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Hemmungsloses Gewinnstreben?

Vorwort im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt 02/2012

Dr. Franz-Joseph BartmannDr. Franz-Joseph BartmannLiebe Kolleginnen und Kollegen,

dass er kein Freund von Ärzten ist, daraus hat der Kolumnist des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (SHZ), Thomas Habicht, noch nie ein Hehl gemacht. Allerdings zeichnet den Spartenleiter Kultur und Politik bei Radio Berlin Brandenburg (RBB) im Allgemeinen ein hohes Maß an Hintergrundwissen und das Bemühen um einen möglichst wertfreien und sauber recherchierten Journalismus aus.

Da muss er einen rabenschwarzen Tag erwischt haben, als er jungen Ärztinnen und Ärzten in seiner Kolumne auf Seite 2 am 20. Januar „hemmungsloses“ Gewinnstreben nachsagte und dies begründet mit dem Hinweis auf das teure, von „Verkäuferinnen und Busfahrern“ finanzierte Studium und dem anschließenden Bemühen der Absolventinnen und Absolventen, sich nach eigenen Vorstellungen und Neigungen im Berufsleben zu platzieren.

Das Medizinstudium ist einer der längsten und aufreibendsten akademischen Bildungsgänge. Und die jungen Studentinnen und Studenten erleben, dass ihre Altersgenossen beim eigenen Hochschulabschluss den ersten, oft entscheidenden und prägenden Teil der Karriere bereits hinter sich gelassen haben und Führungspositionen in der freien Wirtschaft oder Politik anstreben. Man selbst hat zu diesem Zeitpunkt bis zur Möglichkeit der selbstständigen Berufsausübung noch fünf oder sechs Jahre subalterner Tätigkeit unter teilweise schwierigsten Arbeitsbedingungen bis zum Abschluss der Weiterbildung vor sich. Tatsächlich entscheidet sich der eine oder die andere zu diesem Zeitpunkt dafür, seine im Studium erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten außerhalb der kurativen Medizin einzusetzen. Aber auch derartige Tätigkeiten können durchaus von hohem gesellschaftlichem Nutzen sein und den Aufwand des Studiums rechtfertigen.

Und die Wahrnehmung, dass junge Mediziner, die „nach England und Norwegen“ auswandern, für den „Ärztemangel“ in Deutschland verantwortlich seien, ist längst als Mär enttarnt. Diese Länder sind vor allem wegen der besseren Arbeitsbedingungen bei etwa gleichem Nettogehalt attraktiv. Allerdings nutzen von den 0,6 Prozent Absolventen eines Ausbildungsjahrgangs, die irgendwann einmal ins Ausland gehen, ca. 70 Prozent einen vorübergehenden Aufenthalt in den USA als Sprungbrett für eine Karriere im eigenen Land. Und auch von den innereuropäischen Arbeitsexilanten kehren nicht wenige, um einiges an Erfahrung reicher, früher oder später nach Deutschland zurück.

Und im Hinblick auf das „hemmungslose Gewinnstreben“ haben Soziologen bei der Decodierung ärztlichen Verhaltens mit entsprechenden Interviewtechniken herausgefunden, dass Forderungen nach besserer Vergütung nur zum Teil einer finanziellen Zugewinnerwartung entspringen. Mindestens ebenso stark verbirgt sich dahinter der Wunsch nach Kompensation eines gefühlten oder tatsächlichen Ansehens- und Vertrauensverlustes in der Öffentlichkeit.

Letzteres konnte man wieder einmal erleben bei den Reaktionen auf die Veröffentlichung des Referentenentwurfes zum Patientenrechtegesetz. Die von „Verbraucherschützern“ geforderte generelle Beweislastumkehr bei allen vermeintlichen oder gefühlten Behandlungsfehlern lässt einen unwillkürlich denken an einen früheren Slogan in amerikanischen Wartezimmern:

Feeling sick – contact your lawyer (Sie fühlen sich krank? - Suchen Sie Ihren Rechtanwalt auf!)

Aber selbst dort geht die Beweislast nur bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz auf den Arzt über.

Bei mancher öffentlicher Berichterstattung bleibt letztendlich nur eines übrig:

Hemmungslose Polemik!

Ihr
Dr. med. Franz-Joseph Bartmann
Präsident