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Medizin und Wissenschaft

Über mentale Transformationsprozesse

Psychoanalyse und EMDR (Eye Movement Desensitization Reprocessing): Diese zwei prima vista sehr unterschiedlichen therapeutischen Methoden stellte der Psychoanalytiker Prof. Dr. Reinhard Plassmann, Chefarzt des Psychotherapeutischen Zentrums Bad Mergentheim, auf Einladung des John-Rittmeister-Instituts für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatik Schleswig-Holstein e. V. bei einem öffentlichen Vortrag in Kiel gegenüber.

 
Prof. Dr. Reinhard Plassmann
(Foto: Privat)
 

Plassmanns Ausgangsbasis ist die Konfrontation von Patienten mit schweren emotionalen Belastungszuständen, deren seelische Verarbeitungsprozesse blockiert sind. Seit vielen Jahren liegt sein Arbeitsschwerpunkt auf der Frage, wie der Behandlungsprozess günstig beeinflusst werden kann. Bevor die Arbeit am krankmachenden seelischen Material, den negativen Gefühlen, den damit verbundenen Körperrepräsentanzen und Gedanken möglich ist, muss der seelische Verarbeitungsapparat, das Wahrnehmen, Fühlen und Denken in die Lage versetzt werden, die Durcharbeitung zu leisten. Vor den Inhaltsdeutungen müssen durch die von ihm so benannten „Prozessdeutungen“ dem Patienten helfen, die Blockierung zu überwinden, das Augenmerk gilt anfangs ganz dem Prozess.

Die Prozessorientierung des EMDR habe ihn angezogen, man sehe im EMDR den Transformationsprozess wie im Zeitraffer vor den eigenen Augen ablaufen.

Allerdings verlangt das EMDR im sog. Standardprotokoll ein stark strukturiertes Vorgehen, während sich psychoanalytisches Vorgehen durch den freien Fluss des psychischen Geschehens auszeichnet.

Bei der Annäherung an das EMDR schwebte Plassmann ein solch freier Fluss des Seelischen kombiniert mit einer zuverlässigen Prozesssteuerung vor.

Das EMDR nutzt die geniale Zufallsentdeckung der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro, dass bilaterale Augenbewegungen eine deblockierende Wirkung auf den mentalen Transformationsprozess haben. Vermutlich werden durch die rhythmischen Augenbewegungen inkohärente chaotische mentale Prozesse rhythmisiert und der kreative Gefühls- und Gedankenfluss wieder ermöglicht.

Selbstorganisation als Kerngedanke: Der Transformationsprozess findet optimale Bedingungen vor, wenn das komplexe System Patient und das komplexe System Therapeut den richtigen Rhythmus, d. h. den kreativen Eigenrhythmus der Interaktion in jedem Moment selbstorganisatorisch entstehen lassen. Diese Muster der Koordination sind keine Eigenschaft der Inhalte, sondern etwas Drittes zwischen Therapeut und Patient. Sie sind in jedem Moment der Analysestunde präexistent und wollen sich realisieren. Die Kunst, so Plassmann, liege nicht im Tun, sondern im Lassen. Daher lautet der Titel seines aktuellen „Lieblingsbuches“: Die Kunst des Lassens.

Im Bereich der Transformationsmodelle gibt es eine große Nähe zwischen der Psychoanalyse, der Neurobiologie und den Forschungen um das EMDR. Die Modelle sind körper- und emotionszentriert, wie dies in der modernen Traumatherapie der Fall ist. In der Plassmann'schen Klinik wird das sog. Kurz-EMDR mit lediglich drei Augenbewegungs-Sets angewendet zur Deblockierung emotionaler Überlastungssituationen. Gut vorstellbar sei, dass man das EMDR auch gar nicht anwende, sondern durch die Fokussierung auf den Behandlungsprozess und das Modell der Selbstorganisation davon profitiert. Der Vortrag war ebenso instruktiv wie bereichernd und wurde lebhaft diskutiert.

Dr. Christel Böhme-Bloem


Schleswig-Holsteinisches
Ärzteblatt 3/2009

S. 68