Lebhaft und kontrovers wurde über die Arbeitsbelastung der Klinikärzte beim Parlamentarischen Abend des Marburger Bundes Schleswig-Holstein diskutiert. Weitgehend einig waren sich alle Seiten dennoch in ihren Therapievorschlägen für die stationäre Versorgung.

Die Probleme im Arbeitsalltag des ärztlichen Personals sind laut Michael Wessendorf, dem Landesvorsitzenden der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, seit Jahren bekannt: Arbeitsbelastung, schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Dienstpläne mit dürftiger Verbindlichkeit.
Kurz vor dem Parlamentarischen Abend im Kieler Wissenschaftszentrum bekräftigte eine Ad-hoc-Umfrage des Marburger Bundes diese Diagnose. Demnach gaben 53 % der befragten Ärztinnen und Ärzte aus privat betriebenen Krankenhäusern an, dass im vergangenen Jahr in ihrer Abteilung Stellen abgebaut worden seien – überwiegend, indem offene Stellen nicht wieder besetzt wurden. Aus den kommunalen Krankenhäusern äußerten sich 35 % entsprechend und aus den Unikliniken 25 %.

Kerstin Ganskopf, Nord-Sprecherin im Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands, äußerte an diesen Zahlen allerdings erhebliche Zweifel und warnte vor Stimmungsmache mit mehr oder weniger gefühlten Zahlen. Für das Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) in Neumünster, wo sie als Geschäftsführerin Verantwortung trägt, trifft die Umfrage laut Ganskopf jedenfalls nicht zu. 59 Abgängen im vergangenen Jahr stünden demnach 69 Zugänge gegenüber, auch nach Arbeitszeiten sei in Neumünster ein leichter Aufwuchs zu verbuchen, betonte die Verwaltungschefin, deren Haus gut 320 ärztliche Beschäftigte zählt. Von der Sache her hält Kerstin Ganskopf einen Personalabbau ohnehin für unsinnig, wie sie betonte. „Ich wäre doch dumm, wenn ich bei diesem chronischen Mangel an Fachkräften nicht alles tun würde, um die Leute zu halten“, rief sie aus. Ihre Haltung unterstützte einen Tag später der 6K-Klinikverbund in einer Pressemitteilung. „Im 6K-Klinikverbund wurden und werden keine Stellen im ärztlichen Bereich abgebaut“, betonte Dr. Roland Ventzke. Er ist Vorstandsvorsitzender des kommunalen Klinikverbundes, dem das Städtische Krankenhaus Kiel, das FEK, die imland Kliniken in Rendsburg und Eckernförde, die Westküstenkliniken in Heide und Brunsbüttel, das Klinikum Itzehoe und das Klinikum Bad Bramstedt angehören. Ventzke ist Geschäftsführer des Kieler Krankenhauses.
Angesichts vieler Übereinstimmungen in anderen wesentlichen Punkten glätteten sich die Wogen auf dem Parlamentarischen Abend aber schnell. Allgemeines Unbehagen machte sich vor allem über die 2005 eingeführten DRG-Fallpauschalen breit. „Wir brauchen eine neue Finanzierung“, forderte nicht nur Dr. Susanne Johna, die Bundesvorsitzende des Marburger Bundes. Nötig sei ein „relevanter Teil“, mithin mindestens ein Drittel des Gesamtbudgets, der als Vorhaltekosten unabhängig von der Zahl an Behandelten erstattet wird. Das, so glaubt die Ärztin, würde auch dazu führen, dass Kliniken weniger Angebote in Bereichen machen, „wo es andere besser können“.

Landesgesundheitsminister Dr. rer. pol. Heiner Garg (FDP) sieht ebenfalls problematische Fehlanreize durch das DRG-System. Eine Basisfinanzierung könne der „Flucht in die Mengenkomponente“ entgegenwirken und sei für die Landesregierung unstrittig eine notwendige Sache. Feste Sockelbeträge soll es demnach sowohl für die Investitionen als auch fürs ärztliche Personal der Krankenhäuser geben. Froh ist Garg darüber, dass sich das Kieler Modell „eins zu eins“ im Koalitionsvertrag der Berliner Ampel wiederfindet. Etwas verhalten nimmt sich sein Optimismus aber aus, weil sich zunächst ein Arbeitskreis des Themas annehmen soll: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Um- und Durchsetzungsproblem.“
Dass dies für den Berufsalltag erhebliche Konsequenzen hat, berichteten übereinstimmend die Ärzte Julian Boos und PD Dr. Martin Nitschke. „Viele Kollegen entziehen sich dem Druck und reduzieren ihre Arbeitszeit oder verlassen die Klinik ganz“, berichtete Boos, der als Arzt in Weiterbildung im FEK noch am Anfang seiner Laufbahn steht. Genau das erlebt auch Nitschke, Stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik I am Universitätsklinikum in Lübeck. Nach seiner Erfahrung ist inzwischen „alles auf Kante genäht“, kurzfristige Personalausfälle seien nur noch durch Mehrarbeit der verbleibenden Kräfte auszugleichen.
Solidarisch mit dem Marburger Bund zeigte sich an diesem Abend die Landespolitik. Dr. Marret Bohn (Grüne) bezeichnete es als „bitter, dass nach all den Jahren immer noch eine Menge kluger Leute damit beschäftigt sind, den Mangel zu verwalten“. Bernd Heinemann (SPD) zeigte sich empört darüber, dass Konzerne wie Helios oder Fresenius zum Teil hohe Dividenden ausschütten, „die nur auf Kosten des Personals und der Patienten erwirtschaftet werden können“.
Ob, wie von Heinemann ins Gespräch gebracht, eine Re-Kommunalisierung von Krankenhäusern dem entgegenwirken könnte, daran äußerte sein CDU-Kollege Hans Hinrich Neve allerdings Zweifel. Dennys Bornhöft von der FDP, der als einziger aus der Riege der gesundheitspolitischen Sprecher erneut für den Landtag kandidierte, zeigte sich in dieser Hinsicht zwar offen, verwies aber auf ein entscheidendes Hemmnis: „Es finden sich keine Kommunen, die bereit sind, ein Krankenhaus zu übernehmen.“
Das wiederum hängt nach übereinstimmender Überzeugung der Runde damit zusammen, dass die Kliniken unabhängig von der jeweiligen Trägerschaft wirtschaftlich vielfach mit dem Rücken zur Wand stehen. Nötig seien die von Schleswig-Holstein geforderte Finanzierungsreform und – wie Hans Hinrich Neve hervorhob – tätige Solidarität aus Berlin: „Der Bund muss mithelfen.“
 

Text: Martin Geist
Foto: Michael Jessen