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Der Reiz des Neuen

Vorwort im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt 09/2011

Dr. Franz-Joseph BartmannDr. Franz-Joseph BartmannDer Reiz des Neuen

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wirklich Neues erkennt man am zuverlässigsten daran, dass neben der Faszination, die es zunächst auf Wenige ausübt, sich bei Anderen heftiger Widerstand breit macht aus Angst vor möglichen Gefahren und einem gefürchteten Kontrollverlust über tradierte Werte.

Eines hat allerdings in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie funktioniert: Eine Entwicklung, für die der Zeitgeist empfänglich ist, durch Verbot oder Boykott aufzuhalten.

Ende vergangenen Monats wurden wir anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Micky Maus in Deutschland auch an die anfänglich vehementen Proteste und die Verbotsforderungen vor allem des Bildungsbürgertums erinnert. Für Kinder der unmittelbaren Nachkriegsgeneration war dies ein Anreiz, der die - heimliche - Lektüre geradezu zur Pflicht machte. Kioskbesitzer in der Nachbarschaft von Waldorfschulen können dies noch heute am Umsatz im einschlägigen Nachfolgesegment erkennen.

Im Übrigen ist das kollektive Gedächtnis im Hinblick auf derartige Initialisierungsprozesse vergleichsweise kurz. Revolutionäres, wie die Entwicklung im Bereich der digitalen Tonträger, wird rasch zur Normalität. Und es ist schon erstaunlich, dass nur wenige Monate nach massiven öffentlichen Protesten gegen das Streetview-Projekt von Google die Aufnahmewagen des Konkurrenten Microsoft unter dem Label „Streetside“ weitgehend unbehelligt ihre Runden durch Städte und Dörfer ziehen. Vor diesem Hintergrund ist auch fraglich, ob sich die Datenschützer mit ihren - berechtigten - Vorbehalten und Strafandrohungen gegen den „Gefällt mir Button“ werden durchsetzen können.

Auch in der Berufspolitik sind uns derartige Entwicklungen nicht unbekannt. Im Schatten der unendlichen Diskussion über die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte haben sich elektronische Patienten- und Fallakten in Teilbereichen längst etabliert. Und die elektronische Übermittlung digitaler Daten erfolgt in speziellen Fachgebieten längst auf breiter Ebene, allerdings - noch - ohne den qualitativen Datenschutz, den die Gesundheitskarte dabei sicherstellen sollte.

Erinnert sei auch an den Grad der Entrüstung, den die Ankündigung der AOK zur Einführung eines Arztbewertungsportals in der Ärzteschaft ausgelöst hat. Die aktive Mitarbeit und Beratung durch die verfasste Ärzteschaft hat dabei zu einem durchaus respektablen Ergebnis geführt. Die Einführung deutlich schlechterer Nachahmerprodukte in jüngster Vergangenheit wird dagegen schon vergleichsweise gelassen zur Kenntnis genommen.

Ganz offensichtlich von neuer Qualität, weil umgehend die berufsrechtliche Sanktion und das Verbot gefordert wurde, ist das Internetangebot eines knappen Dutzends honoriger ehemaliger Ordinarien und Meinungsführer aus der Orthopädie zur Einholung einer - gebührenpflichtigen - Zweitmeinung vor operativem Gelenkersatz und bei Wirbelsäuleneingriffen. Nicht zufällig ist der Sitz des Anbieters der Plattform die Schweiz, wo Zweitmeinungsverfahren im Internet längst etabliert sind. Über die Intention, das Verfahren und das Geschäftsmodell kann man trefflich streiten. Die Kritik aber, dass einige der Herren zu ihren aktiven Zeiten selbst nicht durch besondere Zurückhaltung in der Indikationsstellung aufgefallen sind, spricht nicht gegen Kompetenz in diesem Kontext. Denn unstrittig kann man durch eigene Erfahrungen auch klüger werden. Eine große überregionale deutsche Tageszeitung hat dies mit der Bemerkung auf den Punkt gebracht:

Die schärfsten Kritiker der Elche warn‘ früher selber welche.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Ihr
Dr. med. Franz-Joseph Bartmann
Präsident