abstraktes Darstellung eines Netzwerkes
©AdobeStock vegefox
©AdobeStock vegefox

Ärztenetze: Nutzen nicht nur für Mitglieder

Praxisnetze sind in Schleswig-Holstein in die Diskussion geraten. Stein des Anstoßes ist die Förderung über den Strukturfonds der KVSH – damit zahlen alle niedergelassenen Ärzte für Strukturen, in denen nur 20 Prozent der Ärzteschaft organisiert sind. Befürworter dagegen verweisen auf den Nutzen auch für die Nicht-Mitglieder, für die Versorgung und für das Krisenmanagement.

Eike Ina Lamberty

Seit 2013 können sich zertifizierte Praxisnetze durch die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein anerkennen und fördern lassen. Seitdem flossen nach Angaben der KVSH rund zehn Millionen Euro an die mittlerweile zwölf zertifizierten Netze im Land. „Diese Summe setzt sich zusammen aus knapp sieben Millionen Euro, die direkt an die Netze geflossen sind, plus annähernd drei Millionen Euro an individuellen Förderungen an bei uns gemeldete Ärzte beziehungsweise Mitglieder, die in Netzen tätig sind“, schreibt KV-Pressesprecher Nikolaus Schmidt auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatts. 

40.000 Euro pro Jahr und Netz möglich
In der aktuell gültigen Fassung des Strukturfonds ist geregelt, dass die KVSH 0,2 Prozent der Gesamtvergütung in den Fonds zahlt. Die gesetzlichen Krankenkassen müssen Mittel in derselben Höhe zur Verfügung stellen, auch das ist in der Präambel des Strukturfonds geregelt. Für die Praxen bedeutet das konkret: Anerkannte Netze können pro Jahr jeweils 40.000 Euro aus dem Strukturfonds bekommen. Diese Mittel sollen laut Punkt sechs des Strukturfonds ausdrücklich für „Maßnahmen zum Aufbau und Unterhalt effizienter Strukturen“ genutzt werden. 

Hausarzt Björn Steffensen, Kopfportrait eines etwa 65-jährigen Mannes mit Brille, lächelnd.
©privat

„Es ist nicht mehr zeitgemäß, dass alle KVSH-Mitglieder die Ärztenetze über den Strukturfonds finanzieren, aber nur ein Teil profitiert.“ 
 

Björn Steffensen

Was die Kritiker stört: Zurzeit zahlen 100 Prozent der Niedergelassenen in einen Fonds ein, von dem nur diejenigen profitieren, die in einem Netz organisiert sind. Nach Angaben der KVSH sind das aktuell rund 20 Prozent. Diese solidarische Finanzierung der Netzförderung ist in der Ärzteschaft seit längerem umstritten. Als die Förderung der Netze im vergangenen Herbst verstärkt projektbezogen und damit faktisch erheblich gekürzt und 2028 komplett gestrichen werden sollte, verschärfte sich die Diskussion. Nach langer Debatte beschlossen die Delegierten im November 2025 in der Abgeordnetenversammlung der KVSH schließlich, die Förderung doch nicht zu streichen, aber sie ab 2027 zu halbieren.

Allgemeinmediziner Björn Steffensen aus Nordfriesland zählt zu den Kritikern des solidarischen Finanzierungsmodells. Er habe nichts gegen die Netze, dafür fehle ihm die Erfahrung damit. Seine Kritik richte sich allein gegen die Finanzierung: „Es ist nicht mehr zeitgemäß, dass alle KVSH-Mitglieder über den Strukturfonds die Ärztenetze finanzieren, aber nur ein Teil von ihnen davon profitiert“, sagte er auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes. Mit dem gefundenen Kompromiss, der Halbierung der Förderung, solle man „im Sinne des innerärztlichen Friedens“ zufrieden sein, sagte Steffensen. 

