Mann mit dunklen Haaren trägt einen weißen Arztkittel und en weißes Hemd. Er schaut direkt in die Kamera.
Prof. Bernhard Schwaab © privat
Prof. Bernhard Schwaab © privat

20 Jahre Kardio-Diabetologie in Timmendorfer Strand

Fachgrenzen überwinden, interdisziplinär arbeiten, Prävention stärken: Für Kardiologe Prof. Bernhard Schwaab und Diabetologe Prof. Morten Schütt ist all das seit 20 Jahren selbstverständlich. Eine von ihnen initiierte gemeinsame Fortbildung zeigt, welche Vorteile daraus entstehen können.

Dirk Schnack

Nach über zehn Jahren in der universitären Kardiologie wagte PD Dr. Bernhard Schwaab im Jahr 2001 einen Perspektivwechsel und ging in die kardiologische Rehabilitation, in die Curschmann Klinik in Timmendorfer Strand. Prof. Morten Schütt arbeitet zeitgleich im Bereich Diabetologie/Endokrinologie des UKSH, Campus Lübeck. Unabhängig voneinander hatten beide den Wunsch, in ihren jeweiligen Teilgebieten Kardiologie und Diabetologie, den Lebensstil im Rahmen einer ganzheitlichen Therapie in die tägliche Behandlung stärker einzubeziehen. 

Damals noch keine gemeinsamen Leitlinien
Zum damaligen Zeitpunkt war dies alles andere als selbstverständlich. Gemeinsame Leitlinien der kardiologischen und diabetologischen Fachgesellschaften gab es weder in Deutschland noch international. Stattdessen galt: In der Kardiologie wurden hohe Blutzuckerwerte gern mit noch höheren Insulindosen „behandelt“, während in der Diabetologie die Therapie allein auf HbA1c-Werte zielte. Große Studien endeten zumeist frustran, da das Absenken von HbA1c-Werten durch intensive Therapiemaßnahmen keine signifikanten Effekte auf kardiovaskuläre Endpunkte ergab. 

Start 2002 mit dem „Timmendorfer Ärztegespräch“
 Das sollte sich ändern. 2002 lud Schwaab zum ersten „Timmendorfer Ärztegespräch“ ein – mit Fokus auf den Einfluss des Lebensstils bei koronarer Herzerkrankung. Drei Jahre später zog Schütt nach und startete am gleichen Ort den ersten Diabetes-Workshop zur Bedeutung nicht-medikamentöser Therapieansätze beim Typ 2 Diabetes. Zwei Veranstaltungen, getragen von einer gemeinsamen Überzeugung: Patienten mit Stoffwechselerkrankungen und Arteriosklerose profitieren am meisten, wenn man über Fachgrenzen hinweg zusammenarbeitet.

Klare medizinische Vision
Was als zwei parallele Initiativen begann, entwickelte sich dank gegenseitiger Wertschätzung und einer klaren medizinischen Vision zu einer festen Größe: einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe. Am 25. Januar 2006 fiel der Startschuss für „Kardio-Diabetologie in Timmendorfer Strand“. 20 Jahre später, am 25. Februar 2026, wurde dieses Jubiläum gefeiert – mit nur zwei kleinen „Zwangspausen“ während der Covid-Pandemie.

Zertifikat entwickelt
Aus dieser interdisziplinären Zusammenarbeit entstand mehr: Gemeinsam mit nationalen Fachgesellschaften entwickelten Schütt und Schwaab das Zertifikat „Reha-Klinik für den herzkranken Diabetiker“. Was damals noch neu war, ist heute Standard: Kardiologische Fachgesellschaften empfehlen konsequentes Diabetes-Screening bei KHK-Patienten – und umgekehrt gehört auch das Screening auf Arteriosklerose längst zu den Leitlinien für Menschen mit Diabetes.

Kardiologen müssen über das Herz hinausschauen
Moderne Medizin denkt vernetzt: „Das CKM-Syndrom (Cardiovascular-Kidney-Metabolic) bringt Herz, Nieren und Stoffwechsel als zusammenhängendes System auf den Punkt“, erläuterte Schwaab im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. Für die Kardiologie heißt das, über das Herz hinauszuschauen – etwa auf periphere Gefäße, wo ein niedriger Knöchel-Arm-Index (ABI) wichtige Prognosehinweise liefert. Auch Nierenfunktion und Proteinurie sind entscheidend für Verlauf und Prognose. Selbst die Leber spielt mit: Eine sonographisch auffällige Gewebestruktur kann früh auf Risiken hinweisen. 
 

