Es gebe kaum Betroffene, die bei der Suche nach ärztlicher Behandlung keine Probleme hätten. Stelling fasste die Berichte der Betroffenen so zusammen: „Man geht heute mit den HIV-Positiven im Gesundheitswesen nicht besser um als vor 30 Jahren. Wir waren schon weiter.“
Grund für ihr hartes Urteil: HIV-positive Menschen berichten in den Beratungen mehrfach, dass sie keine Termine in Arztpraxen bekämen. Einen Hausarzt hätten die wenigsten, in aller Regel wenden sich die Betroffenen an die HIV-Ambulanzen. Die sind aber nicht für jede Erkrankung zuständig. Versuche, in anderen Praxen Termine zu bekommen, enden laut diesen Berichten oft ergebnislos. Auf Rückfragen der Betroffenen oder der Aidshilfe geben die Arztpraxen laut Stelling in aller Regel keine Auskunft. Dies kennen die Betroffenen laut Stelling aus zahlreichen Fachrichtungen, häufiger sei dies aus Zahnarztpraxen und aus gynäkologische Praxen zu hören.
„Das ist eine Stigmatisierung, unter der die Betroffenen extrem leiden“, sagte Stelling im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. Zugleich stellte sie klar, dass es in manchen Orten Praxen gebe, in denen HIV-positive Menschen behandelt würden. Dies sei aber nicht die Regel.
„Unter Therapie ist Aids nicht ansteckend.”
Über die Ursachen dieser beobachteten Ausgrenzung kann sie nur Vermutungen anstellen, etwa über mögliche Missverständnisse und Unwissenheit, woraus wiederum Ängste entstünden. Ein Beispiel dafür ist die Vermutung von Praxisinhabern, dass andere Patienten der eigenen Praxis fernbleiben könnten, wenn sie von HIV-positiven Patienten im Wartezimmer ausgehen. Stelling trat einer solchen möglichen Angst entschieden entgegen: „Unter Therapie ist Aids nicht ansteckend. Das sagen wir schon seit 2008!“
Deshalb hat sie auch kein Verständnis dafür, dass manche Fragebögen, die Patienten vor Behandlungen ausfüllen sollen, die Frage „Sind Sie HIV-positiv?“ noch immer enthalten. „Diese Frage ist nicht zulässig, man darf sie falsch beantworten“, sagt Stelling. Ihre Forderungen:
- Arztpraxen sollten diese Frage aus den Bögen streichen.
- Ärztinnen und Ärzte sollten Fortbildungen zum Thema HIV nutzen.
- Ärztinnen und Ärzte sollten aufgeschlossen für die Betroffenen sein und HIV-Positive genauso behandeln wie Menschen mit anderen Erkrankungen.
Sie gibt zudem zu bedenken, dass auch Frauen und Kinder betroffen seien und bei HIV-positiven Menschen kein Rückschluss auf deren Vorleben oder Milieu gezogen werden sollte. Auch die Aidshilfe Schleswig-Holstein verweist auf ihrer Website auf bestehende Defizite im Umgang mit HIV-positiven Menschen. „Noch haben, auch in Deutschland, nicht alle Menschen, die es zum Überleben brauchen, Zugang zur Behandlung und zu HIV-Medikamenten. Solange dies so ist, werden wir uns aktiv politisch für den Zugang für alle einsetzen“, heißt es dort.
Probleme in der Gynäkologie nicht bekannt
Der Landesverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte Schleswig-Holstein kann den Eindruck, den Stelling gewonnen hat, nicht teilen. Die Landesvorsitzende Susanne Bechert verwies auf Nachfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes u.a. darauf, dass das Thema HIV in Fortbildungen aufgenommen sei, u.a. stand es beim Gynäkologentag 2025 in Rendsburg mit dem Titel „Lebensrealitäten in Schleswig-Holstein, HIV, HCV, STIs“ auf dem Programm - als Beitrag der Kieler Aidshilfe. In diesem Rahmen seien Vorbehalte von Ärztinnen und Ärzte gegenüber einer Behandlung von HIV-positiven Menschen nicht angesprochen worden. „Wenn jedoch Betroffene diese Erfahrungen machen, wäre hier Handlungsbedarf“, sagte Bechert.
Bechert ist nicht bekannt, dass die von Stelling kritisierte Frage nach HIV noch auf Fragebögen vorab erhoben wird. In den Praxen, in denen sie gearbeitet habe, sei dies nicht der Fall gewesen. Auf die Frage, was HIV-positive Menschen tun könnten, um einen gynäkologischen Termin zu bekommen, stellte Bechert klar: „HIV-positive Menschen können ganz normal Termine in gynäkologischen Praxen buchen. Mir sind solche Vorbehalte bisher nicht bekannt geworden. Als Ärztinnen und Ärzte sollten wir alle Patientinnen ohne Vorbehalt gleich behandeln.“
Mit mehr Aufklärung gegen Stigmatisierung
Sie verwies darauf, dass Vorerkrankungen normalerweise nicht bei der Terminvergabe, sondern erst im Anamnesegespräch im Sprechzimmer besprochen würden. Bechert: „Wir haben durchaus HIV-positive Menschen in den gynäkologischen Praxen, auch wenn es doch insgesamt sehr selten vorkommt.“
Um der von den Betroffenen empfundenen Stigmatisierung entgegen zu wirken, hält Bechert Aufklärung der Ärztinnen, Ärzte und des medizinischen Personals für sinnvoll - „was ja schon passiert.“ Auch in der allgemeinen Bevölkerung sei Aufklärung über die Erkrankung und die Infektionswege sinnvoll, z.B. über ein Plakat der Aidshilfe im Wartezimmer.
Hoffen auf die nächste Generation
Stelling hat sich nach ihrem langen ehrenamtlichen Engagement über die mit der Einladung ins Bellevue verbundene Wertschätzung gefreut. Sie glaubt inzwischen aber nicht mehr, dass sich die Situation für Betroffene kurzfristig verbessern wird. Ihre Hoffnung: „Die nächste Generation wird es besser machen.“