„Wegfall der Förderung gefährdet Strukturen”
Befürworterinnen der Netze wie die Internistin Anne Schluck, Vorsitzende des Ärztenetzes Eutin-Malente (ÄNEM), widersprechen und verweisen auf die Folgen. Bleibe es dabei, müsse zumindest ihr Netz ab 2027 an die Reserven gehen, der Fortbestand der langjährig aufgebauten Strukturen sei gefährdet, sagte sie im Interview mit dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt: „Wir freuen uns natürlich, dass die Förderung nicht komplett wegfällt, werden aber unsere Arbeit so nicht längerfristig fortführen können, wenn wir keine andere Lösung für die Netzfinanzierung finden.“ 
 

Hausarzt Burkhard Sawade, Kopfportrait eines etwa 60-jährigen lächelnden Mannes mit Halbglatze und Vollbart
© privat

„Ich halte die Arbeit der Praxisnetze hier in Schleswig-Holstein für unverzichtbar.“

Burkhard Sawade

Anders als von der KVSH und den Kritikern dargestellt, profitierten auch Nichtmitglieder von den Netzstrukturen, so Schluck. So sei es beispielsweise leichter, einen Praxisnachfolger gerade auf dem Land zu finden, wenn durch Praxisnetze in der Region bereits kooperative und unterstützende Strukturen bestünden. „Davon profitiert auch derjenige, der altershalber die Praxis abgeben will – unabhängig davon, ob er selbst Netzmitglied ist“, sagte Schluck. Eine solidarische Förderung gebe es auch bei der ärztlichen Weiterbildung. „Die Frage ist doch immer, ob unterm Strich nicht alle vom Gesamtergebnis profitieren.“

Aktive Nachwuchsgewinnung auf dem Land
Auch der Meldorfer Hausarzt Burkhard Sawade, als Gründungsmitglied und Vorstandssprecher des Medizinischen Qualitätsnetzes Westküste (MQW) einer der Pioniere der Netze im Norden, zählt die Gewinnung von Nachwuchs für die landärztliche Versorgung zu den wesentlichen Vorteilen der Strukturen. Dass sich der Leerstand von Praxen in Dithmarschen in Grenzen hält, führt er nicht zuletzt auf die aktive Arbeit des MQW zurück. „Studenten an die Küste“ und „Landgang Dithmarschen“ heißen die entsprechenden Projekte. „Gerade junge Kolleginnen und Kollegen suchen den Weg ins Netz, um sich ähnlich wie in Kliniken kollegial auszutauschen.“

Wie Schluck unterstreicht auch Sawade die Bedeutung etablierter Netzstrukturen darüber hinaus für die Gewährleistung der medizinischen Versorgung im Katastrophenfall, für eine qualitätsgesicherte Fort- und Weiterbildung und das intensive kollegiale Miteinander. Das alles stelle eine schnelle haus- oder fachärztliche Versorgung der Patienten auf dem „kurzen Dienstweg“ sicher. Er verwies auf zahlreiche regelmäßige Projekte des Qualitätsnetzes Westküste wie z.B. den jährlichen Fortbildungstag, das Cardio-Update mit der Herzklinik des Westküstenklinikums, Patientenfortbildung, MFA-Weiterbildung zur Hygienefachkraft und eine intensive Qualitätszirkelarbeit für Ärztinnen und Ärzte. „Ich halte die Arbeit der Praxisnetze hier im Lande für unverzichtbar, auch im Sinne der Sicherstellung der ambulanten ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung in Schleswig-Holstein“, sagte er.
 

Direkter Draht erleichtert den Alltag
Der Lübecker Allgemeinmediziner Dr. Sven Soecknick, Vorsitzender des Lübecker Ärztenetzes (LÄN), unterstreicht die zentrale Bedeutung des direkten Drahts innerhalb der lokalen Ärzteschaft: „Meines Erachtens ist das ,sich persönlich kennen’ ein sehr wichtiger Schritt, um vertrauensvoll im Sinne der Patienten zusammenzuarbeiten“, sagte er. Bevor er das LÄN vor mehr als 15 Jahren gemeinsam mit mehr als 100 Kolleginnen und Kollegen gegründet habe, habe er immer eine „mangelnde Zusammenarbeit im Sinne der Patienten dahingehend wahrgenommen, dass alle Kolleginnen und Kollegen im täglichen Allerlei eine hervorragende Versorgung erbringen, aber geringe Kenntnis des Arztes oder der Ärztin in anderen Stadtteilen hat“. 

