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Wer Warnung missachtet ...

Dr. Franz-Joseph BartmannDr. Franz-Joseph BartmannWer Warnung missachtet ...

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

am 16. Februar hat der Marburger Bund die Ergebnisse seiner letztjährigen Umfrage zur Berufszufriedenheit von Ärztinnen und Ärzten an Deutschlands Krankenhäusern veröffentlicht.

Die größte Überraschung war dabei die enorme Diskrepanz hinsichtlich unbesetzter Arztstellen zu einer Befragung von 450 Krankenhausträgern wenige Monate zuvor. War diese auf 5.500 unbesetzte Stellen im ärztlichen Dienst gekommen, liegt die hochgerechnete Zahl aus der MB-Befragung mit 12.000 mehr als doppelt so hoch.

In unmittelbarem Zusammenhang damit stehen die Klagen über die Arbeitsbelastung und Arbeitsverdichtung nicht zuletzt in Verbindung mit dem unzumutbar hohen bürokratischen Aufwand. Dieser ist seit 2007 zwar leicht rückläufig, mit durchschnittlich zwei Stunden am Tag aber immer noch viel zu hoch.

Insgesamt ist die Arbeits- und Berufszufriedenheit tendenziell höher als drei Jahre zuvor. Ob allerdings die sinkende Bereitschaft, dem Arbeitsplatz Krankenhaus den Rücken zu kehren (44 Prozent vs. 53 Prozent 2007), nicht auch mit einer mangelhaften Attraktivität der Niederlassung zu tun hat, bleibt zumindest offen.

Denn eine aktuelle repräsentative Umfrage von TNS-Infratest kommt zu dem Ergebnis, dass die Unzufriedenheit mit ihrer beruflichen Situation bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten eher noch höher ist als bei den im Angestelltenverhältnis tätigen. Auch in dieser Erhebung steht das Übermaß an Bürokratie an erster Stelle der Mängelliste, gefolgt von der hohen Arbeitsbelastung, die, bei Ärztinnen noch mehr als bei den männlichen Kollegen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf infrage stellt.

Metaanalysen einschlägiger Studien zeigen zudem, dass eine hohe Motivation zu Beginn der ärztlichen Berufstätigkeit mit zunehmendem Berufsalter deutliche Abstriche erfährt und dass dabei ein unmittelbarer Zusammenhang mit der Qualität der Patientenversorgung besteht. Auch wenn man mit der Diagnose eines Burnout-Syndroms (Z73.0) eher zurückhaltend sein sollte, treffen viele Symptome der 1974 von dem Psychoanalytiker Herbert Freudenberger erstmals bei „heilenden Berufen“ beschriebenen Phänomenologie auf einen großen Teil dieser „desillusionierten“ Ärztinnen und Ärzte zu.

Dabei ist es eine irrige Hoffnung, an den von Betroffenen und verantwortlichen Politikern unisono immer wieder eingeforderten und versprochenen Bürokratieabbau zu glauben und darauf zu warten. Dem steht der gesellschaftliche Wunsch nach der möglichst gerechten Verteilung begrenzter Ressourcen im Wege. Hier muss man weiter an möglichst intelligenten - inklusive elektronischen - Lösungen arbeiten, um den damit verbundenen zeitlichen Aufwand für kurativ tätige Ärztinnen und Ärzte einzugrenzen.

Einigen Spielraum gibt es dagegen noch bei der Gestaltung neuer Arbeitszeitmodelle und flankierender Maßnahmen durch Arbeitgeber. Über einige gelungene Beispiele aus unserem Kammerbereich wird in diesem Heft berichtet (S. 22 ff.).

Dennoch sollte unserer Gesellschaft klar sein, dass ein funktionierendes Gesundheitswesen von der hohen Motivation der in diesem Umfeld Beschäftigten lebt und dass die bewusste Missachtung eindeutiger Warnhinweise - wie im richtigen Leben - irgendwann bestraft wird.

.... geht in die Irre.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Ihr
Dr. med. Franz-Joseph Bartmann
Präsident