Mann in mittleren Jahren, mit dunklen Haaren und im weißen Hemd, stützt sich im Sitzen nach vorn und schaut zur Seite.
Prof. Morten Schütt © privat

„Dabei besteht wahrlich kein Mangel an Evidenz, aber ein massives Umsetzungsproblem. Auch daran können wir nur gemeinsam ansetzen.“

Prof. Morten Schütt

Lebensstilinterventionen wirken sich positiv aus
„Egal ob Kardiologie, Diabetologie oder Nephrologie – am Ende treffen sich alle am Endothel“, sagte Schwaab. Für Patienten sei eine frühe Zusammenarbeit der Fachrichtungen klar ein Vorteil. Ebenfalls gemeinsam ist allen unterschiedlichen primären Manifestationsformen, KHK, pAVK, Diabetes, Niereninsuffizienz, Steatosis Hepatis, dass sich Lebensstilmaßnahmen auf den Verlauf der endothelialen Systemerkrankung absolut positiv auswirken. Dieses nicht-pharmakologische Potenzial wird aktuell trotz hoher Evidenz noch viel zu wenig genutzt (siehe DÄB 04/2026). „Dabei besteht wahrlich kein Mangel an Evidenz, aber ein massives Umsetzungsproblem. Auch daran können wir nur gemeinsam ansetzen“, sagt Schütt.  

Frühzeitige Identifikation von Menschen mit erhöhtem Risiko
Ziel der kardiovaskulären Prävention ist es, Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall zu verhindern oder möglichst lange hinauszuzögern. Als wesentlich für den Erfolg dieser Maßnahmen nennt Schütt die frühzeitige Identifikation von Menschen mit erhöhtem Risiko. Das von ihm ausgewählte Fallbeispiel im Kasten (am Ende des Textes) demonstriert, dass das Ignorieren eines solchen Risikoprofils und damit das Vorenthalten entsprechender Therapien mit schwerwiegenden Komplikationen einhergehen kann. Menschen mit einem erhöhten Risiko (u.a. Familienanamnese, Adipositas mit Organ- und viszeraler Fettverteilung, arterieller Hypertonie, LDL-Cholesterinerhöhung) sollten bei unauffälligen Befunden für Nüchternglukose und HbA1c-Wert durch einen oralen Glukosetoleranztest untersucht werden. 

Kardiologische Routineuntersuchungen sollten selbstverständlich sein
„Das Vorliegen eines manifesten Diabetes mellitus kann auf diese Weise deutlich früher erkannt und im Rahmen von Lebensstil-Maßnahmen plus pharmakologischer Therapie ganzheitlich behandelt werden“, so Schütt. Regelmäßige kardiologische Routineuntersuchungen sollten selbstverständlich sein und bei Nachweis kardiovaskulärer Schäden mit einer weiteren Intensivierung der Behandlungsziele und Maßnahmen einhergehen. Trotz erheblicher Fortschritte in den letzten Jahren halten Schwaab und Schütt das Thema Kardio-Diabetologie vor allem aus volkswirtschaftlicher Sicht für hochbrisant. Sie fordern politischen Willen, der eine Optimierung von Lebensstil-Verhältnissen unterstützt, um auf diese Weise ein gesünderes Verhalten zu begünstigen. 

Fallbeispiel
Eine 54-jährige Frau kommt mit dem Rettungsdienst bei V.a. akutes Koronarsyndrom in die Notaufnahme. Anamnese und klinische Daten: familiär erhöhtes Risiko (Vater Myokardinfarkt mit 51 Jahren), Hypertonie (behandelt), LDL-Cholesterin 152 mg/dl (3,93 mmol/l; unbehandelt), BMI 34 kg/m2 / Taillenumfang 102 cm / Steatosis hepatis, im Routinelabor kein manifester Diabetes (HbA1c 6,2 % (44 mmol/mol Hb) / Nüchternglukose 109 mg/dl), kein Nikotinabusus, keine kardiologische Voruntersuchung. Aktuelle Diagnose NSTEMI, in der Koronarangiographie diffuse Mehrgefäßerkrankung mit grenzwertiger Hauptstammstenose, 2-fach PCI (perkutane Koronarintervention) und DES (Drug-Eluting / medikamentenbeschichteter Stent) der LAD (Left Anterior Descending; Hauptast der linken Koronararterie), normale systolische LV-Funktion, kein relevantes Vitium, Nachweis von HFpEF (Heart Failure with preserved Ejection Fraction; Herzschwäche mit erhaltener Pumpfunktion). Während der kardiologischen Anschlussrehabilitation erfolgt ein oraler Glukosetoleranztest: Nüchternglukose 112 mg/dl, 2-Stundenglukose 217 mg/dl, Diagnose manifester Diabetes mellitus.  

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