Von „Pillenselfie” bis Telemedizin
Auch der Alt-Duvenstedter Hausarzt Dr. Hendrik Schönbohm, seit 2004 Mitglied in der Medizinischen Qualitätsgemeinschaft Rendsburg (MQR), Deutschlands ältestem Ärztenetz, hebt die pragmatische, kollegiale Zusammenarbeit im MQR hervor. „Es gab keine Berührungsängste im Austausch von Ideen und Tipps. Die gute Versorgung von Patienten stand immer im Vordergrund.“ Vorteile für die Versorgung in der Region sieht er darüber hinaus in den vielen Projekten des MQR. Das Netz initiierte unter anderem die Kampagne „Pillenselfie“, bei der Patienten ihre Medikamente mit dem Handy fotografieren und so ihre Medikation immer zuverlässig zur Hand haben. Oder das Projekt Telav, die telemedizinische Überwachung von Patienten mit COPD oder Asthma. In Planung sei es, interessierten Praxen eine Wundmanagerin zur Verfügung zu stellen und darüber mit den Krankenkassen einen Versorgungsvertrag abzuschließen. Auch über die Gestaltung neuer Versorgungspfade und eine noch bessere Zusammenarbeit mit der Schön Klinik Rendsburg mache man sich im Rendsburger Praxisnetz Gedanken.

Der Arzt Dr. Hendrik Schönbohm, Kopfportrait eines ernsten Mannes mit Stirnglatze, Brille und formal gekleidet
Hendrik-Schoenbohm

„Es gab im MQR keine Berührungsängste beim Austausch von Ideen und Tipps.“

Dr. Hendrik Schönbohm

Solche regional ganz unterschiedlichen Versorgungsprojekte und -initiativen sind typisch für die Praxisnetze. Die Befürworter zählen diese Projekte zu den Pluspunkten der vernetzten Struktur, die es ohne stabil finanzierte Netze nicht in dieser Vielfalt geben könne. Denn diese Projektarbeit koste Zeit, die die niedergelassenen Ärzte nicht neben ihrer Praxistätigkeit leisten könnten. Dafür brauche es eine hauptamtliche Geschäftsführung wie sie durch die Bedingungen für die Anerkennung als zertifiziertes Praxisnetz zwingend vorgeschrieben ist.

Professionalisierung der Zusammenarbeit
Die Geschäftsführung stößt Projekte an und betreut diese, schreibt Förderanträge, beruft Versammlungen ein, vernetzt Kooperationspartner, verantwortet Buchhaltung und Mitgliederverwaltung. Damit kann sie den Netzmitgliedern den Rücken freihalten, sodass Raum für gemeinsame Ideen entsteht. Das könne eine Einzelpraxis nicht in diesem Umfang leisten, sagt Internistin Schluck. Wie sie, beschreiben alle befragten Netzärztinnen und -ärzte eine professionelle Geschäftsführung als Gewinn.

Neuer Schwung für Ärztenetze

Ein Dachverband der Ärztenetze? Den gibt es in Schleswig-Holstein seit Jahren. Im Podcast des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes berichten Geschäftsführerin Anne Osterkamp und Ärztin Anne Schluck aus dem ärztlichen Beirat, was sie planen, damit der Verband den Netzen noch mehr Unterstützung bieten kann.

00:00 / 00:00

Das MQR zählt zu den Netzen, deren Geschäfte von hauptamtlichen Kräften der Ärztegenossenschaft Nord (äg Nord) geführt werden. Deren Vorsitzender Dr. Svante Gehring warnt vor einem Wegbrechen der Praxisnetze. Die äg Nord sehe das Gesundheitssystem in Deutschland an einem Kipppunkt. „Entweder es gelingen uns zeitnah die überfälligen Strukturreformen und die Absicherung der Sozialversicherungssysteme oder eine sachgerechte gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung ist nicht mehr gewährleistet“, schreibt er auf Anfrage des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatts. 

