Medizin ist eine Weise des Umgangs von Menschen mit dem Menschen
Vorwort im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt 01/2012
Dr. Franz-Joseph Bartmann„Medizin ist eine Weise des Umgangs von Menschen mit dem Menschen“
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
mit diesem Zitat seines Lehrers Viktor von Weizsäcker eröffnete Horst Eberhard Richter die Dankesrede der frisch gekürten Träger der Paracelsusmedaille der Deutschen Ärzteschaft auf dem 111. Dt. Ärztetag in Ulm.
Die Rede war getragen von der Sorge, dass dieser menschliche Umgang gefährdet würde durch Ökonomisierung, Bürokratisierung und totale Technisierung der Medizin. „Im Würgegriff einer überhandnehmenden Fremdbestimmung der ärztlichen Tätigkeit schrumpft die Chance für geduldige Zuwendung, für Einfühlung und persönliche Anteilnahme.“
Am 19.12. ist dieser große Arzt und Psychoanalytiker, Vorbild und Idolfigur einer ganzen – meiner – Studentengeneration im Alter von 88 Jahren verstorben. Als einer der Mitbegründer der Deutschen Sektion der IPPNW – Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges – war er als Publizist und Autor auch über seine engere Profession hinaus breiten Bevölkerungs- und Gesellschaftsschichten bekannt und hoch angesehen.
Einem seiner engsten Mitstreiter und Verbündeten im Kampf gegen nukleare Aufrüstung und menschliches Leid durch Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen, Prof. Ulrich Gottstein, war es vergönnt, aus gleichem Anlass auf der Eröffnungsveranstaltung zum 114. Dt. Ärztetag in Kiel die Dankesrede der diesjährigen Geehrten zu halten. Die zentrale Botschaft „Wir werden Euch nicht helfen können“ stand im Zentrum seiner flammenden Rede gegen mögliche deletäre Einsatzfolgen der Kernenergie in Krieg und Frieden. Besonders bemerkenswert und in gewisser Weise ein Vorgriff auf den weiteren Verlauf der Beratungen der folgenden Tage war sein eindeutiges Bekenntnis zur Aufrechterhaltung des ärztlichen Ethos bei der Lebens- und Sterbensbegleitung unserer Patienten sowie die weitere Stärkung der stationären und ambulanten Palliativmedizin.
Die für alle Beteiligten und Beobachter eindrucksvollen Diskussionen und Entscheidungen zu medizinischethischen Entscheidungen am Anfang und Ende menschlicher Existenz werden den Kieler Ärztetag in bleibender Erinnerung halten. Viele waren sich am Ende einig, dass hierzu nicht zuletzt die trotz der bevorstehenden Wahlen zum Präsidium lockere und aufgeschlossene „Kieler Atmosphäre“ einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet hat. Kiel hat sich in dieser ersten Juniwoche von seiner besten Seite präsentiert!
Gäbe es in der Gesundheitspolitik ein Wort des Jahres, wäre das für 2011 mit großer Wahrscheinlichkeit der „Ärztemangel“. Beschrieben wird damit das Phänomen, dass trotz unverminderten Neuzugangs durch erfolgreiche Studienabgänger und damit auch steigender Arztzahlen freie Stellen in Praxis und Klinik häufig nicht besetzt werden können. Zahlreiche Spekulationen über die Ursachen und daraus erwachsende Lösungsvorschläge haben sich im Laufe der Zeit als nicht haltbar oder gangbar erwiesen.
Sicher ist nur, dass geänderte Anforderungen und Voraussetzungen in einer hochmobilen Informationsgesellschaft Auswirkungen haben müssen auf die Ausbildung der zukünftigen Ärztegenerationen und vor allem auch die geänderten Erwartungen der Berufsanfänger an das ärztliche Arbeitsumfeld berücksichtigt sein wollen.
Andererseits – und dies wiederum zitiert aus der Rede von Horst Eberhard Richter: „An den Arztberuf knüpft sich seit alter Zeit die Erwartung, dass er dem Guten diene.“ Und dieses Motiv sieht er durch eigene Studien auch bei jungen Studentinnen und Studenten der nachwachsenden Generation verankert.
„Ich hoffe, dass ein praktischer Optimismus im ärztlichen Engagement ein geeignetes Mittel ist, einem heute weit verbreiteten Pessimismus zu widersprechen.“
Mit freundlichen kollegialen Grüßen und Wünschen für ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2012
Ihr
Dr. med. Franz-Joseph Bartmann
Präsident




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