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Heilberufe im Norden wollen Qualitätsversorgung statt Discountmedizin

Pressemitteilung der IDH - Interessengemeinschaft der Heilberufe in Schleswig-Holstein

13.10.2008

Staatliche Eingriffe auf der einen Seite, zunehmende Macht kapitalstarker Konzerne auf der anderen: Freiberufliche Heilberufler sehen sich im Gesundheitswesen von zwei Seiten bedroht. Auf dem 1. Schleswig-Holsteinischen Heilberufetag in Kiel trat die Interessengemeinschaft der Heilberufe (IdH) aus Ärzten, Apothekern, Psychotherapeuten und Zahnärzten für faire Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen ein.

Greifen bald Heuschrecken nach Zahnarztpraxen? Gastredner Professor Eberhard Wille warnte in Kiel vor Übertreibungen und die Ökonomie als Gegner aufzufassen. Der Vorsitzende des Sachverständigenrates für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen beim Bundesgesundheitsministerium machte klar, dass Ökonomie aus dem Gesundheitswesen nicht wegzudenken ist. Nicht der Wettbewerb an sich, sondern die Bedingungen, unter denen er geführt wird, seien entscheidend. Da sieht Wille bislang allerdings keine gleichlangen Spieße etwa zwischen Klinikketten und niedergelassenen Ärzten.

Auch die Zahnärztekammer ist besorgt über die aktuelle Entwicklung im Gesundheitswesen. Allerdings, wie Kammerpräsident Hans-Peter Küchenmeister deutlich machte, nicht einseitig über die Ökonomisierung, sondern mehr über die staatlichen Eingriffe: „Auf der einen Seite engt der Staat mit immer neuen Vorgaben den Spielraum für Praxisinhaber ein, auf der anderen Seite öffnet er Kapitalgesellschaften die Möglichkeit in die Versorgung einzugreifen“, sagte Küchenmeister.

Im Gegensatz zur ausschließlich profitorientierten Konkurrenz aber wollen die niedergelassenen Zahnärzte weder outsourcen, noch globalisieren, sondern wohnortnah versorgen. Küchenmeister machte deutlich, dass die niedergelassenen Zahnärzte in puncto Behandlungsqualität, Service und Wohnortnähe eigentlich unschlagbar sind.

Schleswig-Holsteins KZV-Vorstahndsvorsitzender Dr. Peter Kriett beobachtet die staatlichen Eingriffe in das Gesundheitssystem mindestens ebenso kritisch wie die Ökonomisierung. „Eine wohl verstandene Ökonomisierung des Gesundheitswesens kann nicht auf die Balance zwischen sozialstaatlicher Fürsorge und privatwirtschaftlicher Effizienzfindung verzichten. Keine von beiden Seiten darf dominieren“, sagte Kriett.

Kriett zeigte sich überzeugt, dass eine Entwicklung wie im ärztlichen Bereich bei den Zahnärzten nicht eintreten wird, weil sich das Eindringen in den ambulanten zahnärztlichen Versorgungsbereich für die Kliniken nicht lohnt

Weitaus stärker als die Zahnärzte spüren die niedergelassenen Ärzte die Folgen der Ökonomisierung. Denn in vielen Regionen kaufen Kliniken derzeit Kassenzulassungen auf, um eigene Medizinische Versorgungszentren (MVZ) zu gründen. Junge niederlassungswilligen Ärzte sind schon beim Wettbewerb um einen Praxissitz im Nachteil, so Ärztekammerpräsident Dr. Franz Bartmann, weil sie nicht mit der Kapitalkraft von Kliniken konkurrieren können. Auch Wille sieht Risiken, wenn Kliniken MVZ betreiben. Denn bestimmte Leistungen könnten vom stationären in den ambulanten Sektor verlagert werden, um die Fallpauschalen mit weniger Aufwand zu erzielen

Diplom-Psychologin Juliane Dürkop, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer, sieht ihre Berufskollegen zunehmend in die Rolle eines bloßen Wettbewerbers gedrängt. Sie befürchtet, dass durch eine „Vermarktung der Heilkunde“ tragende ethische Positionen der Heilberufe für diese zu einem Wettbewerbsnachteil werden.

Dr. Peter Froese, Vorsitzender des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein, sieht seine Berufsgruppe längst in einem harten Wettbewerb untereinander – was diese auch nicht kritisieren, weil er mit gleichlangen Spießen geführt wird. Von diesem Wettbewerb profitierten die Patienten. Durch das Eindringen großer Kapitalgesellschaften aber verändere sich nicht nur der Wettbewerb, sondern auch die Patientenversorgung – denn die sei nicht unbedingt kompatibel mit den Unternehmenszielen großer Kapitalgesellschaften

Ausrichter des Heilberufetages war die Informationsstelle der Heilberufe (IDH), eine Institution, in der sich im Norden die Körperschaften von Zahnärzten, Ärzten, Apothekern und Psychotherapeuten zusammengeschlossen haben. Küchenmeister, als amtierender IDH-Sprecher in diesem Jahr hauptverantwortlich für den Heilberufetag, zeigte sich mit der Resonanz zufrieden. „Unsere Botschaften sind angekommen.“ Neben den Teilnehmern aus den vier Berufsgruppen hatten sich viele Landespolitiker und Medien sich für das Thema interessiert.

„Das Gesundheitswesen wird immer wieder als Wachstumsbranche bezeichnet. Ausgerechnet den Heilberufen, die die Basisversorgung leisten, verwehrt der Gesetzgeber aber mit seinen staatlichen Eingriffen, an diesem Wachstum zu partizipieren. Die Gewinne wollen finanzstarke Investoren abschöpfen“, kritisiert der Kammerpräsident. „Dabei weiß jeder, dass freiberuflich geführte Praxen und Apotheken als Garanten einer patientennahen Versorgung die Pfeiler der Gesellschaft sind.“

Kontakt:
IDH-Interessengemeinschaft der Heilberufe
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