Netze als Schnittstellen zu anderen Gesundheitsberufen
Wenn nicht alle Beteiligten vernetzter arbeiteten, also z. B. Mehrfachuntersuchungen und Fehlzuweisungen vermieden, ließen sich finanzielle Engpässe, ausscheidende Babyboomer und fehlende Fachkräfte nicht kompensieren. Hier könnten Praxisnetze, die Gehring zufolge „kooperatives Arbeiten in ihren Genen tragen“, zu einer wichtigen Schnittstelle zwischen ambulant und stationär sowie zu anderen Gesundheitsberufen in der Region werden. Die solidarische Finanzierung durch die gesamte Ärzteschaft sei sinnvoll, weil über den Strukturfonds vieles gefördert werde, von dem nur einzelne Ärztinnen und Ärzte profitierten, das aber dennoch der Sicherstellung der Versorgung diene. „Praxisnetze sind Leistungserbringer nach SGB V und dienen der Sicherstellung, haben aber nur wenige Instrumente, um sich selbst zu tragen.“ Genau dafür – für die solidarische Unterstützung sinnvoller Strukturen – sei ein Strukturfonds ja da. „Wer Netze finanziert, hilft sich auch selbst, sorgt für Entlastung, kollegialen Austausch, Informationsvermittlung und Ideen, für Fortbildung und vielleicht auch für eine Unterstützung in der eigenen Praxis bis hin zur Nachfolgeregelung.“

Dr. Svante Gehring, Brustportrait eines schlanken, mittelalten Mannes, lächelnd, grauhaarig, in Hemd und Blazer.
Dr. Svante Gehring ©AEGNORD

„Wer Netze finanziert, hilft sich auch selbst – bis hin zur Regelung der Nachfolge.“

Dr. Svante Gehring

Um die höhere Behandlungsqualität in Regionen mit Netzen mit harten Fakten zu untermauern, wünscht Gehring sich den Netzmonitor der KVSH zurück. In diesem Monitor wurden ausgewählte Strukturdaten anerkannter Netze zusammengestellt. KVSH-Sprecher Schmidt schreibt dazu: „Der Netzmonitor bleibt in seiner jetzigen Form abgeschaltet.“ Er begründet das mit Sicherheitsbedenken der IT und mangelnder Nachfrage. Die fraglichen Strukturdaten würden allerdings weiterhin gesammelt und an die Kassenärztliche Bundesvereinigung gesendet. Dort könnten sie abgerufen werden.

Neues Forschungsprojekt evaluiert Netznutzen
Der systematischen Untersuchung, Evaluation und Weiterentwicklung von Netzen widmet sich das neue Forschungsprojekt „ReGen – regionale Gesundheitsnetze evaluieren und weiterentwickeln“ unter Federführung der TU München. Beteiligt sind unter anderem die KVSH und die AOK Nordwest. Mithilfe der Daten sollen regionale Versorgungsstrukturen besser vergleichbar und transparenter gemacht werden. Im Mittelpunkt stehe die Frage, wie eine vernetzte, koordinierte und patientenzentrierte Versorgung gelinge, heißt es dazu in einer Pressemitteilung der AOK Nordwest. 

Ähnliche Beiträge
Junger Mann im dunklen Sacko und weißem Hemd schaut frontal in die Kamera.
Dr. Friedrich A. von Samson-Himmelstjerna © privat
17.04.2026

Derzeit ist die Organspende nach dem irreversiblen Hirnfunktionsausfall die einzige rechtlich…

Mit Audio-beitrag
Mann im weißen Hemd sitzt an einem Tisch, hat die Arme aufgestützt und schaut im Gespräch ch links.
Prof. Henrik Herrmann © Jörg Wohlfromm
16.04.2026

Die Praxisnetze in Schleswig-Holstein sind zuletzt in die Diskussion geraten, weil die finanzielle…

placeholder
15.04.2026

Die jetzt von Gesundheitsministerin Nina Warken vorgestellten Sparvorschläge der Expertenkommission…

Mann mit Brille und im dunklen Jackett und blauen Hemd lächelt in die Kamera.
Prof. Thomas Drabinski © IfMDA
15.04.2026

66 Maßnahmen umfassen die Vorschläge der Finanzkommission zu möglichen Einsparungen im…

Kopfportrait eines weißhaarigen Arztes im weißen Poloshirt vor einer roten Ziegelmauer
Dr. Martin Willkomm ©Krankenhaus Geesthacht
14.04.2026

Das privatisierte Krankenhaus Geesthacht musste wie berichtet aus wirtschaftlichen Gründen einen…

Man in Rettungskleidung löscht einen brennenden Wagen.
Brandschutzübung für Klinikpersonal am Klinikum Husum © Delia Maassen
13.04.2026

Krankenhäuser gehören zur kritischen Infrastruktur und müssen auf unterschiedliche Krisen…